Die deutsche Revolution 1918/19 und ihre Räte

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Das „Zeitgeschichtliche Archiv e.V.“ und der „Förderkreis Archiv und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V.“ hatten für den 9. Mai 2018 zu einem Öffentlichen Symposium zur Rolle der Räte in der deutschen Revolution 1918/19 nach Berlin-Marzahn eingeladen. Der jetzt vorliegende Protokollband, herausgegeben von Reiner Zilkenat, enthält nach dem Begrüßungswort der Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle Beiträge von 18 Autoren, die Ursachen, Triebkräfte, Mehrheitsverhältnisse und Personen in den damaligen revolutionären Ereignisse behandeln, aber auch den Bogen in die Jahrzehnte danach spannen.

Konturenhaft wird die Thematik im historischen Überblick und in zusammenfassender Deutung eingangs von Peter Brandt, dem ältensten Sohn von Willy Brandt, behandelt. Er verweist auf wichtige Weichenstellungen, benennt die Ursache, warum die Soldatenräte innerhalb der revolutionären Bewegung eher bremsend auftraten und die Mehrheit der deutschen Arbeiter zweifellos der SPD-Führung vertraute und eine beträchtliche Minderheit dem gemäßigten Flügel der USPD folgte. „Die radikale Linke“, so Brandt, „dominierte lediglich in wenigen Großstädten und industriellen Zentren … Das Übergewicht der Mehrheits-SPD verstärkte sich durch die massive Unterstützung von Seiten der Soldatenbewegung und von Teilen der Mittelschichten.“ So habe der erste nationale Rätekongress Mitte Dezember 1918 in etwa den tatsächlichen Mehrheitsverhältnissen in der Arbeiterschaft Deutschlands entsprochen.

Brandt betont, dass die mehrheitssozialdemokratische Politik „auf die raschestmögliche Überführung der Revolution in ein legales, d. h. parlamentarisches Stadium gerichtet“ war. Geleitet von „verfassungs- und machtpolitischen Motiven“, habe man gemeint, auf die traditionellen Eliten (Offizierskorps, Beamtenschaft, Unternehmer und dergleichen) nicht verzichten zu können. Eberts Kooperationsabsprache mit der Obersten Heeresleitung diente dazu, mit miltärischen Mitteln die Schaffung einer bürgerlich-parlamentarischen Republik abzusichern. Die Arbeiter- und Soldatenräte sollten keine politische Macht besitzen, sondern „ausschließlich Hilfsfunktionen für die Verwaltung wahrnehmen und so schnell wie möglich überflüssig gemacht werden“. Demgegenüber habe die USPD-Linke nach Möglichkeiten gesucht, die Revolution in Richtung eines Rätesystems weiterzutreiben. „Die Staats- und Gesellschaftsordnung der ersten deutschen Republik“, subsumiert Brandt, „war somit eine Resultante aus dem Sieg der demokratischen Arbeiter- und Volksbewegung im November 1918 und der teilweise gewaltsamen Eindämmung der weitreichenden durchaus unterschiedlichen Bestrebungen großer Teile der Arbeiterschaft im Winter und Frühjahr 1919“. Brandt schließt mit dem Blick auf die Auswirkungen der sich bildenden Machtkonstellation auf die 20er Jahre.

Der sich anschließende Beitrag, verfasst von Eckhard Müller, behandelt Rosa Luxemburg, Richard Müller und Ernst Däumig als vehemente Vertreter des Rätegedankens. Letztere hätten am klarsten die Stimmung in den Betrieben, die Wünsche und Sorgen der Arbeiterklasse ausgedrückt, was immer wieder zu Differenzen mit der USPD und der Spartakusgruppe um Luxemburg und Liebknecht, die in geringerem Maße mit der Arbeiterschaft verbunden waren, geführt habe. Deutlicher als P. Brandt betont E. Müller, dass der „Konflikt zwischen dem Lager der proletarischen Machtübernahme in Form der Rätedemokratie und dem Lager der bürgerlichen Konterrevolution, die sich rund um die Losung nach der Nationalversammlung scharte, zur alles entscheidenden Frage“ wurde.

Die folgenden Beiträge behandeln die Rolle der Frauen in der Münchner Rätebewegung (F. Söhner) und das Frauenwahlrecht in den Debatten der Räte (G. Notz) sowie den Linksliberalismus in der deutschen Rätebewegung (G. Engel).

A. Weipert richtet den Blick auf den Kerngedanken des Rätesystems: die Demokratisierung von unten und auf das zentrale Anliegen der Rätebewegung in den Jahren 1919 und 1920, eine „zweite Revolution“. Zum anderen werden die 1919 entstandenen und heute noch kaum bekannten revolutionären Berliner Schülerräte vorgestellt, deren spektakulärste Aktion der Schülerstreik im Sommer 1919 war. Diese Räte zeugen davon, dass die Rätebewegung breiter und homogener war als vielfach angenommen wird.

Die sich anschließenden Beiträge behandeln detaillierte Fragen der treibenden Kräfte der Rätewegung und deren Spuren in Treptow-Köpenick, Friedrichshain und Lichtenberg sowie die Rolle des revolutionären Sozialisten Georg Ledebour. Zur Gegenrevolution sei insbesondere auf den Text von O. Luban zum verfälschten Geschichtsbild der Novemberrevolution 1918 in Berlin und auf den von R. Zilkenat zur Konterrevolution im Allgemeinen und zur „Antibolschewistischen Liga“ im Besonderen, unter Hervorhebung der Rolle von Eduard Stadtler als eines Frühfaschisten im konterrevolutionären Netzwerk, hingewiesen. Einen Eindruck davon, wie sich die Revolution 1918/1919 in der programmatisch-politischen Debatten der SPD nach der faschistischen Machtübernahme widerspiegelt, vermittelt J. Wollenberg.

Der abschließende Komplex des Protokollbandes beinhaltet Beiträge zur Beachtung der Erfahrungen der Novemberrevolution beim politischen Neubeginn nach der Befreiung vom Faschismus (G. Benser) beziehungsweise zur Wiederkehr der Räte in der Endzeit der DDR (St. Bollinger). Bereichert wird dieser Teil durch Betrachtungen zur Widerspiegelung der deutschen Rätebewegung 1918/1919 in neueren wissenschaftlichen Veröffentlichungen der BRD (H. Czitrich-Stahl und R. Holze), ergänzt durch eine Vorstellung zweier amerikanischer Arbeiten zum Thema, verfasst von M. Keßler. Es betrifft Bücher, die 1946 (Samuel William Halperin) bzw. 2018 (William Arthur Pelz) erschienen sind und die direkte Verbindungslinien zwischen diesen zeitlich so weit auseinander liegenden Studien aufzeigen.

Insgesamt war das Symposium vom 9. Mai 2018, wie der Protokollband belegt, die wohl bedeutendste wissenschaftliche Konferenz zum 100. Jahrestag der Novemberrevolution 1918.

„… alle Macht den Räten!“ Die deutsche Revolution 1918/1919 und ihre Räte. Konferenzband, hersg. von Reiner Zilkenat, edition bodoni, 2018. 318 Seiten, 18,00 Euro. ISBN 978-3-940781-97-0