Keep On Singing!

Jens-Paul Wollenberg würdigt Van Morrison

„You’re Driving Me Crazy“ lautet der Titel eines Albums, das Van Morrison gemeinsam mit dem Jazztrompeter und Orgelspieler Joey Defrancesco 2018 auf den Markt brachte. Im Klappcover des Albums sieht man einen offenbar sehr gut gelaunten Van Morrison, der sich schenkelklopfend im Nadelstreifenanzug präsentiert, offensichtlich wegen der gelungenen Produktion der Scheibe. Es ist erstaunlich, wie der sonst ziemlich wortkarge, oft scheinbar schlecht gelaunte Altmeister sich diesmal von einer anderen Seite zeigt.

Immerhin produzierte er im vorigen Jahr vier großartige Platten, wobei sein vierzigstes Album „The Prophet Speaks“ eines der am stärksten gefeierten ist. Hier zog er wiedermal alle Register seines Könnens, indem er Blues, Jazz und Soul verbindet und, neben eigenen Nummern, Songs von John Lee Hooker, Solomon Burke und anderen Musikgiganten so leidenschaftlich einvernimmt, dass man meinen könnte, er habe sie selbst kreiert.

Der am 31. August 1945 im nordirischen Belfast geborene George Ivan Morrison begann seine musikalische Laufbahn bereits als Fünfzehnjähriger. Schon als Kind war er vom Blues „infiziert“ worden. Sein Vater besaß eine enorme Plattensammlung, besonders die Songs von Howlin‘ Wolf, Leadbelly oder Muddy Waters hatten es dem Jungen angetan. Nach dem Schulabschluss zögerte er nicht und trat einer der zahlreichen Skifflebands bei (Skiffle wird auf unkonventionellen, improvisierten Instrumenten gespielt). Dort machte er sich schon einen Namen als professioneller Gitarrist, Mundharmonikaspieler und Saxophonist.

Mit „The Monarchs“ tourte er alsbald durch Großbritannien, bevor er mit „The Manhattans“ begann, sich hauptsächlich dem Rhythm’n’Blues zu widmen. So wurde eine Band auf ihn aufmerksam, die sich in der Szene neben Gruppen wie den Rolling Stones, den Animals oder den Pretty Thinks etabliert hatten. Die Band hieß „Them“ und sie suchte einen Sänger und Harmonicaspieler. Nach einer gemeinsamen Session stand fest, dass Van Morrison, wie er sich fortan nannte, der Richtige war.

Die Band bevorzugte anfänglich noch Coverversionen von Rhythm’n’Blues-Nummern, bevor auch eigene Songs ins Repertoire einflossen, hauptsächlich kreiert durch Van Morrison. 1965 erschien ihre erste LP „Angry Young Them“ und 1966 ihre zweite „Them Again“, auf der bereits folkrockige Stilistik erkennbar war. Das ließ ahnen, auf welche musikalische Laufbahn sich ihr Frontmann vorzubereiten schien. Es folgten mehrere Tourneen, doch Alkohol- und Drogenexzesse führten noch im Sommer dazu, dass Van Morrison der Band den Rücken kehrte, um eine Solokarriere zu beginnen. Immerhin eroberten Titel wie „Ready Steady Go“, „Mystic Eyes“, „You Just Can’t Win“ oder „My Lovely Sad Eyes“ die Charts. Schon die Coverversion von Bob Dylans „It’s All Over Now, Baby Blue“ war ein musikalischer Leckerbissen.

Morrisons erste Soloplatten „Blowing Your Mind“ 1967 und „The Best Of Van Morrison“ 1968 wurden in den USA produziert. Trotz der exzellenten Dynamik in der musikalischen Umsetzung überwog beim fantastischen Sänger die Unzufriedenheit. Er setzte sein ganzes künstlerisches Talent für die folgende Platte „Astral Weeks“ ein, um das wohl sensibelste Album der Rockgeschichte zu erschaffen. Hier brillierten jazzige Akustikgitarren, unterlegt mit unaufdringlichen Streicherfrequenzen, denen ein wuchtiger Kontrabass-Sound zu trotzen schien. Das alles bildet ein magisch klingendes Fundament voller bizarrer Virtuosität. Es bot dem jungen exzentrischen Sänger freien Raum für seine waghalsige, von Improvisation besessene Gesangs-Akrobatik.

