Merkwürdige Nachrufe auf Manfred Krug

von Ralf Richter

Im Deutschlandradio Kultur erklärte ein junger Moderator, womit Manfred Krug seinen großen Durchbruch als Schauspieler in der DDR gehabt habe: mit dem Film „Spur der Steine“. Der MDR bezeichnet „Spur der Steine“ als bedeutendsten Manfred-Krug-Film in der DDR. Was?
„Spur der Steine“ kannte man in der DDR praktisch nicht. Der Film lief etwa zwei Tage lang, bevor es aus den Kinos verschwand. Das war 1966. Der Film wurde in Ostdeutschland erst populär, als es die DDR praktisch nicht mehr gab. Er kam 1990 in die Kinos und wurde dann wirklich gefeiert. Aber mit „Spur der Steine“ zum Durchbruch als Schauspieler in der DDR? Etwas Verrückteres kann man sich kaum vorstellen. Warum sollte ein Film, bei dem Manfred Krug dem Staatschef Walter Ulbricht äußerst unangenehm aufgefallen war, für Krug der Karrieredurchbruch gewesen sein?

Manfred Krug war im Osten ein vielseitiger anerkannter und populärer Künstler. Ich sah ihn das erste Mal als Kind in der „Stülpner-Legende“. Krug spietlte Karl Stülpner, den legendären Wilderer aus dem Erzgebirge, der im sächsisch-böhmischen Grenzgebiet der Herrschaft das Wild wegschoss, um der armen Bevölkerung Fleisch zu schenken. Das war eine große Geschichte in Böhmen und Sachsen, die natürlich in der DDR verfilmt werden musste. Es wäre auch heute interessant, wenn der MDR die sieben Teile erneut zeigen würde – und sie auch als DVD in die Bibliotheken käme. Schließlich hat es auch etwas mit Heimatgeschichte zu tun. Auf der Homepage der Gemeinde Großolbersdorf im Erzgebirge wird Stülpner als berühmte Persönlichkeit geführt – und zwar als „Wilderer, Rebell und Deserteur“. Sein Grab wird noch heute im Ort gepflegt.

Manfred Krug als Wilderer, Rebell und Deserteur? Im Film schien ihm die Rolle auf den Leib geschrieben zu sein. Was das reale Leben betrifft, so inszenierte er sich spätestens in der Biermann-Affäre als Rebell und wurde danach auch von vielen seiner ehemaligen Fans im Osten als Deserteur betrachtet. Keiner reiste so nobel aus wie Manfred Krug – eigentlich zog er nur innerhalb einer Stadt um. Als er mit Mercedes und Familie die geschichtsträchtige, für den Agentenaustausch bekannte Glienicker Brücke passierte, hatte er schon ein Haus in Schöneberg gekauft. Sein Ost-Berliner-Haus behielt er selbstverständlich. Materiell verbesserte sich Krug mit der Übersiedlung. Aber als Künstler?

Gemeinsam mit großartigen Kollegen wie Eberhard Esche, Ruth Hohmann, Gerd E. Schäfer und den Berliner Jazz-Optimisten war er durch die gesamte DDR getourt und hatte ein hochwertiges Kulturprogramm geboten. So etwas wäre auf der „anderen Seite“ nicht möglich gewesen, schon weil es dort keine Kulturhäuser gab. In der DDR tourte der Künstler Manfred Krug, von Westberlin aus war er nur „Auf Achse“, dafür dann aber weltweit. Er bedankte sich oft für die“ Rollen, schließlich müsse er drei Kinder und eine Frau ernähren.

Auf der CD „Jazz – Lyrik – Prosa“ von 1995 singt er nicht nur „We shall overcome“, sondern er präsentiert auch die sowjetische Humoreske „Die Kuh im Propeller“, beschäftigt sich aber auch in einer Ballade mit dem grausamen Schicksal des Briefträgers William L. Moore aus Baltimore, der sich als Bürgerrechtskämpfer für gleiche Rechte von Schwarzen und Weißen in den Südstaaten einsetzen will und das nicht überlebt.

Manfred Krug war im Westen populär – groß aber war er im Osten. Denn als Künstler wurde er, wie Götz George – der wie Manfred Krug aus dem Ruhrpott stammte –, durch den westdeutschen Kulturbetrieb klein gehalten. Auch Götz George kennen die meisten als „Schimanski“, nicht als „Totmacher“. Große Rollen in großen Filmen in Westdeutschland? Als Manfred Krug weg war, spielte Rolf Hoppe den Göring an der Seite von Klaus Maria Brandauer im „Mephisto“ unter der Regie von Istvan Szabo. So etwas war Manfred Krug nie vergönnt.

Im Osten war Manfred Krug ein vielfältiger Künstler, im Westen wurde er unter Wert verkauft. Man kann aus diesem deutsch-deutschen Schicksal eines Mannes, der in Duisburg geboren wurde und als 12-Jähriger in die DDR kam, bevor er als Erwachsener wieder in den Westen entschwand, vieles über die deutsch-deutsche Geschichte lernen – wenn man die Fakten kennt.