Kulturkonservativ

von Jochen Mattern

Drei Tage vor Weihnachten, am 21. Dezember des vergangenen Jahres, druckte die Sächsische Zeitung unter dem Titel: „Zorn allenthalben“ einen Beitrag des in Radebeul bei Dresden ansässigen Schriftstellers Jörg Bernig. Der Autor ist Mitglied zweier Akademien der Schönen Künste, der in Bayern und der in Sachsen. Seinen Zorn erregt hat der Umgang von Politik und Medien mit den Flüchtlingen hierzulande, in der Mehrheit „allein erscheinende Männer“ und eben keine „Familien, die sich vor Krieg und Verfolgung in Sicherheit bringen wollen“. Diesen Männern wirft der Autor Feigheit vor, weil sie „bei der Verteidigung von Leib und Leben der Zurückgelassenen“ nicht mittun wollen. Ihr kriminelles Handeln und die Versuche von Politik und Medien, sich als eine Diskurspolizei zu betätigen, indem sie solche Straftaten zu vertuschen versuchen, brachten schließlich Bernigs Galle zum Überlaufen und bewirkten seinen Zornesausbruch in der Presse. Die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln dürften ihn nur noch zorniger gemacht haben.

Einen Tag nach dem Erscheinen des Zeitungsartikels distanzierte sich die Sächsische Akademie der Künste von ihrem Mitglied. Deren Präsident, Prof. Wilfried Krätzschmer, stellte klar, dass der Artikel die „private Meinung“ des Verfassers wiedergebe und keine „Stellungnahme der Akademie“ sei. „Die akuten Probleme“, so die Begründung, ließen sich „nur lösen, wenn die bedrückenden Sorgen und Fragen mit Sorgfalt und Verantwortung getrennt werden von Stimmungen, Ressentiments und dem Schüren von Ängsten“. Das ist starker Tobak und ein ungewöhnlicher Vorgang. Schließlich passiert es nicht alle Tage, dass eine Akademie einem ihrer Mitglieder Stimmungsmache und das Schüren von Angst im Streit ankreidet und deswegen auf Distanz zu ihm geht. Der Vorgang macht zweierlei deutlich: Unter den Künstlern ist, wie in der Gesellschaft insgesamt, eine Spaltung und Radikalisierung über die Frage des Umgangs mit den Flüchtlingen festzustellen. Zum anderen zeigt der Vorgang, dass auch Künstler, die sich in der Regel unpolitisch geben, im politischen Meinungsstreit Torheiten äußern. Im Mangel an politischer Urteilsfähigkeit unterscheiden sich Künstler nicht von der übrigen Bevölkerung. Auch sie neigen zu populistischen Ansichten und rassistischen Vorbehalten anderen Menschen gegenüber. Die immer wieder kolportierte Behauptung, (kulturelle) Bildung mache die Menschen friedfertiger und humaner, stimmt einfach nicht.

Zwar will Bernig seinen Zeitungsartikel über die Flüchtlingspolitik hierzulande nicht als „rechts und rassistisch“ verstanden wissen; eine Etikettierung als Rassist weist er zurück. Stattdessen dreht er den Spieß um und behauptet: „Das neue Modewort“ diene lediglich der Stigmatisierung von missliebigen Meinungen und deren Ausgrenzung aus dem öffentlichen Diskurs. Den „tatsächlichen Chauvinisten oder gar Rassisten“ spiele die vor allem in den Medien geübte Praxis – konkret angesprochen wird das „heute journal“ im ZDF – in die Hände. Dennoch sind die Versatzstücke aus dem Reservoir eines kulturell begründeten Neorassismus in dem Artikel unübersehbar: die Unterstellung kulturell bedingter gruppenspezifischer Verhaltensformen, die im Falle der männlichen Flüchtlinge kriminelle sind; die Unterstellung einer Unterlegenheit bzw. Unterentwicklung anderer Kulturen, die deshalb nicht zu uns passen, und schließlich die Unterstellung einer grundsätzlichen Andersartigkeit und Unvereinbarkeit der Kulturen. Als Maßstab zur Beurteilung anderer Kulturen gilt die jeweils eigene Kultur. Aus dieser Perspektive begründet die Kultur eine kollektive Identität, die nicht diskursiv und offen für Veränderungen ist, sondern essentiell für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und homogen. Von den tatsächlichen (sozialen) Spaltungen und Unterschieden in der Gesellschaft will eine solche auf Kultur gegründete Gemeinschaft nichts wissen. Die postulierte Unvereinbarkeit mit anderen Kulturen macht sie jedoch zu einer Quelle von mehr oder weniger gewaltsamen Auseinandersetzungen bis hin zum Krieg. Kriege, so die oberflächliche Sichtweise, werden nicht zur Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Herrschaftsinteressen geführt, der Verfügung über die Erdölvorkommen und der Sicherung der Energiezufuhr zum Beispiel, sondern um der kulturellen Identität willen. Die liberale westliche Lebensart, die bekanntlich zu Lasten der Bevölkerung in den armen Ländern dieser Welt geht, gilt es gegen die neuen Barbaren zu verteidigen. Für diese wiederum sind die Folterlager von Abu Ghuraib im Irak und Guantanamo auf Kuba das Symbol für die Überlegenheit der westlichen Kultur.