„Neustadt – das ist der radikale Teil“

Von Holger Czitrich-Stahl

Rosa Luxemburgs gewaltsamer Tod vor 100 Jahren am 15. Januar 1919 führte in den letzten Monaten zu einem spürbar gewachsenen Interesse an Leben und Werk der großen Denkerin und Revolutionärin, deren faszinierende Persönlichkeit immer stärker auch das Bürgertum zu ergreifen scheint. Das ist an der opulenten, aber diskussionsbedürftigen Biographie von Ernst Piper zu ersehen. Umso richtiger ist es, biographische bzw. regionalgeschichtliche Lücken zu füllen, die uns die Wissenschaft bislang hinterlassen hat.

Diesem Anspruch stellt sich das nunmehr 16. Heft der verdienstvollen Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Wie es im Vorwort heißt, lag „eine zusammengefasste Darstellung alter und neuer Kenntnisse zu Rosa Luxemburgs Wirken in Dresden […] nicht vor.“ (S. 7) Sechs Aufsätze, zwei bislang unbeachtete zeitgenössische Berichte über Reden Rosa Luxemburgs, ein lange vergessenes Gedicht und zahlreiche Abbildungen, sogar ein Foto dokumentieren das Bemühen der Autoren und Herausgeber, diese kurze, aber eben doch wichtige Schaffensphase Rosas in der sächsischen Metropole zu rekonstruieren und zu bewerten. Dabei sind nur vier kurze Aufenthalte (polizeilich) gesichert, die von Eckhard Müller und Wilfried Trompelt zusammengestellt wurden. Neben den 39 Tagen ihrer Tätigkeit als Chefredakteurin der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung“ (25. September bis 2. November 1898) handelt es sich um zwei Reden am 10. November 1898 und am 11. Dezember 1911 sowie um ihre Teilnahme am Dresdner Parteitag der SPD (13. Bis 20. September 1903). Seit November 1896 befand sie sich überdies im Visier der sächsischen Polizei und Justiz. (S. 116-118)

Über ihre 39 Tage als Chefredakteurin der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung“ schrieb auch Annelies Laschitza in ihrer bedeutenden Biographie „Im Lebensrausch, trotz alledem“. Rolf Ziegenbein (Dresden) erinnert an diese kurze Phase, die dennoch in die Anfangszeit des Wirkens Rosa Luxemburgs in der deutschen Arbeiterbewegung gehörte, war sie doch erst vier Monate zuvor aus der Schweiz nach Deutschland gekommen. Als der seinerzeitige Chefredakteur des Blattes, Ismail L. Helphand („Parvus“) und Julian Marchlewski („Karski“) als „unerwünschte Personen“ aus Sachsen ausgewiesen wurden, sprang Rosa nach kurzem Überlegen ein, bestärkt auch von Bruno Schoenlank, dem Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung“. Ziegenbeins Beitrag lässt uns hineinschauen in die Umbruch- und Aufbruchsphase Dresdens um die Jahrhundertwende, als sich das Stadtbild und die Infrastruktur rasant wandelten. Das Parteiblatt wiederum galt als umstritten, weil Parvus zur Vermengung politischer Kritik mit persönlichen Angriffen neigte.

Nach einer kurzen Periode der Beruhigung im Blatt entwickelte sich jedoch ein Konflikt zwischen Rosa Luxemburg und anderen Redakteuren wie Georg Gradnauer oder Emil Eichhorn über die Verteilung der Befugnisse der Redakteure bzw. der Kompetenzen der Chefredakteurin sowie über die politische Linie der Zeitung im Konflikt über die Ausrichtung der Partei und ihrer Presse. In dieser Auseinandersetzung sah sich Rosa Luxemburg isoliert und trat – nicht ganz freiwillig – am 2. November 1898 von ihrer Funktion zurück. Aber es waren auch jene 39 Dresdner Tage, die den Grund für eine erstaunliche und wirkungsvolle politisch-publizistische Karriere legten.

Dazu zählte nicht zuletzt ihr Auftreten als Wahlkampfrednerin 1898-1912, das Eckhard Müller in seinem umfangreichen Aufsatz (S. 37-63) nachzeichnet. Dabei gehörte die Wahlagitation keineswegs zu ihren bevorzugten Tätigkeiten, wie sie selbst bekannte. Dieser biographisch strukturierte Beitrag bettet ihr Wirken in Dresden und in Sachsen in den Gesamtkontext ihres Lebens ein und gibt beredten Aufschluss über die Wirkung Rosas als Rednerin. Ihre unmissverständliche Klarheit trug ihr nach einer Rede am 7. Juni 1903 in Mülsen St. Micheln (Kreis Glauchau-Meerane) die bekannte Anklage wegen „Majestätsbeleidigung“ und eine Verurteilung zu drei Monaten Gefängnis ein. Ein unbekanntes Foto vom Dresdner Parteitag zeigt sie übrigens mit Parvus gemeinsam. (S. 45) Dass sich Rosa Luxemburg, Parvus und Georg Gradnauer immer wieder antisemitischen Hetztiraden ausgesetzt sahen, rekonstruiert Sven Brajer. (S. 65-82) Eindeutige Vorläuferbezüge zum Rassenwahn des NS-Regimes sind unverkennbar.

Auf den Titel dieses Heftes rekurriert der politische „Stadtrundgang“ von Wilfried Trompelt (S. 95-108): „Neustadt – das ist der radikale Teil Dresdens“, so hatte es Rosa 1911 an Kostja Zetkin geschrieben. Trompelt führt uns durch die Stadtgeschichte der Arbeiterbewegung in einer großen Zeit und schlägt den Bogen bis in die Epoche der DDR.

Dieses Heft fasziniert einmal mehr, einerseits durch seine Bandbreite, andererseits durch Tiefgang und Anschaulichkeit.

„Neustadt – das ist der radikale Teil“. Rosa Luxemburg in Dresden. Rosa-Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Heft 16. Im Auftrag der RLS Sachsen herausgegeben von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus in Verbindung mit Sven Brajer und Wilfried Trompelt. 132 Seiten, 4 Euro. ISBN 978–3-947176-09-0.