Kalkulierte Amnesie?

Wie die Leistungen der Leipziger Herzchirurgie zu DDR-Zeiten ins Vergessen befördert werden. Von Wulf Skaun

Das Herzzentrum Leipzig, Teil der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, besitzt in der Fachwelt einen exzellenten Ruf. Herzchirurg Professor Friedrich-Wilhelm Mohr, 1994 dessen Gründungsvater und bis 2017 Ärztlicher Direktor, hat daran einen hohen persönlichen Anteil. Seine Auszeichnung Ende Januar 2019 mit dem Preis Leipziger Lerche durch den Verein Gemeinsam für Leipzig, der jährlich Persönlichkeiten ehrt, „deren Herz für Leipzig schlägt“, ist im wahrsten Sinne des Wortes treffend. Umso mehr, als Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung in seinem Grußwort nicht nur den hervorragenden Wissenschaftler, Hochschullehrer und Arzt, sondern auch den Menschen preist, „der die Freiheit des Geistes und die Achtung des Anderen lebt“.

In diesem Kontext nimmt sich die Geschichtsvergessenheit, wie sie in der Laudatio Professor Volkmar Falks aufscheint, für Kenner der Materie, vor allem aber für frühere Mitarbeiter der Vorgängerinstitution mehr als befremdlich aus. Bitter ist ihnen insbesondere eine Bewertung des früheren Mohr-Schülers in Leipzig und heutigen Direktors der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Deutschen Herzzentrums Berlin, mithin eines Fachexperten von Rang, aufgestoßen. In der LVZ vom 26./27. Januar 2019 ist sie so wiedergegeben: „Aus dem herzchirurgischen Niemandsland sei schnell eine internationale Marke geworden.“ Ein verstörender Befund angesichts der weltweit anerkannten Leistungen jener Herzchirurgen zu DDR-Zeiten, auf denen das heutige Herzzentrum 1994 organisch aufbauen konnte. Eine ahistorische Betrachtung, von der man nicht weiß, ob sie einer kalkulierten Amnesie dient, die sozialistische Errungenschaften vergessen machen soll. Die aber fraglos geeignet ist, die Lebensleistung der Ostdeutschen zu negieren oder zu entwerten, Kränkungen und Demütigungen immer wieder neu zu befeuern.

„So kann das nicht stehenbleiben!“, hieß es folgerichtig in den Reihen derer, die die realitätsfremde Umdeutung der Geschichte der Leipziger Herzchirurgie nicht kommentarlos hinnehmen wollen. Zu ihnen gehört auch Professor Karl-Friedrich Lindenau, Preisträger Mohrs unmittelbarer Vorgänger als Leipziger Chef-Herzchirurg. Er wolle nicht falsch verstanden werden: Die Auszeichnung Professor Mohrs würdige verdientermaßen einen Fachexperten, der mit seinen Innovationen maßgeblich zur Entwicklung der Herzchirurgie beigetragen habe. „Ich möchte aber anhand ausgewählter Fakten das Bild geraderücken, das von Herrn Falk so fatal schief gehängt wurde, als er die Leipziger Herzchirurgie vor 1994 als ,Niemandsland‘ schmähte.“

Geschichtsbewusste wüssten, dass die Stadt Leipzig in der universitären medizinischen Forschung und Lehre auf eine jahrhundertlange Tradition zurückblicke. In seiner Fachdisziplin setzte das Universitätsklinikum der Karl-Marx-Universität Leipzig 1961 einen Markstein. Unter Leitung von Professor Martin Herbst gründete es eine der ersten selbstständigen Kliniken für Herz- und Gefäßchirurgie in Europa. Auch wegen seiner Verdienste, Operationen mit der Herz-Lungen-Maschine zu erproben und in die klinische Praxis zu überführen, habe Martin Herbst als Pionier der Herzchirurgie gegolten. In Leipzig wurde das gesamte Spektrum herzchirurgischer Eingriffe auf internationalem Spitzenstandard realisiert. Professor Harry Warnke, Leiter der herzchirurgischen Abteilung der Berliner Charité, lobte Anfang der 1980er denn auch: „Aus Leipzig kamen … viele Impulse für die Herzchirurgie.“ Das blieb so, als Karl-Friedrich Lindenau, Träger des begehrten Sauerbruch-Preises, 1983 von der Charité in die Messestadt wechselte, um die Nachfolge von Professor Herbst anzutreten. „Mit mehr als 1.000 Operationen jährlich wurden wir die leistungsstärkste herzchirurgische Einrichtung der DDR.“ Fast zeitgleich mit der Charité sei ihm und seinen Mitarbeitern im Herbst 1986 die erste Herztransplantation gelungen. Dass die Leipziger Herzchirurgie niemals „Niemandsland“ gewesen war, dokumentierten auch die von ihr ausgerichteten Fachtagungen. Das 2. Leipziger Herzchirurgische Symposium im April 1989 sei mit rund 400 Teilnehmern, darunter 70 Wissenschaftler aus 20 Ländern Europas, Amerikas und Asiens, die größte Veranstaltung des Fachgebiets in der DDR gewesen, resümiert Professor Lindenau. Seine eigenen Auslandseinsätze hinzugerechnet: Die Marke Leipziger Herzchirurgie wurde schon vor 1994 in die Welt getragen.

Bleibt die Frage, die Oberarzt Dr. Gerhard Hofmann, einstiger Herzchirurg an der Universitätsklinik, in einem Leserbrief an die LVZ formulierte: „Was hat nun Herrn Falk in der seinem Lehrer gewidmeten Laudatio dazu bewogen, diese Klinik als herzchirurgisches Niemandsland zu diskreditieren?“