Bluesgetränkte Rockröhre

Jens-Paul Wollenberg über einen Ausnahmemusiker, der im Herbst 70 Jahre alt wird und auch politisch viel zu sagen hat: Bruce Springsteen

Den meisten bekannt ist Bruce Springsteen durch das 1984er Album „Born in the USA“, das auch zu DDR-Zeiten beim staatlichen Label „AMIGA“ als Lizenzplatte erschien. Dass es dabei jedoch um eine sehr kritische Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen jener Zeit handelte, kollidiert mit dem mehr oder weniger massentauglichen Verständnis, es handle sich vermutlich um eine neue Hymne, die im rockigen Gewand dem Land der „unbegrenzten (Un?)Möglichkeiten“ huldige. Keineswegs! Springsteen sang radikal an gegen Krieg, Arbeitslosigkeit, Rassismus und andere düstere Empfindsamkeiten des amerikanischen Alptraums.

Unbestritten spielte auch die mitreißend rockige Umsetzung eine wesentliche Rolle für den Riesenerfolg der Platte, zumal Springsteens rauchige, bluesgetränkte Rockröhre ein Millionenpublikum hellauf begeisterte. Trotz des riesigen Erfolges blieb er bodenständig und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er stets großen Wert darauf legte, ein ernstzunehmender Songschreiber und Interpret zu bleiben – ohne sich im Ruhm zu „aalen“, was ihm gewiss zustehen würde. Im Gegenteil: Einen Großteil seiner Einnahmen spendete er für soziale Zwecke und produzierte ganz speziell Benefizplatten, deren Erlös in katastrophengeschüttelte Länder floss. Auch war ihm bewusst, wovon er da sang, stammte er doch selbst aus ziemlich ärmlichen Verhältnissen.

Bruce Frederick Springsteen wurde am 23. September 1949 in Long Branch, New Jersey geboren. Bereits als Schulkind wurde er mit den aufkommenden Klängen und Rhythmen de Rock’n’Roll konfrontiert. So begann er bereits als Siebenjähriger, erste Gitarrengriffe zu erlernen. Und als er im Fernsehen Elvis Presley sah, der einen Song schmetterte, als er erstmals „I Want To Hold Your Hand“ von den Beatles hörte, wurde dem Jungen klar, wohin sein Weg führen sollte. Er begriff schnell, dass auch weiße Sänger die Musik der Schwarzen temperamentvoll interpretieren konnten. So opferte er kurzerhand sein Erspartes und erwarb eine gebrauchte Akustikgitarre, bevor ihm seine Eltern, die sein Talent inzwischen entdeckt hatten, zu Weihnachten die erste E-Gitarre schenkten.

Im Alter von gerade einmal 16 Jahren bekam er das Angebot, bei den „Rogues“ mitzuwirken, einer Schülerband. Kurz darauf wechselte er zu den „Castiles“, weil er dort die erste Melodiegitarre spielen konnte. Im Mai 1966 brachte die Gruppe eine Single heraus, doch der Erfolg blieb aus. Der Schlagzeuger musste in den Vietnamkrieg ziehen, er fiel am 22. Oktober 1967. Dieser Verlust und die daraus folgende Wut sollten Springsteens Wirken aus Songschreiber prägen. 1968 gründete er die Gruppe „Earth“, wechselte jedoch zu „Steel Mill“, mit der er von 1969 bis 1971 erfolgreich durch die Staaten tourte. Die Band kreierte ihr erstes Antikriegslied, „The War Is Over“, das auch außerhalb der USA bekannt wurde.

„Steel Mill“ war aufgrund ihrer exzessiven Wildheit in der Bühnenpräsenz eine der gefragtesten Bands an der Ost- und Westküste. Sie gastierten als Vorband von „Chicago“, „Blood, Sweat and Tears“, erfolgreichen Vertretern des aufkommenden Jazz-Rock, „Black Sabbath“ oder des großartigen Sängers Roy Orbison. Nach der Auflösung der Band rief Springsteen die „Bruce Springsteen Band“ ins Leben, die mit ständig wechselnder Besetzung bis 1973 existierte. Danach besann sich Springsteen auf seine Liedermacherwurzeln und beschritt solistische Wege.

