Zwischen den Kriegen – Spanien und die Pariser Weltausstellung von 1937

von Anja Eichhorn

Die Ausrichtung von internationalen Schauen hatte in Paris eine lange Tradition. Insgesamt eröffnete Frankreich sieben glanzvoll inszenierte Ausstellungen in Paris. Am 25. Mai 1937, nach 37jähriger Pause, öffneten sich in Paris die Tore zur bis dato letzten Weltausstellung auf französischem Boden. Das Thema der Expo, die Symbiose von Kunst und Technik, hatte sich, so Sigel, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem zentralen Thema der Moderne entwickelt. Ungeachtet dessen ging es weniger um den Austausch industrieller Errungenschaften als vielmehr um die nationale Repräsentation der einzelnen Teilnehmerstaaten.

Besonders die Pariser Expo von 1937 wurde zum Ort propagandistischer Selbstverherrlichung und ideologischer Konfrontationen. Nie zuvor stand die Architektur der Nationenpavillons so im Dienste nationalistischer Positionen. Die politische Lage Europas war 1937 bereits mehr als angespannt. Am Vorabend des zweiten Weltkrieges erprobte das NS-Regime seine Kampfkraft in Spanien, die Annexion Österreichs und weiter Teile der ehemaligen Tschechoslowakei standen bevor, und der Hitler-Stalin-Pakt besiegelte unlängst Polens Schicksal. Auch die damalige UdSSR nutzte die 37er Ausstellung, um ihrem politischen Geltungsdrang auch international Ausdruck zu verleihen.

Seit Juli 1936 tobte in Spanien ein erbitterter Aufstand gegen die spanische Volksfrontregierung, getragen von Falangisten, Faschisten, Militärs und Antirepublikaner*innen. Aus diesem entwickelte sich dann der spanische Bürgerkrieg, ein Krieg gegen und für den Faschismus. Für die spanische Republik war die Expo in Paris die einzige Chance, um auf die Verbrechen des Krieges und die Gefahr des Faschismus hinzuweisen sowie um an die bis dato unbeteiligte politische Weltöffentlichkeit zu appellieren.

Umso erstaunlicher erscheint dann die bewusste Teilnahme an einer Weltausstellung, in der es sich unmittelbar mit seinen politischen Gegnern konfrontiert sah. Die Weltausstellung war die letzte Gelegenheit, die Weltöffentlichkeit auf die Schrecken des Krieges hinzuweisen und vor den Gefahren des drohenden Faschismus zu warnen. Der spanische Pavillon, die darin ausgestellten Kunstwerke, allen voran Picassos Guernica, wurde so zum politischen Mahnmal.

Im April 1937, wenige Monate vor Eröffnung der Expo, erreichte der Bürgerkrieg seinen gewaltsamen Höhepunkt. Am 26. April wurde die Baskenstadt Guernica von den faschistischen Aufständischen völlig zerstört. Das Bombardement dauert knapp über drei Stunden und zurück blieben ein Flammenmeer, tausende Tote und unzählige Verletzte. Gleichzeitig beschossen mehrere Flugzeuge in geringer Höhe die flüchtende Zivilbevölkerung. Hauptanteil an der sinnlosen Verwüstung hatte die von Hitler befehligte „Legion Condor“, der gleichzeitig die spanische und italienische Luftwaffe unterstand.

Guernica war das erste Flächenbombardement auf europäischen Boden. Tausende Zivilist*innen starben. Die Brutalität und Sinnlosigkeit der Bombardierung erschütterte die Welt, doch die europäischen Großmächte mit ihrer Nichteinmischungspolitik ließen die Faschisten gewähren. Die spanische Republik verlor den Kampf für die Demokratie, und bis zum Ende des Bürgerkrieges im März 1939 ließ über eine halbe Millionen Menschen im Kampf ihr Leben. Letztlich siegte Francos Regime, trotz erbitterten Widerstands. Am 28. März 1939 zogen die Faschisten unter Franco in die spanische Hauptstadt Madrid und verkündeten das Ende des Bürgerkrieges. Bis ins Jahr 1975 blieb Franco, unter Verweigerung demokratischer Grundrechte, an der Macht und regierte Spanien mit diktatorischer Härte.