Auf der folgenden Scheibe „Moondance“ dominierten hingegen Blechbläser-Passagen, die dem Album einen souligen Charakter bescherten. Auch die Platten „His Band And Street Choir“ von 1970 sowie „Tupelo Honey“ von 1971 überzeugten mit Country-Folkelementen, deren dynamischem Drive sich kaum jemand entziehen konnte. Es folgten weitere Studioplatten, die sich allesamt gut verkauften, bis 1974 eines der gefragtesten Live-Alben überhaupt auf den Markt kam: das Doppelalbum „It’s Too Late To Stop Now“, auf dem Morrison vom „Caledonia Soul Orchester“ begleitet wurde. Inspiriert durch irische Heimatklänge produzierte er im gleichen Jahr das Studioalbum „Veedon Fleece“.

Vom Ende der Siebziger bis in die Achtziger dominierten mystische Themen und Stilistik seine Produktionen, die nicht jedermann gefielen. Erst 1987, mit dem Erscheinen von „Poetic Champions Compose“, kehrte Morrison zu seinen folkjazzigen Wurzeln zurück. Als weiteren besonderen „Leckerbissen“ kann man „Irish Heartbeat“ von 1988 bezeichnen, ein absolutes Folkalbum mit den schon damals legendären „Chieftains“. Es überzeugte bei weitem nicht nur Freunde der irischen Folkmusik. Diese Platte wurde in Fachkreisen hochgelobt und preisgekrönt. Auch am folgenden Album „Avalon Sunset“ wirkten die Folk-Urgesteine mit.

In den frühen Neunzigern arbeite Morrison für mehrere Projekte mit alten Jazzgrößen wie dem Organisten und Sänger Georgie Fame, dem Komponisten und Pianisten Mose Allison, dem Kontrabassisten Ales Dankworth, dem Trompeter Gary Barker und anderen genialen Vertretern der Jazz-Szene zusammen. So präsentierte Van Morrison mit dem Album „How Long Has This Been Going On“ seine erste Platte auf dem renommierten „VERVE“-Label, auf dem schon Ella Fitzgerald, Billy Holiday, Lester Young, Coleman Hawkins oder Stan Getz Weltruhm erlangten – bevor es in den Achtzigern reaktiviert wurde und Jazzrockgrößen wie John McLaughlin, Charlie Haden oder Joe Henderson als Plattform diente.

1997 erschien dann wieder eine typische Van Morrison-Platte, die an alte Produktionen anknüpfte, bevor er wieder bis die 2000er Jahre mit Größen wie Chris Barber oder Lonnie Donegan losjazzte bzw. skiffelte. Allemal befreit Morrisons kräftiger Gesang all das, was die menschliche Seele belasten könnte, duldet jedoch scheinbar nichts neben sich, was ihm im Weg stünde, wären da nicht die ihm paritätischen Mitstreiter aus Saxophon, Gitarre, Bass, Hammondorgel und Schlagzeug, die ihm die Grundlage für seinen unersättlich-exzessiven Gesangsstil bieten. Es war ihm einfach mal vergönnt, all jene anzuheizen, die ihm auf der Bühne oder im Studio nahestanden.

Dass Morrison ein sehr kollegialer Musiker ist, beweist das 2015 erschienene Album „Duets“, auf dem er das Mikro mit George Benson, Taj Mahal, Georgie Fame, Michael Bublé, Mark Knopfler, Natalie Cole, Gregory Porter, Steve Winwood und anderen teilte. Er verneigt sich symbolisch gegenüber deren ganz persönlichen Gesangsstrukturen und ergänzt sich in seiner Stimmgewalt harmonisch mit dem jeweiligen Gesangspartner. Besonders im letzten Titel „How Can A Poor Boy“, wo Morrison versucht, mit dem charismatischen Blues- und Soulsänger Taj Mahal ein ausuferndes Gleichgewicht zu halten, wird einem klar, wie schwer es dem exzentrischen Morrison fiel, sich ein wenig unterzuordnen. Nun ja, wenn zwei Giganten aufeinander treffen, muss man schon mit einem Gewitter rechnen.

Das ebenfalls 2018 produzierte Album „Keep Me Singing“ scheint eine Hommage an sein musikalisches Gesamtwerk zu sein. Es spiegelt seine Vielseitigkeit. Ein singendes Vögelchen ziert das Cover, und Morrisons Stimme erklingt so jung wie auch „Astral Weeks“ von 1968. Sagenhaft!