Ich bin kein Nazi, aber …

Von Peter Porsch

Wie oft höre ich das. Aber was nach dem „aber“ kommt, verstört mich. Es verstört mich politisch und grammatisch. In der Grammatik gilt „aber“ als adversative Konjunktion. Das heißt, sie leitet nach der ersten Aussage zumindest eine die erste Aussage einschränkende oder ihr gar widersprechende Aussage ein. In unserem Fall verwahrt man sich mit dem „aber“ gegen die Einordnung als Nazi, nur weil man etwas sagt, was dies für andere oder auf den ersten Blick unterstützt.

Ich will mich also auseinandersetzen mit dem, was nach „aber“ kommt und warum es nicht für die Qualifizierung als Nazi reichen sollte: Nach 1945 versuchte man sich sowohl in der entstehenden Bundesrepublik und in Österreich als auch in der DDR zumindest antinazistisch oder sogar konsequent antifaschistisch zu definieren. Man berief sich dabei auf unterschiedliche Begründungen. In Österreich und der BRD war es vor allem der brutale Antisemitismus, der im Holocaust, in der Shoa gipfelte. In der DDR hob man den kommunistischen antifaschistischen Widerstand und seine unbestrittenen Heldentaten in einem unmenschlichen Alltag hervor. Das war zwar beides nicht alles, es wirkte aber (!) doch so, dass damit alltägliche faschistische und faschistoide Auffassungen und Praktiken in den Hintergrund traten, unbeachtet blieben. Es begegnete mir als Heranwachsender in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts z.B. ein unkritisch reproduzierter Antisemitismus. Er fiel kaum auf, wenn der lärmenden Schulklasse vom Schuldirektor ein „hier geht es zu wie in der Judenschule“ entgegengeschleudert wurde. Wer assoziierte schon die todbringenden Vorurteile eines Antiziganismus, wenn der unaufgeräumte Raum mit einem „hier sieht es ja aus wie bei den Zigeunern“ beschrieben wurde? Es gibt freilich noch Subtileres. Das Patriarchat behauptete sich. Der Mann blieb noch lange gesetzlicher Haushaltsvorstand. Obwohl juristisch aufgehoben, benehmen sich auch heute noch viele Männer so. Männliche Gewalt in der Familie ist deshalb nicht verschwunden, im Gegenteil, sie ist Alltag für viele Frauen und Kinder geblieben. Für Kinder ist das auch so wegen des Weiterbestehens strenger autoritärer Erziehungskonzepte. Wenn die DDR freudig verkündete, den Frauen mit Waschmaschinen ihre „zweite Schicht“ zu erleichtern, so sagt das sicher auch etwas über die weit verbreitete familiäre Arbeits- und Rollenverteilung. Gesellschaftlich dominante Homophobie macht Heterosexualität nicht nur zur einklagbaren Normalität im Alltag, sondern verdrängt Homosexualität oder Transsexualität in das Ghetto des zu Verbergenden. „Schwul“ ist heute in vielen Milieus immer noch ein Schimpfwort; alles trotz gesetzgeberischer Toleranz vorerst in der DDR, später auch in der BRD und in Österreich. Junge Leute wissen kaum noch von den „Rosa Winkeln“ in den KZs. Ethnozentrismus, die Auffassung von der Überlegenheit des westeuropäischen „weißen Mannes“ ist nicht verschwunden. Im österreichischen Gymnasium verkündete uns der Geografielehrer das „Kulturgefälle von West nach Ost“. Bei einer Zugfahrt in der DDR, Anfang der 1980er Jahre, hörte ich zum ersten Mal die Wörter „Brikett“ für Schwarzafrikaner und „Fidschi“ für Vietnamesen. Das unfreiwillig wahrgenommene, weil ungeniert laut ablaufende, Gespräch junger Männer belehrte mich, dass „Neger“ in der Straßenbahn nicht sitzen dürften, wenn Deutsche stehen, und dass es doch verboten werden sollte, dass sich Vietnamesen für ihren Arbeitslohn Mopeds kauften und in ihre Heimat schickten. Die gehörten doch den Deutschen.

Der Beispiele hätte ich noch viele. Der Sprachwissenschaftler weiß, es sind die sogenannten „frames“, die Rahmen, in denen sich das Bild von Welt und Gesellschaft im Alltagsbewusstsein sprachlich verfestigt. Einzelne Wörter sind dort in einen Zusammenhang gebracht, der ihre Bedeutung bestimmt und damit auch die möglichen Textbedeutungen formt, wenn man sie verwendet. Jene frames, in denen meine Beispiele eingerahmt sind, haben Platz gehalten für die Wiederauferstehung eines alten Faschismus. Sie machen Dinge plötzlich wieder aussprechbar, die wir als lange überwunden glaubten. Es passt doch ins gut gerahmte Weltbild. Nein und nochmals Nein! Lasst uns aus dem Rahmen fallen.