Die Affäre Deutsch

Leipziger Jour fixe blickt mit Burkhard List (Wien) hinter die Kulissen des NS-Raubkunstskandals. Von Wulf Skaun

Jour fixe international: Die Leipziger Buchmesse und ein Arrangement mit dem Eulenspiegel-Verlag machen die Novität möglich. Im Café Kleine Träumerei begrüßt der 43. unkonventionelle Gesprächskreis der RLS Sachsen den österreichischen Journalisten und Autor Burkhard List (Jahrgang 1949). Ein Wiener im Kaffeehaus, eigentlich maßgeschneidert, befindet Moderator Michael Zock. Nicht ohne Hintersinn entlockt er dem Gast dann ein knappes Selbstporträt, ehe es in medias res geht. So lernt die Jour-fixe-Gemeinde rasch einen investigativen Journalisten kennen, der sich fernab jeglicher Kaffeehausromantik als linker Überzeugungstäter couragiert und ausdauernd um ein brisantes Thema verdient gemacht hat, das in der bundesdeutschen Öffentlichkeit immer noch ein Randdasein fristet: die verschwundene Beutekunst des Zweiten Weltkriegs und wie braune Netzwerke noch heute funktionieren, um den größten Raubkunstskandal der modernen Geschichte im Dunkeln zu halten.

Die Dimensionen des größten Kunstraubs aller Zeiten hatte Stefan Koldehoff bereits 2009 in seinem Band „Die Bilder sind unter uns. Das Geschäft mit der NS-Raubkunst“ aufgezeigt: Mehr als 600.000 Kunstschätze wurden zwischen 1933 und 1945 jüdischen Familien, Galeristen und Sammlern gestohlen oder weit unter Wert versteigert. Über 70 Jahre später ist der Handel mit NS-Raubkunst mehr denn je ein lukratives Geschäft. Staatliche Museen, private Sammler, Auktionshäuser und Kuratoren mischen kräftig mit. Sie müssen nicht befürchten, die Artefakte ihren Eigentümern oder rechtmäßigen Erben zurückgeben zu müssen. Die Richtlinien der Bundesregierung zum Umgang mit solchen Kunstwerken haben keinen rechtsverbindlichen Charakter.

In diesem Kontext stellt Burkhard List nun sein im Herbst 2018 in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe Buchverlage Berlin erschienenes Buch „Die Affäre Deutsch“ vor. Darin hat er 20 Jahre intensiver Auseinandersetzung mit dem düsteren Kapitel deutscher Kultur- und Politikgeschichte dokumentiert. Moderator Zock, der dem Publikum die Lektüre des 500-Seiten-Wälzers voraus hat („Aufregend wie ein Politthriller!“), ist sich mit Blick auf die „Leipzig liest“-Standorte an diesem 21. März völlig sicher: „Hier bei Jour fixe wird der spannendste Stoff verhandelt.“ Aber der hat es in sich. „Ja, der ist sehr komplex“, stellt der Autor das interessierte Publikum auf die vieldimensionale Geschichte um Hans Deutsch ein, jenen israelischen Anwalt, der sich im Auftrag seiner Mandanten um Entschädigung für ihre geraubten und verschwundenen Artefakte stark gemacht hatte und wegen seiner Erfolge vom „Spiegel“ einst zum Mister Wiedergutmachung ernannt worden war. Zocks Frage-Antwort-Modus mit dem Autor hilft, den facettenreichen Vorgang über alle Details hinweg in die grundsätzlichen Strukturen und Methoden des Raubkunstgeschäfts einzuordnen. Schlüsselszenen aus dem 2005 gedrehten Film „Deutschland gegen Deutsch“ veranschaulichen darüber hinaus manches Ereignis, das auch im Buch reflektiert wird. Nicht zuletzt trägt auch Verleger Matthias Oehme dazu bei, die Botschaft des Druckwerks zu pointieren. In bewegenden Worten schildert er, was ihn erwog, das von den Mainstream-Häusern abgelehnte Manuskript in sein Verlagsprogramm aufzunehmen.

Die Geschichte des Hans Deutsch, so viel sei potenziellen Buchkäufern verraten, geht nicht gut aus. Von der bundesdeutschen Justiz und den Netzwerken aus alten Nazis und neuen Rechten diskreditiert und letztlich mundtot gemacht, bleibt sein Anliegen unabgegolten. Wie schwer es ist, das Werk des 2002 verstorbenen Anwalts fortzusetzen und die Wahrheit über das kriminelle Kartell, das die widerrechtlich an sich gebrachten Kunstschätze nicht zurückgeben will, ans Tageslicht zu bringen, hat Burkhard List am eigenen Leib erfahren. Immer wieder wurden ihm bei seinen Recherchen Steine in den Weg gelegt, existenzielle Drohungen inklusive. Dass es ihm dennoch gelungen ist, zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Beteiligten zu führen und Tausende einschlägige Dokumente aus neun Ländern und 20 Archiven auszuwerten, verleiht seinem Buch hohe Authentizität. Es spricht für den Mut des Autors, dass er bei seinen Recherchen nicht vor ministeriellen Amtsstuben kapitulierte. Die Verstrickungen bis in höchste Führungsetagen bewegt den Moderator zu der abschließenden Frage, ob die Affäre Deutsch nicht auch eine Affäre Deutschland sei. Nein, eine Affäre BRD, präzisiert der Autor. Die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, aber auch in seinem Heimatland Österreich, lasse jedoch keinen Zweifel daran, welche Gefahr von den alten und neuen Netzwerken rechtspopulistischer Gesinnungsgenossen ausgehe.

Die nachdenkliche Diskussion ist von der einhelligen Meinung bestimmt, dass der Raubkunstskandal mit seinen vielfältigen Implikationen noch längst nicht vollständig offengelegt sei und weiterer Aufklärung bedürfe. Burkhard List erntet warmherzig-respektvolle Worte des Dankes und der Anerkennung. Erfreut über die problembewusste Resonanz auf seine Buchvorstellung, revanchiert sich der Gast nach Wiener Art: „Ich komme gern wieder nach Leipzig.“