Er hat Zeitgeschichte mitgeschrieben

Die Jour-fixe-Gemeinde würdigt Leben und Wirken des Leipziger Historikers Hans Piazza (1932-2017). Von Wulf Skaun

„Wenn ich auf dem Markkleeberger Kommunalen Friedhof an den namenlosen Gräbern vorbeikomme, dann geht mein Blick über die grüne Rasenfläche hin zu jener entfernten Stelle, wo Hans Piazza und seine liebe Frau begraben liegen.“ Mit dieser gefühlvollen Metapher sprach Willi Beitz auch den Anwesenden aus dem Herzen. „Die unprätentiöse, stille Art, wie er sich zur letzten Ruhe betten ließ, entsprach ganz und gar dem, wie er uns auch im Leben – ja auch in seinem hohen Amt als Prorektor einer der bedeutendsten deutschen Universitäten begegnet und für immer in Erinnerung geblieben ist.“

Freunde, Kollegen und Schüler hatten sich im vergangenen Dezember zum 40. Gesprächskreis Jour fixe versammelt, um des 2017 verstorbenen Leipziger Historikers zu gedenken. Der Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen in der Leipziger Harkortstraße 10, für Gründungsmitglied Hans Piazza lange Jahre vertraute Heimstätte linken Diskurses, war bis auf den letzten Platz gefüllt, als innige Schostakowitsch-Klänge die Hommage musikalisch eröffneten. Acht Redner erwiesen dem Dahingegangenen ihre Reverenz, sein in New York lehrender Schüler Mario Kessler hatte ihm bereits in „Links“ und „nd“ Nekrologe gewidmet.

Zunächst würdigte Altmagnifizenz Horst Hennig den Freund und Kollegen als einen aufgeschlossenen, offenen und lebensfrohen Rektoratskollegen, der stets die Interessen der Universität als Ganzes im Blick hatte. Seine wohltuend nachdenkliche, konstruktiv-kritische und hilfsbereite Art habe auch in schwierigen Zeiten ein kollegiales Miteinander ermöglicht. Dann ließ Manfred Neuhaus markante Stationen auf dem Lebensweg des wissensdurstigen Chemnitzer Arbeiterjungen Revue passieren: Als Schüler Walter Markovs, Geschichtsprofessor, Sektionsdirektor und Prorektor im Rektoratskollegium von Lothar Rathmann, der an der Hommage leider nur in Gedanken teilnehmen konnte, habe Hans Piazza Spuren in der Leipziger Universitätsgeschichte hinterlassen.

Willi Beitz, Literaturwissenschaftler und als Sektionsdirektor einst einer seiner Amtskollegen, widmete dem Freund berührende Worte. Wer Hans Piazza kannte, werde ihn als einen dem Leben zugewandten, engagierten Wissenschaftler ebenso in Erinnerung behalten, wie als demokratisch gesinnten Amtsinhaber und liebenswerten Menschen. Über eine Freundschaft jener Art, die nicht unentwegt räumliche Nähe voraussetzt, sprach Gerhard Engel, einstiger Amtskollege an der Berliner Humboldt-Universität und späterer Vize-Minister für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR. Er sei sich mit Hans Piazza darin einig gewesen, das für jeden Schritt die von Überzeugung getragene Bereitschaft derer nötig sei, die ihn gehen sollten. Ihre gemeinsame Formel sei deshalb immer gewesen: 90 Prozent überzeugende Debatte, 10 Prozent Administration; oder anders: Notwendiges muss verstanden sein, ehe es verwirklicht werden kann – statt (im Wortsinn) erledigt zu werden.

Für den Germanisten Klaus Pezold zählte die Zusammenarbeit mit Hans Piazza zu den besten Erinnerungen an seine Universitätsjahre. Dass Piazza von allen Hochschullehrern hohes Engagement in der Lehre erwartete und bürokratische Hürden selbstbestimmt aus dem Weg räumte, sei für den eigenen Leitungsstil als Sektionsdirektor prägend gewesen. Der Wirtschaftswissenschaftler Horst Richter erinnerte in bewegenden Worten an das gemeinsame Studium in der Sowjetunion und erstaunliche Parallelen im politischen Schicksal ihrer akademischen Lehrer Herbert Wolff und Walter Markov.

Volker Hölzer trug die Erinnerungen Lutz-Dieter Behrendts vor, der Hans Piazza aus fast 30 Jahren gemeinsamer Arbeit kannte. Dessen Verdienste bei der Gründung einer eigenständigen Sektion Geschichte nach der 3. Hochschulreform 1969 blieben unvergessen. Dankbare und sehr persönliche Worte fand schließlich der Osteuropahistoriker Hartmut Kästner: Als kraftvoller Mann, den sozialistischen Idealen voll ergeben, sei Hans Piazza eine seiner wichtigsten Bezugspersonen gewesen. „Verbunden hat uns die tiefe Freundschaft zur Sowjetunion, zum russischen Volk und zur russischen Geschichte.“

Mit der Romanze aus Dimitrij Schostakowitschs Filmsuite op. 97 klang die Gedenkstunde für einen Freund und Genossen aus, der als Historiker ein Kapitel Zeitgeschichte mitgeschrieben hat.