Prekarität und Alltag

Vom 13. bis 15. November wird in Leipzig ein Kongress der linksjugend [’solid] Sachsen zu prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen stattfinden. Inzwischen befindet sich das Vorbereitungsteam in den letzten Phasen der Vorbereitung.

Wir leben in prekären Zeiten.
Viele der Menschen, die heute in ihren Zwanzigern sind, kennen es nicht anders. Ihr Normalarbeitsverhältnis ist ein prekäres. Sie sind oft unfreiwillig in unsicheren Jobs oder nehmen die Unsicherheit in Kauf, um an „Projekten“ zu arbeiten, in denen sie sich selbst „verwirklichen“ können. Diese Situation hat sich jedoch nicht erst in den letzten Jahren zur Norm entwickelt. Während in Westdeutschland in den 2000ern der Wandel zu dem einsetzte, was heute ist, gab es im Osten nach der Wende nie etwas anderes. Der im Westen ausgehandelte Klassenkompromiss verzögerte, was in Ostdeutschland der Untergang der DDR abrupt mit sich brachte – Unsicherheit und Armut. Menschen müssen, um studieren zu können, ihren Lebensunterhalt in schlecht bezahlten Nebenjobs verdienen. Viele haben ihre eigenen Produktionsmittel, ihr Humankapital und den Laptop, zu Hause, mit denen sie versuchen, als Freelancer über die Runden zu kommen, indem sie beispielsweise layouten oder programmieren. Sie sind bedroht von Selbstausbeutung und haben keinerlei Garantie, dass nicht doch jemand flexibler und billiger ist als sie, vielleicht sogar ihr*e WG-Mitbewohner*in. Schüler*innen sehen die Brüche in den Erwerbsbiografien ihrer Eltern und auch die Zwänge, die ihnen leben erschweren. Sie werden zu erbitterten Konkurrenten in der Schule. Um die immer knapper werdenden Aufstiegschancen ist ein Kampf entbrannt, der jeden Funken Solidarität zum Erlöschen bringt. Der Druck, allein seines eigenen Glückes Schmied zu sein, macht die Leute krank. Liegt die Verantwortung für Scheitern oder Erfolg in den eigenen Händen, ist man permanent dazu verpflichtet, jeden Bereich seines Alltags zu effektiveren.

Die Auseinandersetzung mit dem, was ist und dem, was zu tun ist, ist bei diesem Thema nicht leicht eingrenzbar. Hohe Mieten, zu viel Arbeit, Abstrampeln im Hamsterrad, keine Zeit für Muße. Wo und wie kommt die Traurigkeit der Welt zum Ausdruck? Ich-AG, Zeitarbeit, Befristung – was sind prekäre Arbeitsverhältnisse? Wie solidarisch ist solidarische Ökonomie? Wie könnten Wege der Organisierung in einer Zeit der Vereinzelung und Privatisierung von Problemen aussehen? Wie könnte ein soziales Sicherungssystem aussehen, das prekären Lebensverhältnissen beikäme? Können Gewerkschaften dazu beitragen? Auf welche Art und Weise schlägt sich der Neoliberalismus auf der individuellen Ebene nieder? Dynamisierung des Alltags und Selbstausbeutung als Dauerzustand? Burnout und Depression – Krankheiten politisieren? Was bedeuten Urbanität, wie verändert sich die Stadt momentan? Ort effizientester Konsumtion oder Aufeinandertreffen sozialer Konflikte? Prekär Leben/Arbeiten ist europäische Realität, wo bleibt die europäische Bewegung dagegen?

Deshalb wurde sich bei der inhaltlichen Vorbereitung für einen Call entschieden, der unterschiedlichsten Akteuren, Netzwerken, Gruppen, Einzelkämpfer_innen die Möglichkeit schaffen sollte, ihre spezifischen Zugänge, Erfahrungen und Diskussionen in den Kongress einfließen zu lassen. Das weite Spektrum ist uns bewusst. Doch wir erarbeiten gerade ein Programm, das Raum und Zeit bietet, die vielfältigen Herangehensweisen, ob ästhetisch, theoretisch oder praktisch, ob reflexiv, programmatisch oder utopisch, ob fragend oder antwortend, zu entdecken und zu verknüpfen. Wir sind also mitten in den letzten Phase der inhaltlichen Vorbereitung – die eingetroffenen Beiträge zu einem stimmigen Kongresswochenende zusammenzustellen. Anspruch war und ist es, sich in der Weite des Themas nicht zu verlieren und den Kongress dennoch nicht zu verengen.

Es sei schon jetzt verraten, dass Katja Kipping, Robert Misik, Thomas Ebermann und Kristof Schreuf Teil des Kongresses sein werden.

Das Organisationsteam