Paris 1937: Eine eigens für die Gestaltung des Pavillons einberufene Kommission, bestehend aus den führenden spanischen Intellektuellen Lluís Sert, Max Aub und Louis Aragon, ging auf die Suche nach Künstler*innen und Kunstwerken, die der spanischen Republik wohl gesonnen waren und sich an der Expo beteiligen sollten. Der in Paris lebende, renommierte spanische Künstler Pablo Picasso war der Erste, um dessen Teilnahme gebeten wurde. Ihm folgten Joan Míro, Alexander Calder, José Renau und Alberto Sanchéz. Es war offenkundig, dass dem spanischen Haus aufgrund des Krieges und finanzieller Engpässe nur ein minimales Budgets zur Verfügung stand. Für den Bau des Beitrags engagierte man zuallererst den Architekten Luis Lacasa. Lacasa war aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens und hatte unter anderem für eine Dresdner Stadtplanungsbehörde gearbeitet, sowie in Madrid die modernistische Gruppe 25 gegründet. An seiner Seite stand der Architekt Louis Sert.

Aus dieser Entscheidung resultierte der hochkomplexe, aber rationalistisch-funktionale Bau des Pavillons, der in seiner Modernität in der Tradition des Bauhauses steht. Gekoppelt war die modernistische Bauweise mit dem Anspruch inhaltlicher Inanspruchnahme des Publikums, d. h. die sehr bewusste Konfrontation der Besucher*innen mit den Leiden des Krieges und der politischen Lage in Spanien. Auf den Weg in die Räumlichkeiten begegnete man z. B. am rechten Flügel des Portals einer Skulptur von Alberto Sanchéz Pérez. Die symbolträchtige Figur mit dem Titel „Der Weg des spanischen Volkes führt zu einem Stern“ glich einem überdimensionalen Totempfahl. Überdies illustrierten Arbeiten von Souto, Priéto, Ferrer und Vicente die Brutalität der Faschisten. Zudem schilderten Fotomontagen an allen Wänden die Verluste und Opfer in den Kämpfen. Der spanische Pavillon wurde zur architektonisch formulierten Gegenthese zum totalitären Klassizismus in den Bauten des politischen Gegners (Hitler hatte Speer mit einem eigenen Bau beauftragt) und zur Architektur des Widerstandes.

Bis heute aber ist ein bestimmtes Kunstwerk zum Sinnbild des Bürgerkrieges geworden. In seiner beispiellosen Drastik sowohl hinsichtlich seiner künstlerischen Gestaltung als auch in seiner fassungslos machenden Eindringlichkeit des Inhalts ist es heute eines der bedeutendsten Kunstwerke der Welt: Guernica von Pablo Picasso. Das erste Mal wurde es im spanischen Pavillon auf der Pariser Expo gezeigt. Picasso schuf es angesichts des Bombardements in Guernica. Er selbst, zu der Zeit in Paris, war fassungslos und am Boden zerstört, als er von dem Angriff erfuhr. Daraufhin begann er an dem Werk zu arbeiten.

Es gab sowohl positive als auch negative Reaktionen zu Picassos Bild. Selbst in den spanischen Reihen sorgte sein abstraktes Gemälde für Verstimmungen. Im deutschen Messeführer wurde „Guernica“ besonders diffamiert und im Juli zeigte die Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ sehr deutlich, was die Deutschen von expressiver Kunst hielten. Nach der Weltausstellung wanderte „Guernica“ 1938 nach Oslo, dann nach London, Leeds und 1939 nach New York, wo es bis 1981 blieb. Gemäß dem Willen des Malers sollte das Bild erst nach dem Ende des Franco-Regimes, wenn in Spanien wieder bürgerliche Freiheit herrschte, zurück in seine Heimat gelangen. Im Jahr 1981 wurde Picassos Wunsch wahr, und „Guernica“ kam zurück nach Spanien, wo es seitdem im Prado zu sehen ist.

Seine Vision von der Bombardierung der Baskenstadt wurde zum bildgewordenen Albtraum eines ganzen Jahrhunderts. Trotz des enormen Ausstellungserfolges und der Ehrung des Beitrags mit einer Goldmedaille zerschlug sich die Hoffnung der Spanier*innen auf ausländischen Beistand. Der Bürgerkrieg dauerte an und die europäischen Großmächte übten sich weiter in einer Nichteinmischungspolitik. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hielten die erbitterten Kämpfe in Spanien an, und am Ende siegte der Faschismus. Die Weltausstellung von 1937 steht sinnbildlich für das politische Gefüge der damaligen Zeit. Am Vorabend des Krieges standen sich die großen ideologischen Gegner*innen dort bereits gegenüber und nutzten die Ausstellungsarchitektur als Sprachrohr ihrer politischen Rivalitäten. Die Mahnung vor dem Faschismus blieb ungehört.