Reggae – unverwüstlich

Eine Reise vom Ska bis zu Jürgen Kerth mit Jens-Paul Wollenberg

Bereits in den Sechzigern breitete sich eine bemerkenswerte Spannbreite von Musizierweisen in der populären Unterhaltungsmusik aus. Sie revolutionierte die bis dahin vertrauten Strukturen des Rock’n’Roll und des Beats. Bluesorientierte Rückbesinnung, folkige Einflüsse aus Irland, den USA und Kanada, Bluegrass oder Country sorgten auf einmal für Abwechslung nicht nur in den Hitparaden, obgleich bereits recht früh exotisch anmutende Nummern die Charts eroberten. Desmond Dekkers Titel „Israelites“, Dandy Livingstones „A Message To You Rudy“ oder Jimmy Cliffs „Vietnam“ ließen mit hinreißenden Rhythmen aufhorchen.

Dass es sich dabei um Reggae handelte, war der damals gewiss angenehm überraschten Hörerschar noch nicht so ganz bewusst. Der Reggae fand seinen Ursprung in der Karibik, hauptsächlich auf Jamaika. Dort entwickelte er sich aus der Musikfolklore, welche die Maroons pflegten – Sklavenarbeiter, die vor allem aus Ghana stammten und als Sklaven auf die westindischen Inseln verschleppt worden waren und dann fliehen konnten. In Verbindung mit den Rhythmen der Quadrille, einer Volkstanzart aus Spanien, eingeführt durch spanische Kolonialsoldaten, und dem Mento, so die eigentliche Bezeichnung jener ursprünglichen Musikrichtung, entstand nach und nach unter Einbeziehung des weitaus bekannter gewordenen Calypso zunächst der sogenannte Ska, der erfolgreiche Vorreiter des Reggae.

Kennzeichnend für den Charakter des Reggae ist ein gleichbleibend schleppender Rhythmus, gebrochen durch unerwartete Pausen, die musikalische Spannung erzeugen. Während der Entwicklung der Skamusik in Richtung Reggae hatte die Rastafari-Bewegung großen Einfluss auf die Protagonisten, indem musikalisch wie inhaltlich eine Rückbesinnung auf afrikanische Wurzeln erfolgte. Die Geburtsstunde dieser Bewegung schlug in den dreißiger Jahren auf Jamaika. Sie entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen afrokaribischen Religion, die sich der Zuversicht auf Erlösung aus Sklaverei und Kolonialherrschaft verschrieb, in der Hoffnung verankert, nach Afrika zurückkehren zu können. Die sich daraus entwickelnde politische Widerstandsbewegung gewann rasch allgemeinen Zuspruch in der unterdrückten Bevölkerung, die sich mit den Rastafaris solidarisierte.

Als Jamaika 1962 unabhängig wurde, entwickelte sich der Rastafarianismus auf den karibischen Inseln zu einem subkulturellen Phänomen, das später allein schon durch Bob Marleys musikalischen Beitrag weltweites Aufsehen erregte. Ursprünglich beriefen sich die Rastas noch auf die Bibel, verbunden aber mit dem Grundgedanken, dass der Schöpfer sich in jedem Einzelnen befände. Totalverweigerung gegenüber staatlichen Machtstrukturen dank der Kraft unbändiger Spiritualität bildet das Fundament. Ab den Siebzigern schätzte man eine globale Anhängerschaft von etwa fünf Millionen.

Doch zurück zur Musik. Bereits in den frühen Fünfzigern sorgten die sogenannten „Sound Systems“ für Furore. Es handelte sich dabei um transportable Diskotheken. Mit riesigen Bassboxen wurden Massen zum ekstatischen Tanzen auf den Märkten animiert. Da die meist aus den USA importierten Schallplatten den Diskjockeys jedoch alsbald zu teuer wurden, und auch weil die hauptsächlich aus schräg klingenden Rhythm’n’Blues-Titeln bestanden, besann man sich auf die Eigenständigkeit regionaler Talente. Davon gab es in den jamaikanischen Metropolen Unzählige, darunter der bereits erwähnte Bob Marley und Größen wie Peter Tosh, L. K. Johnson oder Johnny Nash.

Robert Nesta Marley, so Bob Marleys richtiger Name, wurde am 5. Februar 1942 in Saint Ann auf Jamaika geboren. In den frühen Sechzigern kam es zur Gründung seiner Band „The Waiters“. Seit den Siebzigern galt Marley als King des Reggae und des damit verbundenen „Rastafarianismus“. Seine Lieder, die sich gegen Rassismus, Unterjochung und Ausgrenzung wandten, wurden in kürzester Zeit sehr populär und erreichten beinahe Hymnenstatus – wie „No Woman, No Cry“, „I Shot The Sheriff“, „Them Belly Full“, „Exodus“ oder „Want More“, um nur einige zu nennen.

