Kein Land in Sicht für die Seenotrettung

Von René Lindenau

Eigentlich ist es traurig, worüber man so reden muss – wie am 18. Februar 2019 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu Berlin. Zu reden war über die Seenotrettung von Flüchtlingen. Weil staatliche Institutionen und die EU ihrer Pflicht zur Rettung von Menschenleben nicht nachkommen, fühlen sich andere in die Pflicht genommen. Sie retten nun – ehrenamtlich – Leben. Einer von ihnen ist der Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch, der mit seinem Schiff zu bisher sechs Rettungsmissionen ausgelaufen ist. Es hätten inzwischen mehr sein können, wenn die maltesischen Behörden sein Schiff nicht beschlagnahmt und ihn mit einem fragwürdigen Prozess überzogen hätten. Die Papiere des Schiffes sollen nicht in Ordnung sein, so der fadenscheinige Vorwurf der Anklagebehörde, die jedoch nicht imstande war, bisher Beweise vorzulegen.

Ein weiterer Gast des Abends war die syrische Leistungsschwimmerin Sarah Mardini, die mit ihrer Schwester (2015) drei grausam lange Stunden ein Schlauchboot auf die Insel Lesbos geschleppt hat, nachdem dessen Außenbordmotor ausgefallen war. Ihre Tat rettete 18 Menschen das Leben. Heute klagt man sie in Griechenland der Mitgliedschaft in einem Schleuser-Ring an. Wie wirklichkeitsfremd und menschenfeindlich muss man eigentlich drauf sein? Diese Frage muss sich gleichfalls die maltesische Gerichtsbarkeit gefallen lassen, die gegen Reisch vorgeht.

Rettung aus Seenot sei zum Beispiel nicht nur Pflicht sondern auch geltendes Recht, betonte der Kapitän mehrfach. Wie viel Semester haben jene Juristen eigentlich geschwänzt, die jetzt Seenotretter und andere Flüchtlingshelfer kriminalisieren? Man kann nur hoffen, dass hier neben der Menschlichkeit, die in den letzten Jahren tausendfach in den Tiefen des Mittelmeers versenkt wurde, jetzt nicht noch die europäische Idee durch Justizskandale beschmutzt wird. Die Stiftungsvorsitzende Dagmar Enkelmann berichtete im Zusammenhang mit dem „Fall Sarah“ von einem Athen-Besuch mit der Berliner LINKEN-Vorsitzenden Katina Schubert. Dort fanden beide im Innenministerium zwar Gehör und Sympathie, aber man hat es dort mit einer unabhängigen Justiz zu tun, die keineswegs am Tropf von SYRIZA hängt.

In einem eindrücklichen Vortrag in zwei Teilen ließ der „Bayern-Kapitän“ Reisch, nur unterbrochen von einer Podiumsrunde, Bilder sprechen. Filmisch erzählten sie von erschütternden Schicksalen: Folter, Krieg, Krankheiten und dramatischen Rettungen. Im Durchschnitt wiegen 170cm große Männer 45 Kilogramm. Schon deshalb ist es einfach nur erbärmlich, wenn satte Christen-Darsteller wie Seehofer und Söder von „Asyltouristen“ reden. Da verfügen ja Affen über eine höhere soziale Kompetenz, selbst das wäre eine Beleidigung – für die Tiere. Schockierend waren ebenso die gegen die Seenotretter während einer PEGIDA-Demonstration ausgestoßenen Sprechchöre „Absaufen, Absaufen“ …

Mit Walid Habash saß ein syrischer Kriegsflüchtling auf der Bühne. Ihn konnte ich schon vor Jahren im Rahmen einer Buchvorstellung („Refugees Welcome“ – ein Mutmach-Buch) seines „Ziehvaters“ Mathis Oberhof, der ihn seinem Privathaus aufnahm, erleben. Beide Male berichtete Walid über sein dramatisches Flüchtlingsschicksal. Wie traumatisiert er von dem noch immer ist, zeigte sich, als man ihn hier ein in Schlauchboot setzen wollte. Gesungen hat er auch wieder. Ein Lied sogar auf Deutsch. Inzwischen hat Habash eine Ausbildung abgeschlossen und ist verlobt. Mehr Integration geht nicht!

Mut gemacht haben die von dem früheren CSU-Wähler Reisch vorgestellten Crew-Mitglieder. Dass es noch solche vor allem junge Menschen gibt – eine Kranken-und Intensivschwester, die ihren Urlaub für Lifeline-Missionen „opfern“, ein pensionierter Kardiologe, der die Geretteten medizinisch betreut sowie ein junger Maschinist!

Erschreckend wiederum die Bilder, die zum Abschluss zu sehen waren: Ein sich an der Schiffsschraube eines großen Frachters festhaltender Flüchtling konnte noch aus dem Wasser gezogen werden. Noch schlimmer: Als die sogenannte libysche Küstenwache ein Schlauchboot mit Frauen und Kindern an Bord regelrecht zerhackte. Ferner verwies der Lifeline-Kapitän darauf, dass es nötig ist, endlich die Fluchtursachen zu bekämpfen. Es reiche nicht Aspirin zu verteilen, wenn die Wurzel erkrankt ist. Dann muss man zum Zahnarzt und eine Wurzelbehandlung machen, so drückte er es plastisch aus.

Was die augenblickliche Situation deutlich machte, da sich Sarah Mardini und Claus-Peter Reisch wegen ihres humanistischen Handelns in der Flüchtlingshilfe mit juristischen Auseinandersetzungen konfrontiert sehen, waren die Aufnahmen von einer inszenierten Beerdigung der europäischen Werte vor dem Gerichtsgebäude in Malta. Denn wie viele Menschen sind ertrunken, seitdem Reischs Schiff ein Ausfuhrverbot aus dem maltesischen Hafen hat? Ist die Lifeline eine Waffe? Aber so wurden Sonntagsreden wieder nur zu Grabreden: Hier nun für Flüchtlinge, aber auch für Europa selbst.