„Kriminelles aus Sachsen“

Von Ralf Richter

Man findet das Buch mittlerweile in vielen sächsischen Bibliotheken an prominenter Stelle: „Kriminelles aus Sachsen“. Regionalgeschichtliches ist in Sachsen en vogue, aus verschiedenen Gründen stärker als in anderen Bundesländern – und Krimis gehen auch immer. Insofern ist es kein Wunder, dass ein Buch mit diesem Titel mit Sicherheit zahlreiche Leser findet. Aber ist ein erfolgreiches Buch auch ein gutes Buch?

Der in Dresden geborene Autor Dietmar Sehn hat Geschichten aus 300 Jahren zusammen getragen und versucht, sie in acht Rubriken unterzubringen. Diese heißen u.a. „Von Scharfrichter und Hinrichtungsstellen“, „Betrüger und Hochstapler“, „Bekannte Haftanstalten – Bekannte Häftlinge“, „Sagenhaftes“, „Aufständige und Rebellen“ (das Buch hätte wirklich besser lektoriert werden können – es steht tatsächlich „Aufständige“ da und nicht „Aufständische“. Solche Schnitzer begegnen uns leider auf fast jeder Seite), „Brandstifter und Totschläger“…

Wenn man dazu weiß, dass das gesamte Werk keine 120 Seiten umfasst, aber nahezu 50 – ja was eigentlich: Geschichten, Anekdoten, Sagen, Geschichtssplitter (der Autor selbst nennt es „Kurzkrimis“) enthält, dann bleiben für den einzelnen Fall durchschnittlich keine drei Seiten. Bevor man also begonnen hat, sich mit einem Fall überhaupt zu beschäftigen, ist der Autor schon längst beim nächsten, wenn nicht beim übernächsten. So bleibt notgedrungen alles Oberfläche. Doch auch eine Oberfläche kann schön sein, schillern und glitzern, leuchten und funkeln. Doch leider hat man nicht wirklich den Eindruck, dass die sprachlichen Bilder den Leser zu fesseln vermögen.

Dietmar Sehn schreibt zwar im Vorwort, wie er auf das Sammelsurium gekommen ist (Recherche in Archiven, Zeitungen, Museen). Letztlich aber vermisst man ein Quellenverzeichnis. Dabei sind zu vielen Fällen, die Dieter Sehn aufzählt, Bücher, wenn nicht Opern geschrieben worden. Zum Beispiel, wenn es um die unerhörte Geschichte des Serienmörders Karl Denke geht – eines schlesischen Kannibalen, der sein Unwesen in Münsterberg trieb. Fast alle Details der kurzen Geschichte findet man bei Wikipedia – dort gibt es einen Link zum Bericht „Der vergessene Kannibale – ,Vater‘ Denke“ mit zahlreichen Abbildungen und Fotos des international arbeitenden freischaffenden Kriminalbiologen Dr. Mark Bennecke, der den Fall detailliert untersucht hat. Dietmar Sehn hat die Kannibalengeschichte in seine Sammlung aufgenommen, obwohl sie nicht in Sachsen spielt – allerdings sollen einige von Denkes Opfern aus Sachsen stammen.

Ein Bonmot an dieser Stelle zum sächsischen Bauernführer Christian Benjamin Geisler aus Liebstadt. Dieser schrieb 1790: „Erstlich fordern wir, dass alle und jede Personen, die bisher das Sachsenland unglücklich gemacht, gänzlich ihrer Würden und Ämter entsetzt werden, und nach Befinden großer Betrügereien auch ihrer Güter konfisziert um zum gemeinen besten anzuwenden.“ Leider scheiterte sein Aufstand und seine Ideen wurden erst 1945 in Sachsen umgesetzt. In Liebstadt ist eine Grundschule nach dem Rebellen benannt. Sehn lässt Geisler 1809 in Armut und Einsamkeit sterben. In der Liebstädter Grundschule dagegen besteht man darauf, dass es keinerlei Hinweise in Akten und Kirchbüchern auf seinen Tod gibt. Dort wird aber angenommen, dass Geisler um 1823 starb – zuvor hatte sich noch ein liberaler adliger Fürsprecher für ihn eingesetzt, dem die damalige Klassenjustiz nicht schmeckte und der die polizeiliche Beobachtung Geislers aufhob: Sein Name war Carl Adolph von Carlowitz. Dieser preußische General, der 1813 in russische Dienste trat und für Zar Alexander kämpfte, war nicht nur Förderer von Novalis und von Heinrich von Kleist, sondern zudem Majoratsherr von Liebstadt.

Unbedingte Empfehlung: Wer das Buch „Kriminielles aus Sachsen“ aus dem Tauchaer Verlag liest, sollte dabei ins Internet schauen. Die 120 Seiten kosten 14,95 Euro.