Volkstribun

Von Holger Czitrich-Stahl

In Memoriam Annelies Laschitza (6.2.1934-10.12.2018)

Denkt man über die revolutionäre Linke in der deutschen Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg, über die Spartakusgruppe bzw. die zur Jahreswende 1918/19 gegründete KPD nach, so fällt neben dem Namen Rosa Luxemburgs in einem Atemzug stets der Name Karl Liebknechts. Über ihn schrieb jüngst Annelies Laschitza in der hier vorgestellten Schrift: „Ab Beginn des 20. Jahrhunderts hatte er sich in der deutschen Sozialdemokratie zu einem respektablen Rechtsanwalt, exzellenten Parlamentarier und zu einem konsequenten Gegner von Militarismus, Imperialismus und Krieg entwickelt.“ Und doch gilt auch für ihn, dass man ihn und sein politisches Vermächtnis nur dann nicht vergisst, wenn man an ihn erinnert. Und dieser Erinnerung gelten die Ausführungen Annelies Laschitzas, ergänzt um eine Fülle von Fotos, Quellen und Dokumenten in diesem verdienstvollen Band der RLS Sachsen.

Nachdem sie bereits im Jahr 2007 erstmals die umfangreiche biographische Darstellung „Die Liebknechts. Karl und Sophie – Politik und Familie“ veröffentlichte, setzt die Verfasserin nun den Akzent auf den Juristen sowie den Parlamentarier Karl Liebknecht. Dass er trotz seiner familiären Herkunft nicht immer verstanden wurde, man im Verhältnis zu einigen Vertretern der „Generation Bebel“ sogar von einem Generationskonflikt sprechen könnte, wird am Rande der Ausführungen deutlich.

Sein juristischer Werdegang führte den jungen Rechtsreferendar zunächst in die westfälische Provinz, mitten hinein in deren katholische Regionen, nämlich nach Arnsberg und Paderborn. Er promovierte 1897 im fränkischen Würzburg und legte darüber hinaus 1899 sein II. juristisches Staatsexamen ab. Hernach wirkte er in Berlin als Rechtsanwalt, gemeinsam mit seinem Bruder Theodor. Mit viel Detaileinblick schildert Annelies Laschitza die fließenden Übergänge zwischen Kanzlei und Wohnung, Beruf und Familie. Wie die meisten sozialdemokratischen Juristen beriet und verteidigte Liebknecht vor allem Menschen aus der Arbeiterklasse und „kleine Leute“ überhaupt. Er verband dabei stets Gerechtigkeitsgefühl, Respekt und maximalen juristischen Einsatz für seine Mandanten mit einem klaren Klassenstandpunkt.

Auch ihn, wie schon vorher Arthur Stadthagen, Hugo Haase und andere sozialistische Juristen, nahm die standesdünkelnde konservative Justiz ins Visier. Doch alle ehrengerichtlichen Versuche zur Disziplinierung und zur Verhängung eines Berufsverbots schlugen bis 1914 fehl. Deshalb wurde er gleichzeitig mit Strafprozessen überzogen, die ihn mundtot machen sollten – auch das war eine sattsam bekannte Vorgehensweise der Klassenjustiz im Kaiserreich. Sein Weckruf „Militarismus und Antimilitarismus“ brachte ihm 1907 die Verurteilung zu 18 Monaten Festungshaft ein. Weitere Verurteilungen folgten, bekanntermaßen vor allem während des Krieges. Der Einsatz des Strafrechts galt vor allem dem Parlamentarier und aufrüttelnden Redner. Annelies Laschitza empfiehlt deshalb Liebknechts Schrift „Antimilitarismus und Hochverrat“ (1908) zur Lektüre.

Dass Liebknecht im Krieg zunächst als Armierungssoldat, dann im Zuchthaus kaltgestellt werden sollte, verdankt sich seiner Leidenschaft als Redner wider den Militarismus und für die Gerechtigkeit. „Der rebellische Parlamentarier“ wirkte sowohl in der Berliner Stadtverordnetenversammlung (seit 1901), im Preußischen Abgeordnetenhaus (seit 1908) und im Reichstag (seit 1912). Das parlamentarische Handwerk und die Kunst des wirkungsvollen Agierens für die Arbeiterklasse und die „kleinen Leute“ lernte Liebknecht also „von der Pike auf“, wie Annelies Laschitza formuliert. Dabei nutzte er – auch während des Krieges – sämtliche Mittel des Abgeordneten, nicht zuletzt Kleine Anfragen (Interpellationen), um Interessenvertretung und „Tribüne des Klassenkampfs“ zu verknüpfen. Dabei betrieb er auch „Enthüllungspolitik“, um die Verknüpfungen des Staates mit den Rüstungskonzernen, z. B. Krupp, aufzudecken (1913/14). Das trug ihm den Hass des Establishments ein, aber auch die Bewunderung seiner Wählerschaft oder von Pazifisten wie Bertha von Suttner oder Hellmuth von Gerlach. Diese Rolle eines Volkstribuns wird sicherlich dazu beigetragen haben, dass ihn die ultranationalistische Reaktion nach dem Januaraufstand 1919 brutal und feige – Schüsse in den Rücken – ums Leben brachte. Das stellt ihn auf eine Stufe mit Gaius und Tiberius Gracchus.

Annelies Laschitza schreibt in ihrer unnachahmlichen Empathie, die aus ihrer immensen Detailkenntnis und ihrer menschlichen Gabe des Einfühlens herrührt, über einen Vorkämpfer für eine Gesellschaft, die aller Zeitläufte zum Trotz nichts von ihrer Zukunftsrelevanz verloren hat. Dieser eindringlichen Charakterdarstellung folgen ein Personenregister und eine Auswahlbibliographie, die zum weiteren Studium auffordert.

Annelies Laschitza: Karl Liebknecht. Advokat und Parlamentarier mit Charisma. Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Heft 15. Im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen herausgegeben von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus. Leipzig 2018, 98 Seiten. ISBN 978-3-947176-06-9.