Leichte Sprache und Gendern muss kein Widerspruch mehr sein

Von Nele Werner

Leichte Sprache ist eine stark reglementierte Sprache, die etwa für Menschen mit Behinderungen oder mit Lernschwierigkeiten verständlicher ist. Das Übersetzen von Texten in Leichte Sprache kann somit einen entscheidenden Beitrag zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten in die Gesellschaft leisten.

Das allein macht diese Entwicklung für mich emanzipatorisch. Gelegentlich werden aber auch Bedenken geäußert, etwa dass durch die Einfachheit der Leichten Sprache Diversität und Zwischentöne schwer zu vermitteln sind. Ein Beispiel für diesen scheinbaren Widerspruch ist das Gendern.

Bis vor kurzem galt keine Form des Genderns als barrierefrei. Es wurde angenommen, dass es die Lesbarkeit negativ beeinflusst und sich nicht gut von Screenreadern vorlesen lässt. Klingt zunächst schlüssig, doch eigentlich sind es genau dieselben Argumente, die auch in komplexer Sprache gegen das Gendern angeführt werden. Auch hier sind die Hauptargumente, das Gendern würde den Lesefluss unterbrechen – oder das würde doch einfach nicht schön aussehen.

Die Gruppe Raketen-Wissenschaft wollte diese Argumente nicht mehr gelten lassen. Daher machten sie sich daran, in ihrem Text „Wir sprechen alle an“ den Gender-Stern in Leichter Sprache zu erklären und legten ihn einer Prüfgruppe vor. Denn das ist die oberste Regel der Leichten Sprache: Leichte Sprache ist das, was von Menschen mit Behinderungen dazu erklärt wird. Der Stern wurde verstanden und durchgewunken.

Wieso ist das nun von Bedeutung?

Auch hier sind es dieselben Argumente, derentwegen wir in der Standardsprache gendern. Wir wollen diejenigen mitnehmen, die sich sonst nicht angesprochen fühlen und wir wollen denen Denkanstöße geben, die im ersten Moment über den Stern stolpern. Außerdem gilt: Was nicht gesagt werden kann, existiert nicht. Das Einführen des Gender-Sterns in der Leichten Sprache ist deswegen so bedeutend, weil damit nicht nur Cis-Frauen mit in die Sprache eingeführt werden, sondern weil die Erklärung auch ganz klar betont, dass damit auch Menschen gemeint sind, die sich nicht als Männer oder Frauen fühlen. Somit wird etwas sagbar, was vorher nicht ausdrückbar war, weil die Worte fehlten – oder in dem Fall: der Stern.

Die Erklärung zum Gender-Stern in Leichter Sprache:
https://raketen-wissenschaft.de/hinweise/

PS: Die Gruppe Raketen-Wissenschaft arbeitet leidenschaftlich ehrenamtlich, aber ab einen bestimmten Punkt geht es nicht mehr ohne Geld. Wenn du die erreichten Fortschritte toll findest, kannst du sie ganz einfach mit einer SMS unterstützen und ihnen 5 Euro zukommen lassen. Dazu musst du nur eine SMS mit dem Text GIB5 RAKEWI an die Nummer 81190 senden. Mehr Infos unter: https://plushumanite.de/#unterstuetzung-sms