Es war keine zufällige Wahl. Es war die Wahl 2012 in Westdeutschland, und ihre Bedeutung kann kaum mit den Wahlen in Schleswig-Holstein oder im Saarland verglichen werden. Das Saarland ist kaum eine Stadt, und in der Bundespolitik ist es, wie Schleswig-Holstein, weitgehend unbedeutend. So oder so gibt es eine Debatte darüber, ob die beiden Bundesstaaten auf Dauer unabhängig voneinander existieren können – im Norden ist seit langem von einem Nordstaat die Rede, im Südwesten sind Veränderungen möglich.

Was macht Nordrhein-Westfalen auf der linken Seite so wichtig? Eine davon ist ihre große Bevölkerung. In diesem Bundesland leben mehr Menschen als in ganz Ostdeutschland – aber anders als in Ostdeutschland nimmt die Bevölkerung nicht so schnell ab wie zwischen dem Erzgebirge und Rügen, und das wird auch in absehbarer Zeit nicht der Fall sein. Beispiellos ist der Zusammenbruch der Fruchtbarkeit in Ostdeutschland nach dem Fall der Berliner Mauer. 1,8 Kinder pro Frau gingen in zwei Jahren auf 0,4 Kinder pro Frau zurück – 2,1 Kinder sind notwendig, um die derzeitige Bevölkerung zu erhalten. Die dumme Propaganda der CDU in Sachsen hat sogar die Linke glauben lassen, dass die Bevölkerung Sachsens, insbesondere Dresdens, „wächst“. Doch die Zahl der Todesfälle übersteigt nach wie vor die Zahl der Geburten, und die Dresdner Stadtverwaltung konnte sich in den Medien nur als ein wachsender Bereich darstellen, z.B. in Dresden geborene Kinder, deren Eltern in der Nähe der Stadt leben. Darüber hinaus wurden die Studenten davon überzeugt, Dresden zu ihrem Hauptwohnsitz zu erklären; die Registrierung war ein weiterer beliebter Trick, um die Bevölkerung der Gemeinde zu „vergrößern“. In Nordrhein-Westfalen hingegen ist die Geburtenrate seit 1990 nicht mehr zurückgegangen. Zudem gibt es im Ruhrgebiet eine starke Bevölkerungsgruppe mit türkischem Migrationshintergrund, zu der linke Parteien in Nordrhein-Westfalen kaum Zugang haben. Aber Nordrhein-Westfalen ist nicht nur eine große Bevölkerung, sondern auch eine große Zahl von Erwerbstätigen, die in den letzten 20 Jahren stark von Umstrukturierungen betroffen war. Man könnte meinen, es sei der linke Hauptkunde. Drittens schließlich hat die WASG zwei reproduktive Zellen im Westen: in Franken (daher der Parteivorsitzende Klaus Ernst) und in Nordrhein-Westfalen.

Ob sie in den Düsseldorfer Landtag einzieht oder nicht, allein die Tatsache der Erschütterung der Linken zeigt, dass es der Partei nicht gelungen ist, ihre Position im wichtigsten westdeutschen Bundesland seit ihrer Gründung mit einer vernünftigen, auf die Bedürfnisse und Probleme der Bevölkerung ausgerichteten Politik zu festigen. Aber wenn die Linke in Nordrhein-Westfalen versagt hätte, gäbe es über Westdeutschland nichts zu reden. Denn im Westen ist dies das Sendegebiet des WDR, dies ist NRW. Niemand kann die NRW. In Schleswig-Holstein sind die Partei und ihre Spitzenleute nicht wiederzuerkennen. In Nordrhein-Westfalen hat die Partei ein unterschiedliches Potenzial, aber die kleinen Gruppen sind so uneinheitlich, dass man sie in Nordrhein-Westfalen noch immer nicht als „links“ bezeichnen kann. Die CDU hofft nun auf eine knappe Erfolgsquote (6%) – denn dies könnte bedeuten, dass Rot und Grün keine ausreichende Mehrheit haben werden. Gleichzeitig ist Wolfgang Clement als Wahlkampfhelfer in Nordrhein-Westfalen, und als LDP-Wahlkampfhelfer erkennt man ihn an den gekrümmten Abstimmungen der LDP im rechten Flügel der SPD. Nach Schleswig-Holstein ist die LDP ohnehin wieder ins Rampenlicht gerückt, und mit einem klaren Fokus auf den rechten Flügel der SPD bestehen gute Chancen, dass die Wahlstrategie der LDP erfolgreich sein wird. Man kann sich die LDP vorstellen, wie man will, aber sie war in ihrem Wahlkampf nicht ungeschickt.

Nun ist es fast irrelevant, ob die Linke 3%, 5% oder 7% auf NW bekommt – nicht weniger als 10% ist zu wenig. Wer in Nordrhein-Westfalen nicht gewinnt und weiterhin große Fortschritte bei der Unterstützung der Wähler macht, riskiert, Westdeutschland zu verlieren, so dass das gesamte Projekt der Linkspartei (zur Erinnerung: die Linkspartei wurde gegründet, um den westdeutschen Wählern endlich eine Wahlalternative zur Linken aus der SPD zu bieten, sonst müssten sie nicht auf die PDS oder die HASG verzichten) problematisch wurde. In der Frage, was letztlich die Antwort auf fundamentale Fragen ist, zerfällt die Linke allmählich ohne eine akzeptierte Linie. Die Linke fühlte sich in Berlin fast nicht vertreten und kritisierte nicht nur den Kapitalismus, sondern trat wie Gesine Letzsch für die Suche nach Alternativen ein. Aber gleichzeitig standen sie der Mehrheit der reformistischen kapitalistischen Kräfte in ihrer eigenen Partei gegenüber und schwammen mit ihren eigenen Meinungen unter einem Zeichen, das ihnen nicht passte. Die Tatsache, dass die Linke in Nordrhein-Westfalen nicht aus dem Rampenlicht herauskam, spiegelte die Lähmung der Partei als Ganzes wider. Die Regionalkonferenzen beginnen am 15. Mai, und Gordian wird bald eintreffen. Es ist an der Zeit, den gordischen Knoten zu durchschneiden, aber wir mussten dies lange vor den Wahlen in Nordrhein-Westfalen tun.