Poet und Wolken mit Charakter

Willi Beitz stellt bei Jour fixe Andrej Platonow und eigene Pastelle vor

Jour fixe ist zurück: In stimmungsvoller Atmosphäre strebt die siebte Auflage am 17. September neuen Ufern zu. Rund 50 Freunde und Interessierte haben sich in der Leipziger Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung eingefunden, um deren langjährigen Aktivisten Willi Beitz zu seinem 85. Geburtstag die Ehre zu erweisen. Gastgeber Manfred Neuhaus verbindet seine Laudatio und die Glückwünsche aller mit der Aussicht auf einzigartige Sinnesfreuden, die der doppelt Begabte als „profunder Literaturwissenschaftler und begnadeter Landschaftsmaler“ dem Auditorium bereiten werde. Das sieht sich vom Jubilar denn auch reich beschenkt. Willi Beitz widmet seinen Geburtstagsvortrag Andrej Platonow, einem seiner „Herz-Literaten“. In tiefgründiger fachwissenschaftlicher Analyse, die Platonows Leben und Wirken in historisch-konkrete gesellschaftspolitische Zusammenhänge stellt, und mit solidarisch-anrührender Ehrfurcht vor dessen Moralität zeichnet der ausgewiesene Kenner der russischen Literatur seinen „Helden“ gedanken- und wortmächtig als „Lazarus und genialen Außenseiter“. Wegen seiner weitsichtigen und mutigen Kritik des stalinistisch-sozialistischen Irrwegs hätten Platonows Schriftsteller-Ethos und die Größe seines Werks bis in die jüngere Vergangenheit keine Massen-Leserschaft erreichen können. Das bliebe eine lohnende Aufgabe. Zumal Platonow ein philosophischer Kopf gewesen sei, dessen Schriftstellerei von dialektischem Tüfteln künde, antithetisch und nicht selten skurril bis schräg daherkomme, um in bewusst-gezielter „Narretei“ umso gesellschaftskritischere Töne anschlagen zu können.

In der lebhaften Diskussion bestärkt insbesondere Adelheid Latchinian, selbst vom Fach, ihres Kollegen Prophezeiung, Platonow werde zu den bleibenden Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gehören. Seine Weisheit würde ihn auch weiterhin modern und produktiv machen.

Klaus Kinner leitet vom Ohren- zum Augenschmaus über. Ehe die Vernissage ausgewählter Gemälde, die die Räume in der Harkortstraße 10 nun zeitweilig schmücken, in ihre Anschau-Etappe tritt, würdigt der Jour-fixe-Mitbegründer Willi Beitz‘ Doppelbegabung und seine Bilder. Etliche zierten längst die Wohnzimmer manches Stiftungsfreundes. Sprechwissenschaftlerin Regine Porsch verliest eine in Briefform gehaltene Laudatio des im Ausland weilenden Kunstpädagogen Hans Rossmanith. Darin rühmt der frühere Student des früheren Sektionsdirektors Willi Beitz dessen bodenständige Malkunst, seine „bezaubernden Pastellarbeiten mit eigenem Reiz“. Die malende Germanistin Christel Hartinger, auch privat mit dem Jubilar befreundet, reflektiert dessen malerische Entwicklung aus persönlichem Erleben. Beitz‘ Kunst lasse Bekanntes neu entdecken, wenn man seine hingetupften Landschaften betrachte. „Erstaunlich: Willi malt Wolken mit Charakter“. Davon kann sich die Gästeschar selbst überzeugen und sich bei einem vom Ehepaar Beitz gestifteten Sektumtrunk über das Phänomen austauschen, einen Schriftsteller und Wolken mit Charakter erlebt zu haben.