Vor 125 Jahren geboren: Johann Reinhard

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Am 13. Februar 1894 in Hildenhausen bei Heidelberg als Sohn eines Kleinbauerns geboren, lebte Johann Reinhard ab 1912 in Oschatz/Sachsen, wo er beruflich als Stricker tätig war. Er trat dem Textilarbeiterverband bei und gehörte nach seinem militärischen Kriegsdienst der USPD an. Von 1919 bis 1928 war er Mitglied der KPD, deren Ortsgruppe Oschatz er vorstand. Es war die Zeit, in der heftigste Auseinandersetzungen um eine zeitgemäße reale Strategie und Taktik das innerparteiliche Leben der Partei prägten. Als diese ihren Höhepunkt mit der Gründung der KPD-Opposition (KPD-O) erreichten, wurde er ihr Mitbegründer und Vorsitzender in Oschatz. Zugleich war er als aktiver Kommunalpolitiker von 1924 bis 1933 Stadtverordneter.

Mit Beginn der faschistischen Diktatur wurde Johann Reinhard für 13 Wochen im KZ Colditz inhaftiert. Es folgten Jahre der illegalen antifaschistischen Widerstandsarbeit, bevor er 1944 für neun Wochen Häftling im KZ Sachsenhausen war. Nach der Befreiung von der mörderischen Herrschaft des Faschismus war Johann Reinhard von August bis Oktober 1945 Oschatzer Bürgermeister und anschließend bis Ende 1949 dortiger Landrat. 1950 erfolgte wegen erlittener gesundheitlicher Haftschäden seine Invalidisierung.

Der Beschluss des II. Parteitags im September 1947, die SED zur „Partei neuen Typus“ zu entwickeln, und die damit einhergehende politisch-ideologische Überprüfung der Parteimitglieder hatten zunehmende belastende Auswirkungen auf Johann Reinhards Mitgliedschaft in der Partei. Ihm wurde bald in aller Schärfe angelastet, „als führender Genosse einer parteifeindlichen Gruppierung angehört“ zu haben, gemeint war seine Zugehörigkeit zur KPD-O. Sein energischer Einspruch gegen diese Anschuldigung blieb erfolglos. Er wurde aus der SED und aus der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) ausgeschlossen. Jahre später, vermutlich 1956, wurde mit der nach dem XX. Parteitag der KPdSU auch in der SED einsetzenden Kritik am Stalinismus sein Parteiausschluss rückgängig gemacht. 1965 erfolgt die Anerkennung seiner Parteimitgliedschaft als seit 1919 ununterbrochen. Von 1956 bis 1970 war er in Oschatz ehrenamtlicher Vorsitzender der Gewerkschaft der Mitarbeiter der Staatsorgane und der Kommunalwirtschaft. Am 9. Oktober 1978 verstarb Johann Reinhard in Oschatz.

Die KPD(O) war eine organisatorische stalinistisch-kritische Strömung im deutschen Kommunismus. Viele ihrer ehemaligen Mitglieder blieben in der SED-Geschichtsschreibung ungenannt oder erhielten nicht den Platz, der ihnen zustand. Einer von ihnen war Johann Reinhard.

Verfasst unter Nutzung von Angaben in Theodor Bergmann: Gegen den Strom. Die Geschichte der KPD(Opposition). VSA-Verlag, Hamburg 2001.