Der Sprengstoff der schwarzen Affekte

Volker Caysas Philosophie der empraktischen Vernunft begründet Zweck und Mittel, thymotische Defizite linken Denkens und Handelns zu überwinden

von Wulf Skaun

Die anderthalbjährige Geschichte von 15 Jour-fixe-Foren an der Leipziger Dependance der RLS Sachsen ist nicht nur ihres unkonventionellen kommunikations- und erkenntsfreundlichen Diskurses wegen eine Erfolgsstory. Sie ist auch eine Geschichte beglückender Erfahrungen beim gemeinschaftlichen „Erklettern steiler wissenschaftlicher Pfade“. Ihr 16. Kapitel, Mitte Juni 2016 geschrieben, dürfte vorerst als Gipfelpunkt geistiger Herausforderung in Erinnerung bleiben. Auf der Agenda stand, von Manfred Neuhaus eingangs als „großer Wurf“ gewürdigt, das „Opus magnum“ des durch eine bemerkenswert umfängliche Publikationsliste ausgewiesenen Leipziger Philosophen Volker Caysa: „Empraktische Vernunft“. Mit der Kommentierung seines gedankenreichen, unorthodoxen Werkes nahm der Autor das bemühte Auditorium jedoch rasch mit auf den argen Weg der Erkenntnis, seine innovative Praxis- und Begriffsdialektik im Marxschen Sinne als Denkanstöße und Handlungsanleitung für heutige linke Politik zu verstehen.

Ganz in diesem Sinne näherte Caysas Philosophenkollege Peter Fischer die wiederum stattliche Jour-fixe-Gemeinde dem Thema an, indem er dem Amt des Moderators das des Rezensenten vorlagerte. Einschlägige eigene Forschung (über empraktische Kommunikation) und gekonnte Transformation der tiefgründig-speziellen philosophiehistorischen und -logischen Überlegungen Caysas auf die populärwissenschaftliche Ebene erschlossen auch dem Unkundigen Inhalt und Zweck des im Frühjahr erschienenen dickleibigen Buches. Fischer bereitete die darin entwickelten Thesen Caysas zur Philosophie der Praxis pointiert auf: empraktische Vernunft als Weiterdenken traditioneller Auffassungen: weg von einem zu einseitig gefassten Praxisbegriff als wesentlich rationales, verstandgesteuertes, überreflektiertes Subjekt-Objekt-Verhältnis. Hin zu Anerkenntnis und Einbeziehen vorbegrifflicher, nonverbaler, seelisch-leiblicher Ausdrucksformen in Denk- und Handlungsstrukturen, die auch ohne Reflexion funktionieren. Empraktische Vernunft als Seinsform primärer Praxis, als immanentes Merkmal aller anderen (höheren) Praxis- und Bewusstseinsformen.

Volker Caysa vertiefte auf dieser Grundlage seine zentrale Idee von der praktischen Gestaltungskraft der Affekte, Stimmungen, Emotionen. Der Meisterschüler des legendären Leipziger Philosophen und Mitbegründers der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen Helmut Seidel erklärte, er radikalisiere dessen Auffassung, die marxistische Praxisphilosophie müsse durch eine spinozistische Affektenlehre ergänzt werden, vor allem mit Ernst Bloch. Wie jener, nur konsequenter, wolle er „die Stimmungs- und Leibvergessenheit einer abstrakt-rationalistischen Praxisphilosophie“ aufheben. Dies gehe einher mit seiner Kritik gegen eine ökonomistische Verkürzung der Marxschen Praxisphilosophie, die in ihrem Ursprung eindeutig stimmungsontologisch angelegt, aber von Marx selbst nicht mehr, sondern erst von Ernst Bloch (Hoffnung als Aufhebung der Entfremdung) und Erich Fromm (Sinn des Habens) weitergeführt sei. Vor ihnen habe bereits Max Weber erkannt, dass Gesellschaft nicht über rein ökonomistische Regulationsmechnismen funktioniert, sondern wesentlich auch über anscheinend ,irrationale‘ Momente wie Gefühle. Volker Caysa folgert daraus: „Meines Erachtens muss die Kritik der politischen Ökonomie durch die Kritik der politischen Emotionen ergänzt werden. Daher ist meine Ausgangsthese: Kulturen regeln sich nicht allein ökonomisch-funktional, sondern sie basieren auf vorgängigen, oft untergründig wirkenden Stimmungen … Es geht um die politische Dimension von Stimmungen: Sie regeln das Gemeinschaftsleben grundlegend … Souverän ist heute, wer über den Thymos, also die Stimmungslage, einer Kultur verfügt. Daran wird sich der Kampf der Kulturen entscheiden“. Seine Analyse heutiger Politik der Linken mündet in der kritischen Konklusion, die Linke müsse Hegemon über die moderne Kultur werden. „Sie muss wieder die Herrschaft über den Thymos der Gesellschaft erlangen“. Aktuell seien thymotische Defizite linken Denkens nicht zu übersehen. Linke Philosophen der Gegenwart verstünden nicht, die „thymotischen Energien der Masse zu rationalisieren und alternativ zum philosophischen Konservatismus zu zentrieren“. Ein Fehler, wie ihn ein einseitig rationalistischer Aufklärungsmarxismus schon in den 20er und 30er Jahren beging. „Man nimmt die Stimmungen aus … dem Untergrund, der schweigenden Mehrheit, dem Rand der Gesellschaft nicht wahr, will sie nicht wahrhaben und glaubt, sie allein mit Verstand in den Griff zu bekommen. Das kann nicht funktionieren, wie schon Spinoza und im Anschluss daran Helmut Seidel immer wieder erinnerte, weil ein Affekt nur durch einen stärkeren Affekt beherrscht werden kann“. Man müsse daher die Logik der Stimmungen, vor allem auch den „Sprengstoff der schwarzen Affekte“ wie Eifersucht, Neid und Hass der Massen analysieren, wenn diese erreicht, verstanden werden und regierbar bleiben sollen. Nötig sei also eine entwickelte Affekttheorie, denn die formale Logik des Verstandes basiere wesentlich auf der Logik von Stimmungen. „Und dieses behaupte ich auch für die Logik der Praxis …“ Dass empraktische Vernunft jenes Handeln steuert, das schon anwesend ist, ohne dass der Mensch es reflektiert habe oder es reflektieren müsse.

Was bereits des Dichters Goethe empirische Weisheit ahnte – „Geduld, Hoffnung, Glaube, Liebe, alle diese Tugenden sind die Vernunft actu, in Ausübung, sie sind die ausgeübte Vernunft“ – hat der Philosoph Caysa nun hinreichend theoretisch begründet.

Die Diskussion konzentrierte sich auf Caysas Kritik, die Linke suche ihre Programmatik zu einseitig auf der kognitiven Ebene, über die Ratio, zu vermitteln. Indem sie zugleich Erkundung und Berücksichtigung der Gefühle, der Stimmungen, der Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen vernachlässige, insbesondere auch ihrer „schwarzen Affekte“, treibe sie auch bisherige Parteigänger und Sympathisanten neoliberalen, rechtskonservativen Alternativen zu. Einig war sich die Runde daher in der Erkenntnis, linke Thematisierung von Stimmungen dürfe nicht als Populismus denunziert werden.