SCHLAFENDE HUNDE – POLITISCHE DICHTUNG DER GEGENWART

Von Lutz Nitzsche Kornel

Schlafende Hunde zu wecken, bewirkt mit hoher Wahrscheinlichkeit deren Agieren, sei es als Knurren, Bellen oder gar Beißen. Das Wesen kam ihnen durch das Erlebthabenmüssen von Prägendem. Sie wurden dadurch „gereizt“ und „aufgeladen“.

SCHLAFENDE HUNDE – POLITISCHE LYRIK, nunmehr in Folge SECHS, wurde als Buch zur diesjährigen Buchmesse in Leipzig am 23. März interessiertem Publikum erstmals präsentiert vom Herausgeber Thomas Bachmann, der auch bekannt ist als Erzähler, Lyriker, Liederschreiber, Musiker u. v. m., der diese Reihe zusammenstellt seit ihrer Gründung 2004, als diese noch die Titelergänzung „ … in der Spaßgesellschaft“ tragen konnte.

Selbst der Berliner Verleger Frank Schumann war zugegen, sprach nach der Lesung in der anschließenden Talk-Runde zu der Krise auf dem jetzigen Buchmarkt, dem Verlagesterben durch die Monopolisierung. An diesem Gespräch mit dem Moderator Thomas Bachmann und dem Publikum nahmen auch die beiden Vorleser, Barbara Bingel, Germanistin aus Frankfurt am Main, und Lutz Nitzsche Kornel, Lyriker, aus Leipzig teil. Sie hatten zum Vortrag die ihnen zum Thema trefflich geeigneten Gedichte anderer Autoren und eigene ausgewählt. Zwischen den Vorträgen brachte das CHANSON-DUO LEIPZIG, Gesang und Piano, französische und russische Stücke.

Was ist politische Dichtung? Schließt sich nicht solche Koppelung aus, führt zur Agitation? Kann aber muss nicht, denn schon im 7. Jahrhundert v. u. Z. wurde der Dichter Trapander nach Sparta durch das Delphische Orakel gerufen, politische Streitigkeiten der Lakedaimonier durch Dichtung beizulegen. Wer erinnert sich nicht noch an mehr oder weniger Gelungenes aus den Befreiungskriegen um 1813, dem Aufbegehren im Vormärz, das zur Revolution 1848 geführt hat, den Revolutionspathos expressionistischer Dichter, der Panegyrik auf Hitler und Stalin, die Wichtigkeit solcher Dichtung zu DDR-Zeiten, so sie kritisch war oder als solches angenommen wurde durch Aufnahme in die Akten des Staatssicherheitsdienstes … Vieles verdarben leider an Interesse die Lehrer in Ost und West.

Dichtung ermöglicht durch seine Spielformen das Deutlichmachen von Ambivalenz, ohne dass der Text in Beliebigkeit zerläuft, wenn auch der Herausgeber im Vorwort formuliert: „… Man kann sich also in der Form verlieren und so recht komfortabel vorm Denken drücken … Es sind die Gedichtlein, welche die Literaturpreise bekommen. Textlein, die niemandem wehtun … Insofern ist der Zustand der Literatur ein guter Spiegel der Gesellschaft, sie ist sprachlos und wird von unendlichem Geschwätz sprachlos gehalten …“ Bachmann wählte sorgsam unter den Einsendern aus, schaute nicht auf prominente Namen, veröffentlichte, wie er in diesem Vorwort weiter formuliert, „… Denkansätze in Hülle und Fülle, hier und da Witz bis hin zu beißendem Spott, Ironie selbstverständlich, Sorge und auch Wut.“

Auch in diesem neuen Band mit 48 Autoren künden viele Stimmen ihre Haltungen und Anschauungen, stets Material für innergesellschaftlichen Diskurs liefernd – von „deutschstolzseindürfen“ des in Kasachstan geborenen Artur Rosenstern: „… mit der muttermilch saugte ich ein dass / das stolz-deutsch-sein die gesundheit / gefährdet …“, der fragenden Betrachtung durch Christine Kahlau, Berlin: „ROTE ARMEE FRAKTION / um nicht wie ihre väter satt zu werden / und nicht stumpf wie ihre mütter …“, zu GrIngo Lahrs, Wuppertal, Sonettform mit ihrer strengen Struktur der Elfsilber in zweimal vierer und zweimal dreier Gliederung, „GUTE DEMOKRATEN BRAUCHEN TREIBSTOFF“: „… Rohstoffe sichern ist die Freiheit, die zählt …“ bis hin zu Nitzsche Kornels „O AVANTGARDE, du permanente Revolution, / Die sich nie erreichen wird, immer wieder / Tanzen gegen gewordene Moden, erstarrte / Emotionen launiger Umstände. Immer / Wieder Versuche aus Momenten, gnädige / Epiphanien des All-Tags gewähren.“ (www.youtube.com/watch?v=Jo3NXYk-Eik)

Für mich gelungen stehen Frederike Freis Arbeiten, in Brandenburg / Havel geboren, die wunderbare Neologismen formte: Immermörder, Trümmermünder, Einmaljasager …, und ihr Texte HANGLAGE, in erweiternden dialektischen Verneinungen „Ich hänge nicht an meiner /Nation, sondern meiner / Sprache […] nicht / an der Freiheit, sondern / an der Wahrheit, nicht / am nicht, sondern am / Sondern.“

Dieser Band bietet Interessierten an der literarischen Umsetzung von die Gesellschaft und den Staat betreffenden Vorgängen reichlich künstlerisch sprachpräzise bearbeitetes Material, kann außer im Buchhandel auch direkt beim Verlag erworben werden, wie teilweise noch Band eins bis fünf. Zwar verging vielen der Spaß in diesen krisenhaften Zeiten, weshalb auch der diesbezügliche Beititel „Spaßgesellschaft“ verschwinden musste, doch blieb und wächst die Freude am Gestalten von politischer Lyrik – und hoffentlich auch am Lesen, Diskutieren und Kritisieren solcher, dass möglicherweise etwas zum Menschen- und Kunstsinnwürdigeren hin geändert werde.

Schlafende Hunde VI – Politische Lyrik, herausgegeben von Thomas Bachmann, Verlag am Park in der Edition Ost, Berlin, 2019, Pb., 236 S, 15,00 €. ISBN 978-3-94 094-39-4