1973 bekam er die Gelegenheit, bei Columbia sein Debütalbum „Greetings From Asbury Park, N. J.“ einzuspielen. Diese Scheibe und auch die nachfolgende – „The Wild, The Innocent And The E-Street Shuffle“ beinhalteten jeweils messerscharfe, gar düstere Themen, durchwoben von Suizidgedanken bis Anti-Kriegstreiberei, oder gar Ketzerisches wie schwangere Nonnen im Vatikan, die behaupteten, unbefleckt befruchtet worden zu sein.

Sein folkrockiger Gesangsstil brachte Springsteen den Ruf eines „neuen Bob Dylan“ ein, doch ließ er sich in dieser Hinsicht nicht beirren, ganz im Gegenteil – er erschuf seinen ganz eigenen speziellen Stil, den er bis heute rigoros weiterentwickelte, zumal man bei Bob Dylan nie genau wusste, welchen aberwitzigen Weg er beschreiten würde. Springsteen hingegen wusste schon, wohin er wollte. 1975 kam „Born To Run“ auf den Markt, das Album wurde schlechthin als sein Klassiker angesehen. Zwischen den Neuerscheinungen lagen ständig Konzerte der nunmehr neu gegründeten „Springsteenband“.

Die LP „Darkness On The Edge Of Town“ von 1978 gilt Musikkritikern als sein Meisterwerk. Hier thematisierte er die provinziellen Kleinstadt-Empfindsamkeiten mit all den damit verbundenen Problemen junger Leute und deren Sehnsüchte, die sich kaum erfüllen, wie Sand vom Wind verweht. 1982 erschien dann „Nebraska“, das bewies, dass weniger meist mehr sein kann. Hier begleitete er sich ausschließlich auf der akustischen Gitarre und spielte zu seiner sonoren Stimme auch Mundharmonika. Diese Songs erzeugten sehr bittere Gefühle, handelten sie doch von den Verlierern kapitalistischer Verhältnisse in den Staaten und von deren Kriminalisierung. Heute würde man angesichts der musikalischen Sparsamkeit von einer Unplugged-Produktion sprechen.

Das nächste Album war dann das bereits erwähnte „Born in the USA“ von 1984, mit dem er letztendlich auch international einen riesigen Erfolg feiern konnte. Weltweit folgten unzählige Konzerte. Zwei weitere Platten, die Anfang der 90er erschienen, galten als weniger spannend – bis 1995 „The Ghost Of Tom Joad“ positiv überraschte, wie auch seine späteren Produktionen bis ins jetzige Jahrhundert hinein überzeugten.

Im April 2006 wurde anlässlich Pete Seeger’s neuzigstem Geburtstag das Album „Bruce Springsteen – We shall overcome – Seeger Session“ veröffentlicht, das nicht nur seine riesige Anhängerschar verblüffte, sondern auch Liebhaber der Folkmusik freudig überraschte. Springsteen schuf eine eigentümliche Hommage an jene großartige Folklegende. Mit einem neunzehnköpfigen Country-Bluegrass-Ensemble, das hauptsächlich aus jüngeren Musikern bestand, gelang ihm der große Wurf. Der CD-Produktion liegt auch ein DVD-Mitschnitt bei, der auch optisch die enthusiastische Spielfreude der Protagonisten vermittelt und absolut empfehlenswert ist. Noch nie habe ich „We shall overcome“ so zärtlich vorgetragen gehört.

Wie sagte Springsteen einst im Interview: „Folkmusik rockt, obwohl sie keine Rockmusik ist.“ Springsteen bleibt Springsteen, und das ist auch gut so. Am 14. Juni erscheint sein neues Album „Western Stars“.