27. Januar: Kein einfaches Gedenken

Von Alexander Jahns

Meine Großmutter war zweieinhalb Jahre alt, als sich im September 1941 der Kessel um ihre Geburtsstadt Leningrad schloss. Durch einen Zufall befand sie sich während der Belagerung in Sicherheit: Sie verbrachte die Sommerferien 1941 im heutigen Weißrussland, als mit dem „Unternehmen Barbarossa“ der Deutsche Vernichtungskrieg im Osten begann. Fortan verbrachte sie den Rest des Krieges mit ihrer greisen Großtante in einem kleinen Häuschen weit weg von Zuhause. Als Nichtjüdin und „blondes Mädel“ verschonten sie die Schergen von SS und Wehrmacht.

Währenddessen wurde Leningrad durch die Wehrmacht gezielt ausgehungert. Über eine Million Menschen kamen hierdurch ums Leben, darunter auch Teile ihrer Familie. Vor nunmehr 75 Jahren, am 27. Januar 1944, befreite die Rote Armee die einstige Metropole. Das dortige Elend war so unbeschreiblich, dass sich niemand von ihnen vorstellen konnte, jemals wieder etwas Vergleichbares mit ansehen zu müssen. Exakt ein Jahr später, am 27. Januar 1945, erreichte die Sowjetarmee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie auf grauenvolle Weise eines Besseren belehrt wurden.

Meine Großmutter konnte erst im Sommer 1946 zurückkehren, als man den Wiederaufbau Leningrads für weit genug fortgeschritten befand, um Rückkehrende aufnehmen zu können. Mittlerweile war sie sieben Jahre alt, wovon sie die letzten fünf ohne ihre Eltern verbrachte. Ihr Vater war desertiert, ihre Mutter konnte nie eine wirkliche Verbindung zu ihr aufbauen, aber zumindest ein paar weitere Familienmitglieder blieben ihr. Ihr Abschied aus Leningrad in Richtung DDR am Ende der 1950er Jahre fiel ihr daher nicht allzu schwer.

Im März 2013 besuchten mich meine Eltern samt meiner Großmutter während meines Freiwilligendienstes bei einer jüdischen Organisation in Washington, D.C. Dort waren wir zu meiner Kollegin Sara zum zweiten Abend von Pessach eingeladen und erlebten zum ersten Mal alle gemeinsam ein jüdisches Fest. „Dass ich das noch erleben darf“, mag abgedroschen klingen, erhielt jedoch eine bemerkenswerte Relevanz, wenn ich daran denke, was meine Großmutter alles erlebt hatte, bevor sie diesen Satz an ihrem 74. Geburtstag in den USA aussprach. Die Symbolik dieses Abends wurde mir erst später richtig bewusst, als ich in einem Gespräch mit Nachkommen von Holocaustüberlebenden gefragt wurde, was ich über meine eigene Familiengeschichte wüsste. Ich erzählte die Geschichte des deutschen Teils meiner Familie, von denen manche überzeugte Nazis waren, manche als Kommunisten verfolgt wurden und wieder andere nie von irgendwas gewusst haben wollten. Ich erzählte auch die Geschichte meiner russischen Großmutter und ihrer Familie – stets darauf bedacht, jeden Anschein des Vergleichs mit Überlebenden des Holocausts zu vermeiden. Die Reaktion versinnbildlicht bis heute meine Sicht auf die Verantwortung für die eigene Geschichte:
„There you have it. Jewish or not, we’re all in this together.“ – „Da siehst du’s. Ob jüdisch oder nicht, wir alle sitzen im selben Boot.“