Zum zweiten und letzten Mal gewann ein Franzose die Friedensfahrt

Von Ralf Fiebelkorn

Von 1948 bis 2004 und 2006 gehörte der Monat Mai dem Radsport, mit der Internationalen Friedensfahrt, dem „Course de la Paix“. Im Interview mit dem „Neuen Deutschland“ antwortete der Präsident des Internationalen Radsportverbandes (UCI) Anfang Mai 1969 auf die aus heutiger Sicht vielleicht abgehobene Frage: „Herr Präsident, glauben Sie, daß die Friedensfahrt — symbolisch gemeint – Züge einer Weltmeisterschaft trägt?“ – Rodoni: „Ich glaube, daß sich die Bedeutung des Rennens schon nach dieser Anfangsetappe wieder bestätigt hat. Die hochklassige Beteiligung und die große Begeisterung der Bevölkerung hebt den Wert der Fahrt Jahr für Jahr und läßt die Frage bejahen, daß sie faktisch den Charakter einer Etappen-WM trägt.“

Am Ziel der ersten Etappe jubelten 100.000 Polen dem Sieger zu. Es war ihr Landsmann Zygmunt Hanusik, der den Spurt vor dem Belgier Jean Ronsmans und dem Dänen Ole Hojlund Pedersen gewann. Das Jahr 1969 war für die Friedensfahrt besonders. Erstmals sollte das Rennen nicht durch die ?SSR führen. Die politischen Ereignisse um den „Prager Frühling“ ließen keine sichere Durchführung der Friedensfahrt auf tschechischem Boden erkennen. So entschied das Organisationsbüro, bestehend aus polnischen, tschechischen und deutschen Mitgliedern, die Fahrt in Warschau starten und endet in Berlin enden zu lassen. Der tschechische Radsportverband meldete keine Mannschaft an.

Nachdem die tschechische Regierung an die Organisation der Friedensfahrt mit der Bitte herantrat, doch mindestens eine Etappe über tschechisches Territorium laufen zu lassen, stimmten die Organisatoren am 8. Mai zu und änderten die Streckenführung. Die sechste Etappe führte statt von Walbrzych nach Wroclaw (152 km) nun von Jakuszyczc durch die Orte Novy Svet, Trutnov, Nachod und Beloves in der ?SSR, zurück ins polnische Wroclaw. So wurde die Etappe 98 km länger als geplant. Diese Etappe gewann der DDR-Fahrer Dieter Gonschorek im Spurt vor den zwei Polen Zenon Czechowski und Ryszard Szurkowski sowie dem Franzosen Jean-Pierre Danguillaume. Wenige Tage später siegte der Franzose auf der elften Etappe beim Zeitfahren über 58 km von Wilhelm-Pieck-Stadt Guben nach Cottbus. Er übernahm das Gelbe Trikot des Führenden von Ryzard Szurkowski, dem er 2:53 Minuten abnahm.

Einige Tage vor dem Start der Friedensfahrt schrieb Klaus Huhn im ND über mögliche Karriere-Chancen von ausländischen Radsportlern, die die Friedensfahrt gewonnen haben. Er formulierte: „Wer die Friedensfahrt gewinnt, darf sicher sein, daß sein Name nicht in Vergessenheit gerät. Ein Sieg bescherte schon manchem aus Holland, Frankreich, Belgien die lukrativsten Verträge. Der Holländer Damen kam aus der Friedensfahrt direkt in die Tour de France. Wer diese Prüfung gewonnen hat, braucht keine Prüfung mehr abzulegen, meinten die Manager eines großen holländischen Fabrikstalls und steckten Damen sofort in das Tour-de-France-Trikot. Der Franzose Genet bekam sogar einen guten Vertrag dafür, daß er einige Tage das Gelbe Trikot der Friedensfahrt getragen hatte.“

Auch Jean-Pierre Danguillaume ging zu den Profis. Er unterschrieb einen Vertrag bei Peugeot und fuhr bis zum Ende seiner Laufbahn in diesem Team. Dort errang er 68 Siege in acht Jahren, darunter sieben Etappen der Tour de France. Bei den Straßenradweltmeisterschaften der Profis gewann Danguillaume 1975 die Bronzemedaille im Spurt noch vor dem Belgier Eddy Merckx, der am Ende Achter wurde. Weltmeister wurde der Olympiasieger im Straßenradrennen von München 1972, der Niederländer Hennie Kuiper.

Da ich mit Klaus Huhn über die Zeitung „LEIPZIGS NEUE“ und über das Radsportmuseum in Kleinmühlingen öfter Kontakt hatte, erzählte er mir einmal eine kleine Geschichte mit Danguillaume als Hauptakteur. Am Morgen vor der elften Etappe der 69er Friedensfahrt bat Jean-Pierre Klaus Huhn, er möge ihm zur Hälfte der Zeitfahr-Etappe die Zwischenzeit sagen. Er würde sich dafür revanchieren. Klaus Huhn tat das, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ein Jahr später trafen sie sich bei der Tour de France wieder. Oft sprachen sie miteinander. Der Journalist Klaus Huhn erfuhr so viel über das Geschehen auf den einzelnen Etappen, was man sonst nur in Teilen bei den heutigen Live-Berichterstattungen im Fernsehen oder Internet erfährt. Am 18. Juli 1970 fand die vorletzte Etappe der Tour statt. Nach 238,5 km gewann Jean-Pierre Danguillaume den Spurt auf der Aschenbahn des Versailler Stadions. Nach seinem Sieg, umringt von einer großen Schar Reporter, antwortete er auf ihre Fragen: „Mein erster Tour-Etappensieg, ein großer Tag, allerdings nicht mein größter, denn den feierte ich als Sieger der Friedensfahrt“. Der Manager seines Teams, der zufällig neben Klaus Huhn stand und ihn kannte, fragte diesen darauf: „Ganz unter uns: Was haben Sie ihm dafür bezahlt?“ Für ihn war unverständlich, das Jean-Pierre Danguillaume seine Sätze aus innerster Überzeugung so formuliert hatte.

Die Freunde der Friedensfahrt im sachsenanhaltischen Kleinmühlingen haben lange darum gekämpft, den Sieg Danguillaumes fünzig Jahre später gemeinsam mit ihm zu feiern. Leider hat das nicht geklappt. Trotzdem treffen sich wieder ehemalige Friedensfahrtteilnehmer am 30. Mai ab 13 Uhr im dortigen Radsportmuseum „Course de la Paix“. Mit dabei sind: Alexander Awerin, Juri Barinow, Pavel Dolezal, Alexander Gusjatnikow, Olaf Ludwig, Iwan Mistschenko, Wladislaw Neljubin, Rolf Töpfer, Gustav-Adolf „Täve“ Schur, Jan Smolik, Gerrit de Vries, Tarek Aboul Zahab …

Die siegreiche DDR-Mannschaft mit den Fahrern (v. l.) Axel Peschel, Manfred Dähne, Dieter Gonschorek, Bernd Knispel, Dieter Grabe, Klaus Ampler und Dieter Mickein