Von Brudervölkern und Brüdern

Ralf Richter mit dem diesjährigen Leipziger Buchmessereport

Alles sollte frisch sein beim diesjährigen Gastland Tschechien auf der Leipziger Buchmesse. So wie heute die Geschichte „Deutschlands“ in Politikerreden zumeist 1949 beginnt – und fast ausschließlich westdeutsche Geschichte meint – so beginnt die neue tschechische Geschichte 1990 und blendet aus, dass die Geschichte 1990 nicht als tschechische, sondern als tschechoslowakische Geschichte begann.

Erst am 1. Januar 1993 passiert etwas, was mit Hinblick auf die blutigen Kriege Anfang der 90er in Jugoslawien und die gewaltsamen Proteste bis in die Gegenwart in Katalonien sich immer noch wie ein Wunder ausnimmt: Aus einem Staat mitten in Europa sind ohne großes Aufheben, ohne gewaltsame Konflikte und verbale Flammenwerferei zwei geworden – und das obwohl die Bevölkerung dagegen war. Weder bei den Tschechen noch bei den Slowaken gab es eine Mehrheit für eine Staatstrennung und dennoch fand sie statt. Auf der Buchmesse diskutieren beim diesjährigen Messesonnabend die in der Schweiz lebende slowakische Schriftstellerin Irena Brezná, die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková und der frühere tschechoslowakische und spätere tschechische Diplomat Tomás Kafka „Die Sezession – Tschechien und die Slowakei“. Über allem liegt der aktuelle Schatten des Katalonien- und des Brexitkonfliktes und es herrscht zwischen allen Parteien von Anfang an Einigkeit: So friedlich, wie man sich seinerzeit trennte, würde das in der heutigen aufgeheizten Europa-Atmosphäre nicht mehr vonstattengehen können. Damals gab es zwei, die sich trennen und kleine Könige werden wollten in Prag und in Bratislava. Der eine hieß Vaclav Klaus und der andere Vladimir Meciar. Beide waren gemäßigte Nationalisten. Heute ist der neue starke Mann in Prag ein Slowake: Andrej Babiš, der nach Aussage seiner Landsfrau Irena Brezná ein furchtbares Kauderwelsch aus Slowakisch und Tschechisch spricht. In Bratislava aber – und darauf ist die slowakische Schriftstellerin besonders stolz – wird es mit Zuzana ?aputová wohl bald nach den korrupten Männern an der Staatsspitze eine europafreundliche progressive Staatschefin geben.

Es ist am Diplomaten Kafka, den Besuchern im bis auf den letzten Platz gefüllten Café Europa zu erläutern, wie es überhaupt dazu kam, dass 1918 nach dem Zerfall Österreich-Ungarns ein gemeinsamer Staat entstand: „Wir brauchten uns gegenseitig! Sowohl Tschechen und Mähren als auch Slowaken hatten starke Minderheiten, gegen die sie sich erst einmal durchsetzen mussten: In Böhmen waren die Deutschen sehr stark und in der Slowakei spielten die Ungarn eine zentrale Rolle.“ Was er nicht sagt: In beiden Ländern waren die jeweiligen Minderheiten zugleich die dominierenden Volksgruppen: So wie die Slowakei magyarisch geprägt war, so fühlten sich die Deutschen in Böhmen als dominierende Schicht. Man darf nicht vergessen, dass Prag damals drei große Volksgruppen beherbergte: Deutsche, Tschechen und Juden – wobei letztere mehrheitlich Deutsch sprachen und nicht zuletzt das zum großen Teil das deutsche Kulturbürgertum in Österreich-Ungarn stellten. Man denke nur an Egon Erwin Kisch, den rasenden Reporter, der seine Karriere beim „Prager Tagblatt“ begann. In der Slowakei war die Magyarisierung so weit fortgeschritten, dass man kaum Lehrer hatte, die nach 1918 Slowakisch unterrichten konnten, so dass viele Lehrer, aber auch Fabrikdirektoren aus Böhmen geholt wurden, was zu einer gewissen tschechischen Dominanz im gesamten Staatsgebilde Tschechoslowakei beitrug. Von diesen Ressentiments wusste man, nebenbei bemerkt, auch in Moskau. So sorgte man nach dem „Prager Frühling“ dafür, dass der mächtigste Mann im Staate wieder ein Slowake wurde: Gustav Husak. Dieser Name fällt nicht bei der Veranstaltung, aber wer die Slowakei bereiste in der DDR-Zeit, der erlebte, wie stolz man in der Slowakei auf den eigenen Mann auf dem Hradschin war. Immerhin insistierte der Diplomat auf der Leipziger Buchmesse: „Wir brauchten uns einige Zeit gegenseitig sehr – Tschechen und Slowaken. Diese Zeit aber war in den 90er Jahren abgelaufen.“ Am Ende der Veranstaltung gibt es wohl bei den Besucherinnen und Besuchern eine große Lust, zwei Länder neu zu entdecken: Tschechien und die Slowakei. Die Slowakin sagt: Wenn sie heute in Tschechien Slowakisch spricht, bekomme sie oft zu hören: „Wie schade, dass wir getrennt sind!“ Das Ansehen der Slowaken hat seit der Trennung bei den Tschechen offenbar sehr zugenommen. Nicht geändert hat sich, dass die Mehrheit der Slowaken gut Tschechisch versteht, während die Mehrheit der Tschechen kein Slowakisch lernt. Wenn man dennoch bei der Veranstaltung erlebte, wie sich zwei Nationalitäten mit gegenseitiger Anerkennung und großem Respekt begegneten und Komplimente austauschten, dann tut das unglaublich gut in einem Europa, wo das respektvolle Miteinander benachbarter Volksgruppen nicht mehr selbstverständlich ist. Wir Sachsen sollten uns glücklich schätzen, solche tollen Nachbarn zu haben!

Von den Brudervölkern zu Brüdern, die sich gegenseitig inspirierten und respektierten – dieses wiederum war in der Arena der Leipziger Volkszeitung zu erleben. Der große Bruder und Schlagersänger Gerd Christian erinnert gemeinsam mit dem Buchautor und einstigem Redakteur von Stimme der DDR bzw. DT 64 an den Bruder und Ausnahmekünstler Holger Biege. „Sag‘ ihr auch“, diesen von seinem Bruder Holger geschriebenen Titel für Gerd Christian hat wohl jeder noch im Ohr, der die DDR bewusst erlebt hat. Heute hört man im Internet beide Versionen – wobei er die „politisch-bedenkliche“ aus damaliger Sicht ausgerechnet in NVA-Uniform zu Gast bei Heinz Quermann 1984 vorträgt. In dem Moment, als beide im Musikfach Karriere zu machen gedachten, legte der große Bruder seinen Familiennamen offiziell ab, um seinem kleinen Bruder einen Gefallen zu tun, und strich aus seinem Vornamen den Bindestrich: So wurde aus Gerd-Christian Biege Gerd Christian. Als der kleine Bruder dann in den Westen verschwand und der große darunter im Osten zu leiden hatte, ertrug er das klaglos. Seine Balladen sind echte Kunstwerke, meint der große Bruder über die Meisterstücke des kleines Bruders anerkennend, und trug sie zuletzt selbst vor, als der kleine Bruder nach schwerer Krankheit selbst nicht mehr singen konnte. Das Buch von Wolfgang Martin, an dem er ebenso wie Holgers Frau Cordelia mitgewirkt hat, heißt: „Holger Biege – Die Biographie“. Es erschien beim Verlag Bild und Heimat, der 1952 im vogtländischen Reichenbach gegründet wurde.