Buchtipp: Der Garten der Abendnebel

von Ralf Richter

Eines Tages ist das normale angenehme Leben vorbei. Die Japaner kommen, die „Japsen“, wie sie im Buch immer wieder genannt werden. Das Land heißt noch Malaia und noch nicht Malaysia, gehört also unter anderem mit Singapur zusammen und wird verwaltet von einem „High Commissoner“. Wer älter als 45 ist, wird sich an eine ähnliche Konstruktion in Südwestafrika erinnern: Namibia wurde bis 1989 auch von einem „Generaladministrator“ widerrechtlich von Südafrika verwaltet– die UNO hatte Südafrika längst das Mandat über Namibia entzogen, aber in Pretoria scherte das keinen. Auch das Buch von Tan Twan Eng ist eine Kolonialgeschichte – aber eine doppelte. Denn: Malaia wurde nicht nur von den Briten kolonialisiert, sondern auch von den „Japsen“ – doch nach deren Abzug kommen die Briten wieder. Es entwickelt sich eine Unabhängigkeitsbewegung unter den Einheimischen; gleichzeitig aber tobt ein blutiger Bürgerkrieg, „Emergency“ genannt, ein kommunistisch-maoistischer Aufstand. Von 1948 bis 1960 werden tausende Menschen getötet und gefoltert – Chinesen, Malaysier und Briten.

Die Leserin, der Leser taucht ein in eine völlig fremde tropische Welt. Die Heldin des Buches Yun Ling ist eine in Malaia geborene und aufgewachsene Chinesin, eine Juristin mit einer grausam verstümmelten Hand, weshalb sie stets Handschuhe trägt – eine Erinnerung an ihre Zeit als Kriegsgefangene der Japaner. Sie ist die einzige Überlebende des Lagers. Ihre attraktive Schwester diente den Japanern im Lager als „jugan ianfu“, also so genannte „Trostfrau“ – eine von zehntausenden Frauen, die von den Japanern aus den japanisch-besetzten Gebieten zur Prostitution gezwungen wurde. Beide Schwestern eint in dieser tiefsten Nacht im Lager der Kriegsgefangenschaft die Vorstellung vom Aufbau eines Gartens, ausgerechnet eines japanischen Gartens. Denn sie haben beide als jungen Mädchen mit ihren Eltern Japan besucht und waren fasziniert von der großartigen japanischen Gartenkunst – es sich auszumalen, wie sie diesen Garten in Malaysia gemeinsam aufbauen und gestalten, ist ihr Rezept, um die Qualen im Gefangenenlager zu überleben. Doch überlebt, wie gesagt, nur eine Schwester. Als Richterin verfolgt sie unbarmherzig die japanischen Kriegsverbrecher – und nie vergisst sie einen, der japanischen Offiziere zu fragen, wo das Kriegsgefangenenlager gewesen sein könnte. Denn dies gehörte nicht nur seit den Zeiten von CIA-Folterknästen weltweit zum Repertoire von Besatzern: Sie verschleppen ihre Opfer oft an Orte, die geheim sind und von denen ihre Opfer nicht wissen, wo sie sich befinden. Am Ende wird alles dem Erdboden gleichgemacht und es bleiben kaum Spuren zurück.

Um die tote Schwester zu ehren, will die Überlebende nun den japanischen Garten anlegen. Sie findet Aritomo, den Gärtner des Kaisers, der nach dem Krieg in Malaysia zurückgeblieben ist. Das Buch faltet ein Panorama asiatisch-afrikanisch-europäischer Beziehungen auf, aber es geht auch um Täter und Opfer und immer wieder Kolonialgeschichte, die auch heute noch für weite Teile der Welt prägend sind. Im speziellen Fall liegt der Garten des Japaners unweit der Teeplantage eines Südafrikaners, eines Buren, der seinerseits als burischer Kämpfer gegen die Engländer einen Freiheitskampf geführt hat und dafür nach Ceylon als Kriegsgefangener verschleppt wurde, wo er den Tee kennen lernte und nun seinerseits Tee anbaut. Auch die Chinesen in Malaysia wurden zum Teil von der britischen Kolonialmacht nach Malaysia gebracht und stehen den Einheimischen oft feindlich gegenüber, weshalb die Malaisier manche der Chinesen „Bananen“ nennen: Außen gelb und innen weiß, waren sie die Verwalter der Interessen der britischen Kolonialmacht. Noch heute sind in Malaysia Englisch und Chinesisch gleichberechtigt. Viele Malaien wurden auch nach Südafrika verschleppt, weshalb die „weiße“ Sprache der Buren (Afrikaans) und die asiatische der Malaien einige Ähnlichkeiten aufweist. Auch der Autor des Buches, Tan Twan Eng, bewegt sich im Dreieck Kuala Lumpur – London – Kapstadt. Das Buch macht deutlich: Ohne ein Grundwissen von britisch-japanischer Kolonialgeschichte bleibt das Verständnis für asiatische Entwicklungen der Gegenwart defizitär. Ein unglaubliches Gemisch von vielen Völkern und Nationalitäten mit den verschiedensten Sprachen ringt in asiatischen Ländern um einen Weg in die Zukunft – die Interessen sind verschieden, und die Wunden und Folgen von britischer und japanischer Fremdherrschaft gehen tief und beeinflussen das Leben junger Einwohner in diesen Ländern immer noch sehr stark. Es geht in diesem Buch auch um Aussöhnung, um Respekt vor der Kultur des anderen, um Kunst in verschiedensten Ausprägungen. Ein Buch, das uns eine neue Welt erschließt. Der erste deutschsprachige Roman aus Malaysia ist etwa 450 Seiten stark und erschien im Verlag Droemer für 19,99 Euro.