„Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“

Reinhard Heinrich über eine Buchpremiere in Meißen

Frank Richter lud Ende März erneut zu einer Buchpremiere nach Meißen. Nach seinem Buch „Hört endlich zu!“ legte er eine brandneue Analyse auf den Tisch: „Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“. Ein Hauptbegriff von Richters Analyse ist „Orientierungsnotstand“. Er hat ihn nicht erfunden, sondern nur gefunden – in einer Sonntagsrede des Sozialphilosophen Oskar Negt („Dresdner Reden“ 2007). Und dieser Orientierungsnotstand findet sich als Ursache für vieles, was hier im Argen liegt. Nicht, weil die Rechtspopulisten so gut wären, finden sie den Zuspruch, der uns Sorgen macht. Nein, die etablierten Parteien – unsere eingeschlossen – scheinen es nicht einmal zu versuchen, den Orientierung Suchenden eine Perspektive zu zeigen.

Dem wohlfeilen Rückgriff auf den Nationalismus – ein Blick zurück statt nach vorne – wird nichts Wesentliches entgegen gesetzt. Unter der Überschrift: „Honeckers Asche oder: Warum tickt der Osten anders?“ finden sich Abschnitte wie „Betrogene Verlierer“, „Die Wölfe waren schon da“ oder „Die Opfer und der Widerstand“. Keine Rezepte liefert der Autor. Nur die Aufforderung, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Und Widersprüche nicht in Konfrontation enden zu lassen – wie PEGIDA es zelebriert –, sondern den Widersprüchen das konstruktive Potenzial abzugewinnen. Triebkraft der Entwicklung zu sein ist des Widerspruchs Aufgabe. Und so gesehen steckt der Osten voller Triebkräfte. Diese Kräfte konstruktiv zu leiten und zu bündeln wäre Aufgabe von Politik.

Interessant auch der Umgang mit dem „Feindbild Islam“: Tillichs Aussage „Der Islam gehört nicht zu Sachsen“, gerne in Gegensatz gesetzt zu Merkels „Der Islam gehört zu Deutschland“ täuscht über eine Tatsache hinweg, die Frank Richter nicht verschweigt: Im Osten Deutschlands lebt die am meisten säkulare Gesellschaft Europas – wenn nicht der Welt. Für die Menschen hier gehört der Islam einfach deshalb nicht zu Sachsen, weil überhaupt keine Religion zum Staat zu gehören hat. Religion ist eine nicht zu leugnende Quelle für Kultur – aber kein Staatsziel. Das ist über Generationen verinnerlicht. Übrigens auch deshalb wirken die „patriotischen Europäer“ hier so lächerlich, wenn sie vom christlichen Abendland schwätzen, aber weder den Sinn der Passionszeit noch die Frist zwischen Ostern und Pfingsten kennen.

Die Lesung fand übrigens im „Akti“ in Meißen statt – unseren Mitgliedern wohlbekannt durch zahlreiche Kreisparteitage respektive Kreiswahlversammlungen. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass auch interessierte Mitglieder der LINKEN den Weg dorthin fanden. Und es war keine vertane Zeit.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung mittels Folk vom Feinsten – dargeboten von Beate Voigt (Violine) und Götz Bergmann („alles mit Saiten“). Die beiden führten überzeugend vor, wie zwei Spielleute im Mittelalter vielleicht einen Bankettsaal zum Kochen brachten. Anspruchsvolles Publikum vorausgesetzt. Aber das hatte ja Frank Richter schon herbeigelockt.