„Kopf hoch, fest und ruhig bleiben!“

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Bereits im Februar 1915 kam Rosa Luxemburg für ein Jahr ins Gefängnis, verurteilt wegen einer Rede vor Kriegsbeginn, mit der sie zur Kriegsdienst- und Befehlsverweigerungg aufgerufen hatte. Nur wenige Wochen wieder frei, wird im Juli 1916 „Schutzhaft“ über sie verhängt, die sie in Berlin, Wronke und Breslau verbringen muss, von wo aus sie einen vielfältigen Briefwechsel mit ihren Freunden und Vertrauten führt. Der vorliegende Band enthält ihre aus dieser Zeit zum Teil sehr privaten Briefe an ihre Freundin Sophia, die zweite Frau Karl Liebknechts. Erstmalig 1920 veröffentlicht und danach jeweils geringfügig erweitert, hat nunmehr der Karl Dietz Verlag die durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte 19. Auflage, die eine leichte Ergänzung erfahren hat, herausgegeben.

Ihr einziger Kartengruß aus der Freiheit, verfasst in einer Leipziger Parkanlage, stammt vom 7. Juli 1916 und ist der Gefängnispost vorangestellt. Am 10. Juli 1916 erfolgt ihre Verhaftung in Berlin und Einlieferung in das dortige Frauengefängnis in der Barnimstraße. Als sie erfährt, dass Karl Liebknecht, der am 1. Mai 1916 auf dem Potsdamer Platz zur Beendigung des Krieges und zum Sturz der Regierung aufgerufen hatte, deshalb am 23. August 1916 zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt worden ist, schreibt sie am Tag darauf: „Die Sache trifft mich schwer“ und bedauert zutiefst, jetzt nicht bei Sophia sein zu können. Ihre Sorge um Sophias gesundheitlichen und seelischen Zustand steigt ins Unermessliche, als am 4. November 1916 das Urteil des Oberkriegsgerichtes bestätigt und Karl Liebknecht am 8. Dezember 1916 ins Zuchthaus Lucka eingeliefert wird. Als sie kurz darauf erfährt, dass Sophias Bruder gefallen ist, schreibt sie, nunmehr in Wronke inhaftiert: „… bin ganz erschüttert von diesem Schlag, der sie wieder traf“.

Ihre Briefe strahlen in überwältigendem Maße Herzenswärme aus. Stets habe sie das Gefühl, Sophia sei einsam, und sie müsste um sie sein, um sie aufzuheitern. „Wie schade um die Monate und Jahre“, schreibt sie im November 1917, „die jetzt vergehen und in denen wir zusammen so viel schöne Stunden verleben könnten, trotz all dem Schrecklichen, was in der Welt vorgeht.“ All ihre Briefe zeugen davon, dass Rosa Luxemburg – bei allen Anfängen von Verzweiflung in selbst auswegloser Lage – anderen noch Trost zuspricht. Ihre Weihnachtspost 1917 enthält die bewegenden abschließenden Worte: „Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben, und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.“

Sie ermuntert Sophia zum Lesen, berichtet über ihren Gefängnisalltag, über ihre Freude an der Natur, in der sie kein Ausruhen findet. „Im Gegenteil, ich finde auch in der Natur auf Schritt und Tritt soviel Grausames, daß ich sehr leide.“ Mitunter kommentiert sie trotz der Zensur aktuelle politische Ereignisse. Hinsichtlich der Pressemeldungen über den Verlauf der Oktoberrevolution 1917 in Russland mahnt sie, gelassen zu bleiben. „Es ist einfach ein erbitterter Parteikampf, der ja in der Beleuchtung bürgerlicher Zeitungskorrespondenten stets wie ein losgelassener Irrsinn und eine Hölle aussieht.“ Daher, so schreibt sie: „Kopf hoch, fest und ruhig bleiben, … nur nicht gleich immer das Schlimmste erwarten.“

Ihre Zuversicht fasste sie am 12. Mai 1918 in die Worte: „Geduld und Mut! Wir werden noch leben und Großes erleben. Jetzt sehen wir vorerst, wie eine ganze alte Welt versinkt – jeden Tag ein Stück, ein neuer Abrutsch, ein Riesensturz… Und das Komischste ist, dass die meisten es gar nicht merken und glauben, noch auf festem Boden zu wandeln.“

Schließlich ist ihr, wie sie an Sophia am 18. Oktober 1918 schreibt, angesichts des Umschwungs der Lage ein Besuch ihrer Freunde unter Aufsicht, „zur Unmöglichkeit geworden“. Die Gesprächsaufsicht verhindere darüber zu reden, „was mich wirklich interessiert“, so dass sie daher „lieber auf jeden Besuch verzichte, bis wir uns als freie Menschen sehen. Lange kann es ja nicht mehr dauern.“

Mit Ausbruch der Revolution im November 1918 öffnen sich auch für Rosa Luxemburg in Breslau die Gefängnistore. Kurze Zeit später, am 15. Januar 1919, wurde sie zusammen mit Karl Liebknecht von Regierungstruppen festgenommen und brutal ermordet.

Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis. 19. ergänzte Auflage 2019. Gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Karl Dietz Verlag Berlin. 136 Seiten, 12,00 Euro. ISBN 978-3-320-02359-1