Genosse Sokrates und Don Manfredo

Schüler und Mitstreiter erinnern an zwei große Leipziger Gelehrte
von Wolf Skaun

An der Wiege ist ihnen eine akademische Karriere nicht gesungen worden. Der eine, Jahrgang 1929, kommt als Sohn eines Zimmerers über die Lehre als Verwaltungsangestellter und die Vorstudienanstalt ABF in die Gelehrtenwelt. Der andere, ein Jahr jünger, Sprössling eines Hilfsmaschinisten, erlernt das Schuhmacherhandwerk, ehe er als Student in die Scientific community eintaucht. Beide, der Philosoph Helmut Seidel († 2007) und der Historiker Manfred Kossok († 1993), reifen zu einzigartigen Größen ihres Faches. Zu streitbaren Geistesriesen, die weiter sehen als die meisten ihrer Zunftgenossen. Beide besitzen aber auch den sokratischen Mut, ihren wissenschaftlichen Überzeugungen treu zu bleiben und mancherlei politisch-ideologischem Gegenwind, insbesondere jedwedem opportunistischen Ansturm, die Stirn zu bieten.

Seidel und Kossok, mit Walter Markow als internationale Autoritäten auch wirkmächtige Gründungsväter der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, stehen im Oktober-Jour fixe 2016 in deren Leipziger Dependance im Fokus des 18. unkonventionellen Gesprächskreises. Unter dem Motto „Genosse Sokrates und Don Manfredo“ gedenken Schüler und Mitstreiter ihrer Vorbilder. Wie sehr der beiden Leipziger Gelehrten Nachruhm lebt, lässt sich an Zahl und Rang der Gäste ermessen: Mehr als 50 einstige Studenten und Wissenschaftlerkollegen verschiedener Fakultäten der Karl-Marx-Universität mit verdienstvollen Emeriti und ihrem Altrektor Horst Hennig an der Spitze geben ihnen im Beisein ihrer Lebens- und Weggefährtinnen, Jutta Seidel und Irmgard Kossok, die Ehre.

Der Erinnerung an ihr Leben und Wirken dienen den Jour fixe-Vorstehern Klaus Kinner und Manfred Neuhaus zwei publizistische Anlässe: Vor 50 Jahren veröffentlichte die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Helmut Seidels berühmten Essay „Vom praktischen und theoretischen Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit“. Im Sommer 2016 erschienen im Berliner Karl Dietz Verlag Manfred Kossoks späte Schriften, betitelt „Sozialismus an der Peripherie“.

Der Berliner Philosophiehistoriker Steffen Dietzsch eröffnet den Diskurs mit persönlichen Reminiszenzen an seinen Lehrer Helmut Seidel. Moderatorin Monika Runge hat ihn zuvor auch als Kant-Biografen und Essayisten gewürdigt. Dietzsch erinnert sich geradezu schwärmerisch, dass Seidels von Spinoza ererbtes und fortentwickeltes Postulat von der Gedankenfreiheit und später dessen praxisphilosophische Innovation seine Studentengeneration Mitte der 1960er Jahre fasziniert und „aus dogmatischem Schlaf“ gerissen habe. Helmut Seidel, dessen Praxisphilosophie nichts weniger als einen konzeptionell begründeten Paradigmenwechsel im Katechismus des orthodoxen Marxismus-Leninismus bedeutete, habe er auch als charakterfesten Menschen schätzen gelernt, der, allen unsachlichen und unverschämten Anwürfen zum Trotz, seiner wissenschaftlichen Erkenntnis nicht abschwor. Die politisch-ideologisch geprägte Desavouierung aus den eigenen Reihen als „neuer Revisionist“ habe seinen Lehrer zwar tief getroffen, aber nicht zu einem Renegaten seiner selbst gemacht. Seidel war und blieb der, der der Idee vom freiheitlich-demokratischen Sozialismus unerschütterlich zu adäquater Praxis verhelfen wollte. Steffen Dietzsch: „Seinem Vorbild folgten wir, indem wir seine Maxime auch zu unserer machten: ,Wir wollen jenseits von Dogmatik und Dissidenz arbeiten und leben.‘“

Volker Caysa, den die Moderatorin des Abends als Leipziger Philosophen der Gefühle und des Körpers vorstellt, komme das Verdienst zu, mit der erstmaligen Veröffentlichung von Seidels Habilitationsschrift 2011 den streitbaren Gelehrten vor dem Vergessen zu bewahren. Sein eigenes neues Werk „Empraktische Vernunft“ atme den Seidel-Geist par excellence. Caysa outet sich denn auch als letzter und jüngster Schüler des Großphilosophen. Sein Vortrag knüpft sich an Helmut Seidels unfreiwilligen letzten Auftritt an der Universität Leipzig am 26. September 1992, nachdem ihm die alma mater durch verfügten Exitus seines Lehrstuhls das akademische Amt genommen hat. Caysa hält eine dichte Rede, die den Denker Seidel und den Menschen Seidel gleichermaßen würdigt.

„Im Anschluss an Spinoza und Bloch suchte Seidel in seiner Philosophie der Lebenspraxis den Menschen vor allem als sinnliches Wesen zu erfassen, dessen Praxis, dessen Vernunft und Unvernunft wesentlich durch Affekte bestimmt werden, weshalb deren Analyse“ so wichtig sei. „Als marxistischer Sokratiker forderte er das philosophische Gespräch über das, was uns alle angeht“. Zwei Erkenntnisse, deren praktische Umsetzung für die demokratische Linke nie wichtiger war als heute.

Aus sehr persönlicher Perspektive näherte sich der Historiker Manfred Neuhaus seinem Zunftkollegen Manfred Kossok. „Obwohl ich kein Kossok-Schüler im engeren Sinne bin, verdanke ich ihm und seinem großen Lehrer Walter Markov außerordentlich viel. Sie bestärkten mich in einer Auffassung von menschlicher Würde, die über die Opportunität des Alltags hinausweist. Uns imponierte die Weltläufigkeit beider ungemein. Ihr wissenschaftlicher Arbeitsethos und akademischer Stil ließen die Tristesse und Provinzialität der DDR vergessen und gelten mir und vielen Freunden noch heute als Maßstab.“ Kossok, Souverän der vergleichenden Revolutionsgeschichte, habe ihm beispielsweise Marxens iberisches Erbe nahegebracht und mit seiner erfrischend respektlosen Art zu entschlüsseln gelehrt. Davon, so Neuhaus, habe er bei seiner Arbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) immer wieder profitieren können.

Die von Jörn Schütrumpf unlängst herausgegebene Anthologie mit den späten Schriften Kossoks bezeuge aufs Neue die außergewöhnliche wissenschaftliche und publizistische Produktivität des Leipziger Gelehrten. In den Essays „Requiem auf die schöne Revolution?“, „Klio – die Muse mit dem Januskopf“, „1917 – eine periphere Revolution?“, „DDR ’89 – über die Revolution. Gedanken aus historischer Sicht“, „Im Gehäuse der selbstverschuldeten Unmündigkeit oder Umgang mit der Geschichte“ (1993) und „Das 20. Jahrhundert – eine Epoche der ,peripheren‘ Revolutionen?“ seziere Kossok den Epochenwandel der Jahre 1989 und 1990 mit dem heuristischen Instrumentarium der vergleichenden Revolutionsgeschichte.