Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will!

Jens-Paul Wollenberg erinnert an Meilensteine in der Geschichte des Arbeiterliedes

Im vergangenen Jahr wurde die Reggaemusik in das Verzeichnis Internationales Kulturerbe aufgenommen, wie ich in der letzten Ausgabe an dieser Stelle geschildert habe. Das deutsche Arbeiterlied erfuhr bereits 2014 eine ähnliche Ehre, als „Das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung“ von der deutschen Kulturministerkonferenz als schützenswertes Kulturerbe eingestuft und unlängst durch die UNESCO in das bundesweite Verzeichnis immaterielles Kulturerbe integriert wurde.

Das Arbeiterlied als solches hat seinen Ursprung teilweise in Handwerkerliedern, die oft zum großen Teil spöttische Charakterzüge trugen – meist wurden strenge Handwerksmeister aufs Korn genommen. Andere beinhalteten Themen wie die Walz, also die Wanderjahre, verbunden mit dem Wunsch nach individueller Freiheit. Mit dem Arbeitslied ist das Arbeiterlied allerdings nicht zu verwechseln. Ersteres wurde zu schwerer körperlicher Arbeit in der Landwirtschaft, am Webstuhl oder am Spinnrad gesungen, um erleichternde Aufmunterung zu erzielen.

Arbeiterlieder tragen absolut politische Merkmale mit revolutionärem Hintergrund. Man kann sie getrost als Vorreiter der Protest-Songs bezeichnen. Ihre Wurzeln liegen in der Zeit der Industrialisierung von der ersten Hälfte des 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein. Die Lieder wurden anfangs noch mündlich überliefert, denn die Verfasser blieben weitgehend anonym, um sich vor #Repression zu schützen.

1844 machte ein Lied von sich reden, das sich dem schlesischen Weberaufstand widmete: Das Blutgericht! Darin spiegelt sich die ganze Wut gegen die damaligen Fabrikbesitzer: „Ihr Schurken all, ihr Satansbrut / Ihr höllischen Kujone / Ihr fresst der Armen Hab und Gut / Und Fluch wird euch zum Lohne! / Ihr seid die Quelle aller Not / Die ihr den Armen drücket / Ihr seid’s, die ihr das trockne Brot / Noch von dem Munde rücket …“ Nach der Verhaftung eines jungen Webergesellen, der den Mut aufgebracht hatte, das Lied öffentlich vorzutragen, erhob sich der Weberaufstand, der jedoch alsbald blutig niedergeschlagen wurde. Es folgten zahlreiche Verhaftungen und Verurteilungen. Das und der Umstand, dass eine breitere Öffentlichkeit entstand, insbesondere im Spektrum der aufkommenden linken Intelligenz, sorgten dafür, dass der Text in diversen Zeitungen gedruckt wurde. Selbst Gerhart Hauptmann wurde darauf aufmerksam und verwendete das Lied für sein Bühnenstück „Die Weber“.

Im Lauf der Zeit entwickelte sich die organisierte Arbeiterbewegung, die sich den Slogan von Marx und Engels „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ auf die Fahnen schrieb. Ferdinand Lassalle wurde eine führende Kraft und rief 1863 die erste gesamtdeutsche Arbeiterpartei ins Leben, bevor Wilhelm Liebknecht und August Bebel 1869 die SDAP gründeten – die Sozialdemokratische Arbeiterpartei.

Lassalle war es auch, der den Wunsch hegte, der Arbeiterklasse eine eigene Hymne schreiben zu lassen. Er wandte sich kurzerhand vor der Gründung seiner Partei an den Dichter Georg Herwegh, der schon für die Revolution von 1848 bedeutende Lieder verfasst hatte (z. B. „Ich bin ein freier Mann und singe“). Lassalle bat ihn, ein entflammendes Poem für die Arbeiterschaft zu schreiben. Herwegh reagierte prompt und schickte Lassalle nach kurzer Zeit einen Text, der politisch höchst brisant war: das „Bundeslied“. Es endet mit den eindringlichen Worten: „Mann der Arbeit, aufgewacht!/ Und erkenne Deine Macht! / Alle Räder stehen still, / Wenn Dein starker Arm es will.“ Bis heute hat es nichts an Aktualität eingebüßt. Auch das ebenfalls in den Jahren der 1848er Revolution entstandene Revolutionslied „Trotz alledem“ von Ferdinand Freiligrath, das bis heute ständige Textänderungen erfährt, erregte große Aufmerksamkeit.

Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich unzählige Arbeitergesangsvereine, die sich auch aus den Mitgliedern ehemaliger Volksmusikchöre zusammensetzten. Die Behörden beäugten sie argwöhnisch, denn Bismarcks „Sozialistengesetze“ verboten es streng, aufrührerische Gesänge in der Öffentlichkeit vorzutragen. Wurde jemand dabei ertappt, wie sie oder er die sogenannten Flugblattlieder sang oder anderweitig verbreitete, drohte mehrjährige Haft. Trotz alledem wurde das Singen immer populärer. Gesungen wurde bei Streiks, bei Demonstrationen und Protestmärschen, im Familienkreis, bei feierlichen Anlässen und selbstverständlich auch bei den Tagungen der Arbeitervereine.

Das bekannteste Arbeiterlied ist und bleibt die „Internationale“. Obwohl das Lied eigentlich aus der Feder des französischen Dichters Eugene Pottier stammte und dem revolutionären Kampf der Pariser Commune 1871 gewidmet war, erlangte es dank seiner wirkungsvollen Poesie und der eindrucksvollen Komposition von Pierre Degeyter eine unglaubliche Popularität. In Deutschland tauchte die Internationale in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Die Veröffentlichung wurde kurzerhand verboten und das Singen mit Haftstrafe bedroht. Auch dieser Text wurde seither immer wieder aktualisiert, die letzte Fassung beinhaltet nur noch drei, allerdings sehr präzise Strophen. Der Text wurde in fast alle Sprachen übersetzt, wodurch sich das Lied zur globalen Hymne aller Unterdrückten, Ausgebeuteten, revolutionären Kräfte entwickelte.

Das ebenfalls bekannte Lied „Auf auf zum Kampf, zum Kampf sind wir geboren“ wurde speziell Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gewidmet. Es entstand 1919, wurde unter Pseudonym verfasst und noch Epochen später gesungen, etwa in den Endsechzigern bei den Protesten gegen die Notstandsgesetze in der BRD. Ebenso erging es dem Titel „Dem Morgenrot entgegen“ von Heinrich Eildermann, der um seinen Posten als Lehrer bangte und sein Lied 1907 als „Heinrich Arnulf“ unterschrieb.

Auch berühmte Autoren wie Bertolt Brecht oder der Komponist Hanns Eisler fühlten sich der Arbeiterklasse verbunden, mussten aber keinen Wert auf Anonymität legen. Gerade dieses Team schuf Werke wie das „Solidaritätslied“, eines der poetisch anspruchsvollsten Arbeiterlieder überhaupt. Es erlangte seine Bekanntheit übrigens vor allem durch den Film „Kuhle Wampe“, den Bertolt Brecht inszenierte und der Anfang der 1930er Jahre in die Kinos kam. Dass Eislers Kompositionen überhaupt auf Anerkennung in der Tradition der Arbeiterlieder stießen, war gewiss dem Umstand zu verdanken, dass er es geschickt verstand, die Moderne (er hat immerhin bei Arnold Schönberg studiert) souverän mit der subtilen Wirkung authentischer Emotionen zu verschmelzen. Das entsprach dem Zeitgeist jener Generation, die großen Wert auf scharf gewürzte Unterhaltung legte.

In der Zeit des Hitlerfaschismus wurden die meisten Arbeiterlieder verboten oder für Propagandazwecke umgeschrieben und missbraucht. Jedoch entstanden auch zu dieser Zeit, oft unter extremsten Umständen, weitere Lieder progressiven Inhalts, etwa „Die Moorsoldaten“, das später weltweit zum Zeugnis antifaschistischen Widerstands wurde.

Nach der Befreiung 1945 wurden viele Lieder wiederentdeckt, etwa für Streikveranstaltungen der Gewerkschaften oder andere Proteste, oft mit aktualisierten Textfassungen. In der DDR waren die Lieder Teil des Schulunterrichts, wurden von Singeklubs gepflegt und gesungen, doch offenbar fehlte die künstlerische Reibefläche. Meist erzielten sie nur eine museale Wirkung, außer vielleicht in der Folkbewegung der frühen Achtziger, die frischen Wind durch die Kulturlandschaft wehen ließ. Doch das war eine andere Baustelle in der Kulturgeschichte beider deutscher Staaten.

Im Westen wandelte sich das Arbeiterlied nach und nach zum zeitgemäßen Protestsong. Aber auch das gehört in einen anderen Artikel.