Abschied von Rosas Biografin

Von Manfred Neuhaus

In der von Männern dominierten Historikerzunft der DDR war Annelies Laschitza eine Ausnahmeerscheinung. Die vigilante Sächsin Annelies Wegert hatte zunächst den Beruf der Verwaltungsangestellten erlernt und bald selbst an sächsischen Verwaltungsschulen unterrichtet. Dabei lernte sie im erzgebirgischen Bermsgrün als erfahreneren Berufskollegen ihren künftigen Lebenspartner Horst Laschitza kennen.

Die im Jahr ihrer Eheschließung an der Leipziger Arbeiter- und Bauern-Fakultät erworbene Reifeprüfung öffnete beiden den Weg zum Geschichtsstudium bei Ernst Engelberg und Walter Markov an der Karl-Marx-Universität. Wie ihre bewunderten Lehrer wurde Annelies Laschitza eine leidenschaftliche Forscherin. Beflügelt durch die Zusammenarbeit und Freundschaft mit Günter Radczun und Feliks Tych, entfaltete sie ein verwegenes Editions- und Forschungsprogramm, trotzte retardierenden Umständen und fand, wenn es unumgänglich war, auch modifizierende Kompromisse. Am Beginn steht der kategorische Imperativ der Historikerin: ad fontes – zu den Quellen. Er bewahrte sie wie ein innerer Kompass davor, auf dem schmalen Grat zwischen erwarteter Loyalität und intellektueller Selbstbehauptung die Balance zu verlieren. Ihre Rekonstruktion der Debatten, Gemeinsamkeiten und gravierenden Differenzen zwischen Rosa Luxemburg und Lenin lieferte die Argumente, um das Vollständigkeitspostulat der Editionsphilologie gegen die Zensur zu behaupten und das von Stalin, aber nicht nur von ihm verteufelte Manuskript „Zur russischen Revolution“ 1974 im vierten Band der Gesammelten Schriften zu veröffentlichen.

Was Laschitza, Radczun und Tych leisteten, um das literarische Erbe von Rosa Luxemburg für künftige Generationen zu bewahren, ist bewunderungswürdig. Die Gesammelten Briefe und die Gesammelten Werke Rosa Luxemburgs (nunmehr insgesamt 16 Bände) gelten als internationaler Standard. Sie bieten die gesicherte Textgrundlage für moderne Ausgaben in aller Welt.

Große Resonanz fand daneben auch Annelies Laschitzas 1996 im Berliner Aufbau-Verlag veröffentlichte Rosa-Luxemburg-Biographie „Im Lebensrausch, trotz alledem“. Darin schildert die Autorin, sensibilisiert durch die gravierenden Veränderungen von 1989/1990, den Lebensgang ihrer Protagonistin, die zu Krieg und Frieden, Reform und Revolution, Gewalt und Terror, Demokratie und Diktatur geführten Jahrhundertdebatten, aber auch die alltäglichen Freuden, Sorgen und Liebesnöte auf eine neue Weise.

Annelies Laschitza war mit einem großen Talent zur Freundschaft gesegnet. Ihr ungekünstelter Charme bewahrte sie vor Steifheit und Förmlichkeit. Sie zählte nie zu jenen, denen die Brust vor eigener Bedeutung schwillt. Große Erfolge, das hatte sie bald erfahren, sind selten, müssen hart erkämpft werden und kommen oft teuer zu stehen. Modischer Firlefanz und pseudogelehrtes Brimborium blieben ihr immer fremd.

Ihr wissenschaftliches Werk schuf Annelies Laschitza als Mutter zweier Töchter und Ehefrau eines Historikers, den ein tückisches Leiden Jahrzehnte in den Rollstuhl bannte. Eigentlich ist es unmöglich über Annelies zu sprechen, ohne an Horst zu denken, die Liebe ihres Lebens, mit dem sie seit jenen fernen Tagen im idyllischen Bermsgrün fast sechs Jahrzehnte Freud und Leid geteilt hat. Von beiden können wir lernen, wie ein Leben auch unter extremen Bedingungen gelingen kann. Selten hat ein Text so angerührt wie „Leben mit Parkinson. Nicht verzagen, mutig wagen“.

Am 10. Januar 2019 nahmen Freunde und Kollegen aus Nah und Fern mit den Angehörigen Abschied von Rosas Biografin.