Sagen, was ist

Jüngste Ausgabe der Zeitschrift Marxistische Erneuerung (Z 116) treibt „neue Klassendiskussion“ voran. Von Wulf Skaun

Sagen, was ist. Lassalles berühmtes Diktum galt auch Rosa Luxemburg als „revolutionärste Tat“: gesellschaftspolitische Realitäten klar und ungeschminkt beim Namen zu nennen. Linke Eliten von heute sind davon weit entfernt. Nach dem Schock des Epochenbruchs quasi „entrevolutioniert“ und von breiten Massen abschätzig schon als Teil des politischen Establishments wahrgenommen, scheuen sie oft Klartext. In ihren Transformationsszenarien fabulieren sie von Umverteilung, Zivilgesellschaft, solidarischem Miteinander, wo es Ausbeutung, Klassengesellschaft, Klassenkampf heißen müsste. Höchste Zeit, dass wirklichkeitsbewusste Kapitalismuskritik sich angesichts weiterhin zuspitzender antagonistischer Widersprüche wieder stärker marxistischen Denkens versichert und so gerüstet in die durch euphemistische Wortgespinste verschleierten objektiv-realen Verhältnisse der Klassengesellschaft hineinleuchtet.

Dabei macht die Zeitschrift Marxistische Erneuerung ihrem Namen wieder einmal alle Ehre, indem sie diese neu in Gang gekommene Klassendiskussion vorantreibt. Im Dezemberheft 2018 (Z 116) befasst sich ein Großteil der Beiträge denn auch mit Klassenanalyse, Klassentheorie und Klassenpolitik. Dabei entwickeln die tiefgründig argumentierenden Autoren ihre jeweiligen Erkenntnispointen zumeist aus historisch-konkreter Analyse. Dem Rezensenten ist der Themenschwerpunkt wichtig genug, um sich weitgehend auf ihn zu beschränken. Dennoch ist es ihm hier unmöglich, die einschlägigen Texte detailliert nachzuvollziehen. Umso dankbarer nimmt er Anleihe bei den Resümees im Editorial, mit denen die Redaktion Lust auf vollständige Lektüre macht.

Den Anfang des inhaltlich breit gefächerten Diskursangebotes macht Nicole Mayer-Ahuju mit ihrer soziologischen Skizze, wie kollektives Klassenbewusstsein durch die Modernisierungen des 20. Jahrhunderts erodierte, vom Faschismus zerschlagen und in der alten Bundesrepublik sozialpartnerschaftlich eingehegt wurde. André Leisewitz und John Lütten betonen, dass die Analyse der Klassenverhältnisse nicht bei einer Klassenstrukturanalyse stehenbleiben könne. Indem sich die Autoren auf die Entwicklung von Klassenanalyse bei Marx und Engels beziehen, diskutieren sie die neue soziale Polarisierung in der BRD seit dem Bruch 1989/90 und die Defizite der „neuen Klassendiskussion“ im Kontext der „linken Strategiekrise“. Bemerkenswert ihr „argumentativer Schlussakkord“: Linke „Transformationspolitik“ könne wohl kaum ein Prozess sein, bei dem diverse soziale Bewegungen einfach schrittweise „an einem Strang ziehen“, bis plötzlich eine andere Gesellschaft da sei. Es müsste zwingend darüber nachgedacht werden, wie der nicht zu umgehende Bruch mit der Eigentumsordnung gegen die Interessen der herrschenden Klasse angegangen und durchgesetzt werden könne. Um diese Frage dürfe sich eine „neue Klassendiskussion“ nicht drücken, wenn sie denn auf gleichberechtigte gesellschaftliche Verhältnisse ziele.

Klaus Dörre kritisiert kulturalistische Verkürzungen der Klassenanalyse und gibt der Erneuerung herrschaftskritischer Klassentheorien den Vorzug, die nicht nur das Trennende, sondern auch das Verbindende herausarbeiten. An die Adresse der Linken gewandt fordert er, den beherrschten „Lohnarbeitsklassen“ mobilisierende, kollektive Orientierungen zu vermitteln und sie nicht sozialer Ausgrenzung anheimfallen zu lassen. Ralf Krämer umreißt die „Klassenlandschaft in Deutschland 2018“, während Jörg Goldberg eine französische Studie zur Klassifikation der Erwerbstätigen auswertet. Über die Rolle der Gewerkschaften als Klassenorganisation diskutieren Jörn Böwe und Hans-Jürgen Urban. Schließlich plädiert Christian Stache dafür, die Aneignung der Natur durch das Kapital als Teil der Auseinandersetzung um die Produktions- und Verteilungsverhältnisse und somit als Teil des Klassenkampfes bewusst zu machen.

Auch mit dem weiteren Rezeptionsangebot wird die Vierteljahreszeitschrift ihrem Ruf als streitbare Stimme der marxistischen Linken und Plattform pluralistischen linksdemokratischen Diskurses voll gerecht. Lesefreundlich komponiert, informiert, bildet und unterhält auch die Z 116 in gewohnten thematischen Rubriken, einschließlich der Buchbesprechungen. Ein Novum sind die „Kommentare“, die ab dieser Nummer aktuelle politische Ereignisse reflektieren. Bewährt bleibt das fachkompetente Qualitätssiegel: Das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren ? von A wie Elisabeth Abendroth bis Z wie Michael Zander ? liest sich wie ein Who is who ausgewiesener Politik- und Gesellschaftswissenschaftler.

Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, N. 116 (Dezember 2018), 256 Seiten, Einzelheftbezug 10 Euro. Bestellungen über redaktion@zme-net.de oder www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de