Fukushima – 5 Jahre danach

von Dorothée Menzner

Als am 11. März 2011 die ersten Meldungen vom großen japanischen Erdbeben und dem daraus folgenden Tsunami die Runde machten, war nur wenigen klar, was das bedeuten könnte. Atomenergie war nie ein Kernthema der gesamtdeutschen Linken und selbst jenen, die sich mit der Achterbahnfahrt der deutschen Atompolitik beschäftigt hatten, war oft nicht bewusst, dass Japan mit 54 Atomreaktoren zahlenmäßig an dritter Stelle hinter den USA und Frankreich rangierte – mit der Besonderheit, dass alle AKWs wie Perlen auf einer Schnur an den Küsten Japans stehen.

Japan – das Land mit der Erfahrung der Zerstörung, des tausendfachen Todes und andauernden Leides zweier Atombomben hatte sich nahezu ohne gesellschaftlichen Widerstand der Atomtechnologie verschrieben. Japan war, unter maßgeblichem Einfluss der USA, dem globalen Irrglauben gefolgt, dass Atomenergie die gute Seite der Medaille Atomtechnik wäre, deren böse die Atombombe sei. Und dem Glauben, dass viel billiger Strom Entwicklung und Wohlstand für alle bedeuten würde.

Die USA hatten ein großes Interesse daran, Japan nach dem Krieg zu einem gewissen Wohlstand zu verhelfen und damit seine Einbindung in die antikommunistische Allianz unter Führung der USA zu sichern. So wurden die ersten japanischen Reaktoren mit US-amerikanischer Hilfe errichtet und selbst die „Hibakusha“, die Opfer der Atombombenabwürfe, so lange beeinflusst, bis selbst sie diese Mär glaubten. Heute unvorstellbar: Das Erdgeschoss des Atombombenmuseums in Hiroshima war bei seiner Eröffnung komplett einer Werbeausstellung für Atomenergie gewidmet.

Nur wenige hinterfragten schon vor 2011 in Japan kritisch die Sicherheit der Anlagen in einem Erdbebenland und den Umgang mit der Tatsache, dass Atommüll über eine Million Jahre lang sicher gelagert werden muss. Nur einzelne hinterfragten, wer mit dieser Technologie eigentlich Geschäfte macht, wieso Japan alle Anlagen des Plutoniumkreislaufs, die zur Herstellung der Bombe notwendig sind, unterhielt und woher eigentlich das Uran für die AKWs kommt. Wie Deutschland bezieht Japan es zu großen Teilen aus den Areva Minen in Mali – wir erinnern uns: Mali, in dem das deutsche militärische Engagement nach den Anschlägen von Paris unter dem Etikett „Menschenrechte“ ausgeweitet wurde.

Als klar wurde, dass die Probleme der Reaktoranlage Fukushima Daiichi nicht beherrschbar waren, wurden zaghaft erste Vergleiche mit Tschernobyl gezogen. Das Entsetzen war groß. Doch tatsächlich übertrifft „Fukushima“ den Super-Gau von Tschernobyl bei weitem, weil statt einem gleich drei Reaktorblöcke betroffen waren, weil die Region Fukushima deutlich dichter besiedelt und der Reis-, Obst- und Gemüsegarten Japans ist – und weil auf dem Reaktorgelände nahezu ungeschützt rund 11.000 abgebrannte Brennelemente lagerten. Mit den in den Reaktoren befindlichen Brennstäben waren das 14.700 Brennelemente mit einer Kernbrennstoffmasse von unvorstellbaren 2.500 Tonnen.

Und während in Tschernobyl nur kurzzeitig Strahlung freigesetzt wurde, geschah das in Fukushima über lange Zeit. Dadurch gab es zwar keine akut und schnell sterbenden Strahlenkranken, aber die gesundheitlichen Auswirkungen sind nicht minder fatal. Es dauerte lange, bis die Menschen realisierten, dass auch scheinbar harmlosen Beschwerden wie bleierne Müdigkeit, permanentes Nasenbluten und Wachstumsverzögerungen bei Kindern erste Folgen einer zu hohen Strahlenbelastung sind. Nach fünf Jahren verdeutlichen die steigenden Krebszahlen die Folgen. Doch nicht nur die Menschen der Region sind betroffen, gelangten doch große Strahlenmengen ins Meer und somit in die Nahrungskreisläufe. Extrem fatal für ein Land, dessen Küche sich traditionell sehr auf Meeresprodukte stützt.

Fukushima ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber die Lage ist solange nicht im Griff, bis der letzte Kernbrennstoff auf dem Areal geborgen ist. Das wird noch Jahrzehnte dauern. Selbst der Betreiber TEPCO rechnet nicht damit, vor 2020 mit der Bergung der geschmolzenen Brennelemente beginnen zu können. Wie das technisch erfolgen soll, dafür gibt es keine Vorbilder. Inzwischen stufen TEPCO und Regierung immer größere vormals evakuierte Areale als „sicher“ ein und drängen die Menschen zur Rückkehr in ihre notdürftig dekontaminierte Heimat. So will TEPCO, selbst längst pleite und am Tropf des Steuerzahlers, Schadenersatzzahlungen vermeiden. Die Menschen jedoch sind skeptisch. Im Gebiet um das Kraftwerk wurde eine Region stillschweigend zum „atomaren Endlager“ erklärt.

Das Desaster von Fukushima wird Japan noch jahrzehntelang beschäftigen und das Land mit seinem Defizit von über 200 % des Bruttoinlandsproduktes sowie seinen ungeklärten Konflikten mit den Nachbarn China, Russland und Korea weiter schwächen. Deutschland wird wegen des 2011 beschlossenen Atomausstiegs noch erhebliche rechtliche Auseinandersetzungen mit den weltweit vernetzten Atomkonzernen führen, die nicht kampflos auf ein Milliardengeschäft verzichten werden.

Deshalb ist es für Linke so wichtig, diese Zusammenhänge zu durchschauen und auf dezentrale, demokratische und von Bürgern und Politik kontrollierte Energieerzeugung zu setzen. Auf Energieerzeugung, die ohne Ausbeutung und Zerstörung in Ländern des Südens wie Mali auskommt und die soziale Gerechtigkeit sowie die Erhaltung von Lebensgrundlagen auch für nachfolgende Generationen im Blick hat.