In „Exodus“ thematisiert er Entfremdung und Massenmigration und schürt Hoffnung, diesen düsteren Willkürlichkeiten widerstehen zu können. Die LP mit dem gleichnamigen Titel entstand 1977, nachdem er bereits ein Jahr zuvor das wunderbare Album „Rastaman Vibration“ in England bei „Island“ aufgenommen hatte. Es war einer britischen Musikjournalistin zu danken, dass Bob Marley and the Waiters in England produzieren konnten. Sie entdeckte ihn auf Jamaika, doch so ganz freiwillig hat es ihn nicht auf die noch europäische Insel verschlagen (Es sei noch darauf hingewiesen, dass Marley bereits 1972 die LP „Catch A Fire“ in London aufnahm.). Mit dem schon in Jamaika vorproduzierten Material für „Exodus“ war er sprichwörtlich aus lebensbedrohlichen Umständen gekommen. Er war auf der Flucht. Im Dezember 1976 wurde er in seiner Heimat von einem Unbekannten angeschossen, wahrscheinlich um seinen für den Folgetag geplanten Auftritt beim „Smile-Jamaika-Konzert“ zu verhindern. Dort sollte Marley auf der Grundlage seiner Popularität versuchen, den Konfligt zwischen verfeindeten Gesellschaftsschichten zu befrieden, denn auf der Insel herrschten bürgerkriegsähnliche Spannungen.

Gemeinsam mit dem Produzenten Chris Blackwell erarbeitete er eines der am stärksten gefeierten Alben aller Zeiten im Bereich Rockmusik, eben „Exodus“, sowie das folgende Album „Kaya“, das seinem Vorgänger nicht nachstand. Mit beiden Alben erlangte Marley Weltruhm. „Exodus“ als Gesamtkunstwerk erzeugte mit seinen radikal anmutenden Emotionsausbrüchen eine geladene Stimmung, die dem Zeitgeist der in diesen Jahren aufkommenden Punkbewegung entsprach. 1978, während eines Aufenthalts in New York, wurde Marley mit der Friedensmedaille der Vereinten Nationen ausgezeichnet, worauf mehrere Tourneen mit den Waiters durch die USA, Europa und Afrika folgten.

1979 erschien die Platte „Survival“, die ebenfalls stark politisiert war. 1980 wurde Marley von Robert Mugabe für ein Konzert zu den Unabhängigkeitsfestlichkeiten in Zimbabwe eingeladen. Im selben Jahr kam auch das Album „Uprising“ auf den Markt, mit dem er und seine Band nochmals eine Welttournee bestritten, die jedoch abgebrochen werden musste, als er schwer erkrankte. Am 11. Mai 1981 erlag Bob Marley in Miami seinem Krebsleiden. Er hatte dem Reggae Weltruhm beschert – sein Tod war ein großer Verlust.

Derweil entwickelte sich die Reggaemusik weiter. In Großbritannien bildeten sich Bands, die den „New Wave“ kreierten, der anfangs noch stark von Reggaeelementen beeinflusst war. Große Bekanntheit erreichten „The Clash“, „The Police“ oder „The Specials“. Auch Ska erlebte ein Revival, besonders in England. Ab den Achtzigern entstand dann „Dancehall“, der sich am Reggae orientierte. Allgemein ist festzustellen, dass der Reggae ab den Siebzigern die Rockszene revolutionierte. Selbst die Discowelle bediente sich seiner Strukturen. Unzählige Rockgruppen begannen, ihren Musikstil mit den charakteristischen Elementen des Reggae zu bereichern. Eric Claptons LP „There’s ONE IN EVERY CROWD“ von 1975 ist ein gutes Beispiel.

Während eines Konzertes im Rahmen seiner Japantournee interpretierte Bob Dylan sein „Shelter From The Storm“ sehr leidenschaftlich in Reggae-Flair. Auch die Rolling Stones beschritten diesen Pfad auf ihrer in den frühen Achtzigern erschienenen Platten „Undercover“ und „Emotional Rescue“.

Ein weiterer wichtiger Interpret, der stets auf der Suche nach seinen ethnischen Wurzeln war, war Taj Mahal, der eigentlich Henry Saint Clair Fredericks hieß. Gemeinsam mit dem exzellenten Gitarristen Ry Cooder gründete er die Band „The Rising Sons“, nach deren Auflösung er sich dem ursprünglichen Folkblues widmete. Er kam an Jamaika nicht vorbei und produzierte 1974 ein reines Reggaealbum, das ihm großen Respekt einbrachte. Zwei Titel auf dieser Platte „Mo‘ Roots“ bestechen mit unglaublich souveränem Reggaesound: „Johnny Too Bad“ und „Clara (St. Kitts Woman)“.

Dass Reggae auch den deutschen Sprachraum eroberte, bewies der bayerische Liedermacher Hans Söllner mit provokant-hintersinnigen Texten, den man in Kennerkreisen als den deutschen Bob Marley empfahl. Ein weiterer Vertreter ist der in Thüringen lebende Bluessänger Jürgen Kerth, der schon zu DDR-Zeiten geschickt Reggae-Elemente in sein Repertoire übernahm. 2017 wurde Reggae von der Unesco in das Verzeichnis Internationales Kulturerbe aufgenommen.