Juliette Gréco – unbeugsam bis zum Schluss

von Jens-Paul Wollenberg

Eine der beachtlichsten Chanson-Interpretinnen Frankreichs war und ist ohne Zweifel Juliette Gréco, die „schwarze Diva“, wie ihr Publikum sie liebevoll nannte – was sicherlich dem Umstand zu verdanken ist, dass sie stets mit schwarzem Pullover und schwarzer Hose bekleidet war, wenn sie die Bühne betrat, um mit ihrer unvergleichbar warmen Stimme ihre Lieder vorzutragen, mal zärtlich verträumt, mal melancholisch, um im nächsten Moment den Zuhörer rigoros mit unerbittlichem, beinahe aggressivem Exzess spitzfindig zu überraschen.

Geboren wurde sie am 7. Februar 1927 in Montpellier als Kind korsischer Eltern. In ihrem siebenten Lebensjahr zog sie mit ihrer Familie nach Bordeaux und kurz darauf nach Paris. Dort erweckte eine junge Französischlehrerin, die später eine nicht unerhebliche Rolle spielen sollte, das Interesse der inzwischen Vierzehnjährigen für Literatur und Theater. Mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Charlotte teilte sie sich ein Zimmer in Saint-Germain-des-Prés.

Die Mutter war politisch hoch motiviert und engagierte sich für ein freies linkes Frankreich, unterstützte die Widerstandsbewegung. Juliette fühlte sich oft verlassen, da ihr so gut wie nie Mutterliebe widerfuhr. Dann kam der Krieg. Die deutsche Wehrmacht besetzte Frankreich und die Familie wurde von der Gestapo verhaftet. Die Mutter und Charlotte wurden in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, Juliette sperrte man wegen des Verdachts der Teilnahme an der Resistance in das verrufene Zuchthaus für Frauen in Fresnes. Die brutale Behandlung durch die Gefängniswärter und den damit verbundenen Ekel vor rücksichtslosen Leibesvisitationen und anderen persönlichen Demütigungen an dem gerade einmal sechzehnjährigen Mädchen sollten Ausgangspunkt ihrer aufrührerischen Wesensart sein.

Nach ihrer Freilassung sucht sie auf Empfehlung ihrer Mutter die bereits erwähnte Französischlehrerin Hélena Duc aus Bergerac auf, die inzwischen in Paris Schauspielerin geworden war, um dort für kurze Zeit unterzukommen. Duc war es auch, die die junge Juliette ins Theater L’Odéon einführte, wo sie die Bekanntschaft mit der späteren Filmschauspielerin Yvette Etiévant machte. Durch deren Reinfluss erhielt sie eine kleine Nebenrolle in der „Comédie-Française“ und schnupperte erstmalig richtige Theaterluft. Schauspielunterricht erhielt sie nun von einer gewissen Solange Sicard, einer guten Bekannten von Madame Duc. Nach der Befreiung Frankreichs spielte sie eine tragende Rolle in dem Theaterstück „Victor, oder die Kinder an der Macht“. Nebenher arbeitete sie im Rundfunk.

Nach langer Trennung traf sie ihre Schwester und ihre Mutter wieder. Sie hatten überlebt, das sie für die deutsche Waffenindustrie schuften mussten. Im Pariser Stadtteil Saint-Germain-des-Prés am sogenannten linken Seine-Ufer kam es zu ersten Berührungen mit dem damaligen Protagonisten der französischen Bohéme. Sie traf auf den Chansonnier Léo Ferré, den kommunistischen Dichter Jacques Prévert, den Existenzialisten Jean-Paul Sartre, den Schauspieler Jean Marais sowie auf internationale Jazzgrößen wie Coleman Hawkins, Max Roach, Duke Ellington, Miles Davis und den Saxophonisten Charlie Parker, deren Musik sie schätzen lernte und für sie prägend wurde.

Als sie eines Abends im legendären Klub „Tabou“ auf einen Tisch stieg und spontan ein paar Chansons vortrug, wurde sie euphorisch umjubelt. Sartre, der ebenfalls im Publikum saß und sie hörte, lud sie für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein, wo er ihr vorschlug, zwei seiner Texte in ihr damals noch spärliches Repertoire aufzunehmen. Vertont wurden sie vom befreundeten Komponisten Joseph Kosma. Als sie diese Neuschöpfungen im Jazzclub „La Rosa Rouge“ uraufführte und auch Chansons mit Lyrics von Jacques Prévert sang, wurde Juliette Greco über Nacht zum Star.

1952 lud man sie in die USA ein, eine Tournee quer durch Brasilien folgte, und 1954 trat sie erstmals auch im bekannten „Olympia“ auf, in dem sie später ein Konzert mit Georges Brassens erlebte. Mit ihm kam es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. 1966 gaben beide ein Konzert im Palais de Chaillot, zwei Jahre später gehörte auch sie zu den herausragenden Persönlichkeiten der 68er.

Oft bekam sie Besuch von jugendlichen Aktivisten der Revolte, und es kam zu lebhaften, heißen Diskussionen in den angesagten Cafés oder bei ihr zu Hause, wo sie oft denen, die von der Polizei gesucht wurden, Unterschlupf gewährte. In dieser Zeit besuchte sie auch die Sowjetunion. In den Achtzigern ging sie wieder auf Welttournee – Japan, USA; Kanada, Argentinien, Brasilien und Mexiko. Sie ist, trotz ihres inzwischen hohen Alters, immer noch auf der Bühne aktiv. So wird die Greco nach ihrem bejubelten Abschiedskonzerten in Deutschland noch einmal am 9. Juli 2016 im Rahmen des 29. Kölner Sommerfestivals in der Philharmonie gastieren, begleitet von ihrem langjährigen Ehemann Gérard Jouannest am Klavier und dem bekannten Akkordeonvirtuosen Jean-Louis Matiniér. Das sollte man sich nicht entgehen lassen!