Zurück zum Sonntagsbraten!

Nachhaltigkeit ist vor allem eine unbequeme kulinarische Wahrheit, findet Antonia Mertsching

Wusstet ihr schon, liebe Leserinnen und Leser, dass der Freistaat Sachsen vor Weihnachten die Sächsische Nachhaltigkeitsstrategie 2.0 veröffentlicht hat? Nein? Kein Wunder! Wenn ihr nicht zu den Verbänden oder Vereinen zählt, die sich schon seit 2006 beziehungsweise seit 2013 mit diesem Papier beschäftigen, dann hat man von dieser Neuauflage (www.nachhaltigkeit.sachsen.de) kaum etwas mitbekommen.

Nachhaltigkeit als Begriff scheint vor allem eines zu sein: ausgelatscht, abgenutzt. Meist werden damit Produkte grün angestrichen oder vermerkt, dass etwas besonders lange hält. Dabei ist Nachhaltigkeit das moderne Konzept von Gerechtigkeit: Es geht um ein auskömmliches und friedliches Leben für alle jetzt Lebenden (also auch die am anderen Ende der Welt) und der künftig lebenden Menschen – und das im Rahmen der planetaren Grenzen, wie sie anhand von u. a. CO2- und anderen Emissionen, Artenvielfalt, Bodenbelastung, Luftverschmutzung, Phosphor- und Stickstoffvorkommen definiert sind.

Folgerichtig müsste die Sächsische Nachhaltigkeitsstrategie Ziele beinhalten und diese mit Maßnahmen unterlegen, zum Beispiel der radikalen Senkung der sächsischen CO2-Emissionen bis 2030. Doch die notwendige Datenerhebung und Maßnahmenplanung ist dann wohl doch zu viel verlangt von der Staatsregierung!

Umso mehr habe ich mich gefreut, dass das Thema Klimaschutz von der Basis zum Wahlkampfthema gemacht wurde – hier wird Nachhaltigkeit greifbar. DIE LINKE muss also entsprechende Vorschläge machen: Wie wollen wir das Klima – und damit unsere eigene Lebensgrundlage – schützen? Die meisten Emissionen entstehen vor allem im Bereich Mobilität, Energieversorgung und: Ernährung!

„In Deutschland schlägt der Bereich ‚Ernährung‘ pro Jahr mit rund 16 Prozent zu Buche und macht damit ungefähr den gleichen Anteil aus wie der Bereich ‚Mobilität‘“, weiß die Bundeszentrale für politische Bildung. Ein Großteil davon geht auf das Konto tierischer Produkte: Butter und Rindfleisch sind hier die größten Emittenten. Was unser täglich Brot angeht, ist jeden Tag Fleisch essen also einfach nicht mehr drin. Die Devise lautet: Zurück zum Sonntagsbraten! Obst, Gemüse, Getreide oder auch Joghurt und Eier, regional und ökologisch produziert, saisonal verzehrt, sind erste Wahl beim Klimaschutz. Und für Soja-Produkte wird übrigens nicht der Regenwald abgeholzt.

Die Bevölkerung im Freistaat kann ihren Bedarf an Geflügel, Schwein und Rind sowieso nur zu 40 Prozent selbst decken. Demzufolge müsste sich der Fleischkonsum in Sachsen um 60 Prozent reduzieren. Bezieht man Flächen für Futtermittelanbau und die Gülleentsorgung ein, landet noch weniger Wurst auf dem (Margarine!) Brot. Bis jetzt werden Futtermittel – zudem gentechnisch manipuliert – aus Brasilien, Argentinien und Paraguay eingeschifft.

Der heiß geliebte morgendliche Kaffee stammt auch vom anderen Ende der Welt, also sollte er mindestens aus Fairem Handel stammen. Fair gehandelte Produkte sind kein Reibach für diejenigen, die sie produzieren. Es ist das, was wir jedem Arbeiter und jeder Arbeiterin zugestehen: keine Zwangsarbeit, dass Kinder neben der Feldarbeit in erster Linie in die Schule gehen können, dass Gewerkschaftsfreiheit besteht, dass man von seiner Hände Arbeit leben kann. Aus diesem Grund sind Fair gehandelte Produkte teurer – und das zu Recht. Wer nicht auf Kaffee verzichten will, kann immerhin weniger davon trinken. Ist auch besser für die Gesundheit.
Die nächste Frage stelle ich mir bei den Südfrüchten in der Mitarbeiter-Beratung. Wer hat die denn eingeflogen? Warum gibt es keine regionalen Snacks? Und wenn es gerade kein Obst gibt, dann eben Möhren oder vom Sommer Verarbeitetes aus der Region. Hier fängt Klimaschutz an.
Nachhaltigkeit ist nicht ohne Anstrengung zu haben und darf keine Luxusfrage sein – gerade für Menschen, die die Knochenjobs in unserer Gesellschaft machen und am schlechtesten entlohnt werden. Wie machen wir gerade ihnen regionale und ökologische Güter des täglichen Lebens zugänglich?

Erstens indem wir sie besser entlohnen: Existenz- statt Mindestlohn! Zweitens indem diejenigen, die durchschnittlich verdienen, ihr Geld für hochwertige, regionale, ökologische und fair gehandelte Produkte ausgeben. Das hilft auch der regionalen Wertschöpfung und dem Umweltschutz vor Ort. Drittens indem wir mehr öffentliche Gemeinschaftsversorgung aus nachhaltiger Produktion für jung bis alt anbieten und gegebenenfalls subventionieren. Viertens indem wir Zeit und Flächen – gerade auch in der Stadt – zur Verfügung stellen, um Nahrungsmittel selbst anzubauen und zu verarbeiten. Fünftens indem wir – ob zuhause oder bei Parteitagen – viel weniger Fleisch und mehr Regionales essen und dabei nicht vergessen: Unsere Freiheit, essen zu können, was wir wollen, bedeutet für manch anderen auf diesem Planeten, die „Freiheit“ zu haben, gar nichts zu essen. Mit unserer Freiheit zu essen, was wir wollen, essen wir die Zukunft unserer Kinder auf. In diesem Sinne: Augen auf beim Nahrungsmittelkauf – guten Appetit!