Messerscharf, doch melancholisch – der Cantautore Pippo Pollina

von Jens-Paul Wollenberg

Pippo Pollina, dessen Seele noch immer für jene brennt, die für eine friedliche gerechte Welt kämpfen, feiert im Mai 2016 seinen 53. Geburtstag und bezeichnet sich noch immer als Weltbürger. Nach seinem Schulabschluss studierte er Jura, Geschichte und Philosophie, doch zog er es vor, sich stärker der Musik zu widmen. Schließlich war Süditalien, besonders Sizilien, eine Art Hochburg der Sänger und Troubadure.

Begonnen hat der Cantautore (so viel wie „dichtender Sänger“), wie er sich gern selbst bezeichnet, seine Laufbahn 1979 mit dem süditalienischen Ethno-Rockensemble „Agricantus“, nachdem er sich bereits in seiner Heimatstadt Palermo einen Namen machte. Nebenbei arbeitete er als Musik- und Literaturjournalist für verschiedene Zeitschriften und schrieb sozialkritische Artikel für „I Siciliari“, ein linkes Blatt, das speziell die kriminellen Machenschaften der Mafia in den Fokus stellte. Nach der Ermordung des Chefredakteurs Giuseppe Favas verließen die meisten Journalisten Sizilien und gingen nach Rom, Mailand oder Venedig, um dort ihre Existenz weiter zu sichern. Pippo Pollina jedoch fand, nach monatelanger Odyssee durch ganz Europa, während der er seinen Lebensunterhalt durch Straßenmusik verdiente, in der Schweiz eine neue Heimat.

Ende der achtziger Jahre lernte er in Luzern den aus den Bündner Alpen stammenden Schweizer Songpoeten Linard Bardill kennen, der ihn überredete, mit ihm auf Tournee zu gehen. Das war der Beginn einer bis heute dauernden Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden Barden; man gab gemeinsame Konzerte, Plattenproduktionen folgten, die schon bald auf große Resonanz stießen.

Obwohl sich Pollina nicht unbedingt als politischer Liedermacher bezeichnet, sondern vielmehr als aufmerksamen kritischen Betrachter empfindet, waren und sind seine Texte durchwoben von philosophischen und sozialen Metaphern. Denn nie ließen ihn aktuell erscheinenden Unzulänglichkeiten im Weltgeschehen kalt.
So protestierte er in den 90er Jahren mit messerscharfen Liedern gegen die skrupellosen Machenschaften des damaligen Regierungschefs Berlusconi. Zum Beispiel erhebt er seine Stimme im Song „Seconda Repubblica“ und beschreibt, wie der „Beinahe-Diktator“ dem Teufel seine Seele verhökert. Auch scheute er sich nicht, das altehrwürdige „Bella Ciao“ neu zu interpretieren.

Anfang 2000 produzierte er das großartige Album „Racconti Brevi“ mit internationaler Besetzung. An seiner Seite spielen Musiker aus Großbritannien, Italien, der Schweiz, Zypern, Ägypten, Dänemark und Irland sowie das „International Symphonie Orchester“ aus Kiew. Auch tourte er wieder mit süditalienischen Kollegen durch Europa, dem Quintett „Loutana terra“.

2008 startete er ein neues gemeinsames Projekt mit Linard Bardill. Die CD „Caffé Caflisch“ wurde aufgenommen und produziert. Diese Platte beinhaltet Chansons, die teilweise sehr melancholisch über das Schicksal von Auswanderern berichten, oder von Flüchtlingen auf dem Weg in fremde Länder und den damit verbundenen Problemen wie Ausgrenzung und Fremdenhass, leider immer noch aktuell. Eine mutige Coverversion von Konstantin Weckers „Sage nein!“ bildet den Höhepunkt des erfolgreichen Albums, das mit einigen Ausnahmen sehr rockig klingt.

Pollinas jüngstes Album „L’ appartenza“ (Die Zugehörigkeit) erschien vor zwei Jahren im Januar bei „Jazzhaus Records“. Es ist ein sehr stilles Werk, das mehr oder weniger seiner Heimat gewidmet ist, dem Meer, an dem er seine Kindheit verbrachte. Ein Zitat aus dem CD-Begleitheft: „Was die neue Welt ihm niemals geben kann, ist echte Zugehörigkeit. Wie ein verlassenes Haus, das man nicht mehr findet, eine Straße, die man nur einmal befährt, die dann Erinnerung wird. Es gibt Geschichten, die wir gelebt haben, die sich im Wind verloren haben. Für immer“. Wir sind auf weitere Werke von ihm gespannt.