Die ungeliebte Rosa

Editionsgeschichte der Luxemburg-Werke unter dem Dogma des Stalinismus
von Wulf Skaun

Im April 2015 hatte der Historiker Klaus Kinner im Leipziger Domizil der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen eine gleichnamige Seminarreihe begründet, um die noch unabgegoltene Wirkungsgeschichte der KPD-Mitbegründerin zu erforschen und auf aktuelle Opportunität für heutige Linke zu prüfen. Die ersten drei Kolloquia beleuchteten die Rolle Rosa Luxemburgs als anerkannte Revolutionärin und eigenständige Theoretikerin. Resümierende Berichte über diese Foren sind in Heft 12 der Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Leipzig 2015, versammelt.

Das vierte Seminar im November 2015 galt der Editionsgeschichte der Schriften Luxemburgs. Die habilitierte Berliner Historikerin Elke Reuter, Mitherausgeberin des Buches „Luxemburg oder Stalin“, nannte ihren Vortrag „Heldenverehrung und theoretische Distanz nach 1945“. Indem sie KPD-Konzeption, „Tauwetter-Periode“ und den inkonsequenten Bruch mit dem Stalinismus nachzeichnete, justierte sie die gesellschafts- und parteipolitischen Determinanten für gescheiterte und verwirklichte Editionen Luxemburgischer Werke. So versuchte die KPD anfangs, Luxemburgs Demokratieverständnis im Parteikonzept von der antifaschistisch-demokratischen Republik zu konsolidieren. Doch mit dem kalten Krieg gewannen die alten stalinistischen Auffassungen im Sinne des „Luxemburgismus“ wieder die Oberhand. Zwar versicherte sich die SED von Stalins Gnaden der revolutionären Vorbilder Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, doch wurde Rosas Vermächtnis auf ein machtpolitisch unverfängliches Gedenkbild reduziert. Dieser Logik gemäß, so die Rednerin, konnten 1946 ihre „Briefe aus dem Gefängnis“ erscheinen. Mit der Wandlung der SED in eine stalinistische Partei neuen Typs, ihrem Hegemonieanspruch und der Ausgrenzung Andersdenkender lebte auch der offene Feldzug gegen den „Luxemburgismus“ wieder auf. „Wer Rosa anerkannte, konnte kein Leninist sein“, beschrieb Reuter die ideologische Situation jener Tage. Ein Maulkorb auch für Marx-Anhänger, lautete die offizielle Parteidoktrin doch: „Der Leninismus ist der Marxismus unserer Epoche“. Rosas 80. Geburtstag 1951 sollte dennoch mit ihren Gesammelten Reden und einer Biografie gewürdigt werden. Der linientreue Fred Oelßner bereitete die Herausgabe von zwei Bänden mit 96 Arbeiten Luxemburgs vor. Das Vorwort Wilhelm Piecks, wahrscheinlich aus Oelßners Feder, gibt die Lesart vor, Rosas theoretische Sichten als „Fehler“ zu begreifen. Auch die 1952 von Oelßner verfasste Biografie war als Kampfschrift angelegt. Ihr zweiter Teil listete Rosas „Irrtümer“ auf und brandmarkte diese als Demontage des Marxismus und Munition für die Konterrevolution. Der 20. Parteitag der KPdSU 1956 verhieß Hoffnung auf Erneuerung des Sozialismus in Theorie und Praxis. Doch blieben am zuständigen Institut für Marxismus-Leninismus (IML) kühne Pläne für eine sechsbändige Luxemburg-Ausgabe bis 1961 bloßes Gedankenspiel. Die „Tauwetter-Periode“ verging, die Auseinandersetzung mit den stalinistischen Verbrechen wurde als „Fehlerdiskussion“ und Kapitulantentum diffamiert, und ein Fred Oelßner durfte neue Attacken gegen Rosas Verurteilung jeglicher Diktatur in Partei und Gesellschaft reiten. Die Referentin erinnerte an eine „Luxemburg-Brigade“ Ende der 1950er Jahre am IML, die eine Vorlage für neue Druckwerke ihrer Namenspatronin ans SED-Politbüro entwerfen sollte. Ulbricht höchstselbst erteilte einer Gesamtausgabe „angesichts ihrer Fehler“ eine Abfuhr. Hager rüffelte Jürgen Kuczynski, der, am einzig befugten IML vorbei, eigenmächtig Dokumente Luxemburgs veröffentlicht hatte. Hager verschleppte auch eine 1960 in Aussicht gestellte dreibändige Neuausgabe. Erst 1970, in Vorbereitung auf Rosas 100. Geburtstag, erschien Band 1 der geplanten Gesammelten Werke. 1972 und 1973 kamen die Bände 3 und 4 heraus. Mit „kritisch-aufklärendem“ Vorwort wurde Luxemburgs „Zur russischen Revolution“ in Band 4 aufgenommen. Von Hermann Weber, einem Kenner der Materie, als „philosophisch-historische Sensation“ empfunden. Eine Gesamtausgabe kam aber in der DDR nicht zustande. „Das hat erst Annelies Laschitza nach 1990 geschafft“, kam Elke Reuter in der jüngeren Editionsgeschichte an. Erst seit der PDS-Gründung habe eine neue Etappe des Verhältnisses zu Rosa Luxemburg und ihrem Demokratie- und Parteiverständnis begonnen.

In der lebhaften Diskussion erinnerte Klaus Kinner daran, dass sich der 1990 in Leipzig gegründete Bildungsverein im Umfeld der PDS als erster zum immer noch umstrittenen Namen Rosa Luxemburg bekannte und damit von Anbeginn Flagge zeigte. Manfred Neuhaus erklärte nicht ohne Stolz, die Leipziger Dependance schreibe die Editionsgeschichte seit 2007 mit ihren inzwischen zwölf Rosa-Luxemburg-Forschungsberichten weiter fort. Das sei eine auch international einzigartige Publikationsreihe, an der namhafte Wissenschaftler, Autoren und Publizisten des In- und Auslands mitwirken. Und Volker Caysa würdigte Annelies Laschitzas Luxemburg-Briefedition. Sie sei so bedeutend wie die über Marx und Engels, ein großes Werk. Schöner Schlussakkord unter ein informatives Kolloquium.