Über einen „unverstümmelten, lebendigen Marxismus“ – Christoph Jünkes Anmerkungen zu Leo Koflers Philosophie der Praxis

von Volkmar Wölk

Gemäß eines alten Bonmots gibt es den Zustand, dass eine Person zwar berühmt, aber keineswegs bekannt sei. Ja, gelegentlich erstrahlt ein Name, doch nur für einen ausgewählten Kreis, eine Minderheit, das Fachpublikum. Der breiten Masse sagt der Name nichts, er ist ihr unbekannt. Der 1995 verstorbene Gesellschaftstheoretiker und Sozialphilosoph Leo Kofler gehört zweifellos zu dieser Kategorie. Keine seiner Schriften findet sich gegenwärtig im „Verzeichnis lieferbarer Bücher“. Und mit der Sekundärliteratur ist es kaum besser gestellt. Gelegentlich erscheint ein durchaus lesenswerter Band, aber selbst Christoph Jünkes ebenso grundlegende wie monumentale Biografie über das „sozialistische Strandgut“ Leo Kofler ist gegenwärtig nicht greifbar.

Christoph Jünke, Motor der Leo-Kofler-Gesellschaft, ist es, der unermüdlich versucht, diesen Klassiker linkssozialistischer Theoriebildung vor dem Vergessen zu bewahren. Zwar hat er dafür den Wissenschaftspreis der sächsischen Rosa Luxemburg-Stiftung erhalten, doch bewahrt es ihn selbstverständlich nicht vor Anfeindungen. Die bisher dreistete und – auch juristisch – langwierigste entstammte einem Kreis linker Renegaten um Stefan Dornuf, der mit dem Sammelband „Nation – Klasse – Kultur“ versuchte, Kofler von rechts zu vereinnahmen. Das im Wiener Karolinger-Verlag, einem Publikationsort der „Neuen“ Rechten, veröffentlichte Buch war nicht autorisiert und strotzte nur so von haltlosen Vorwürfen gegen die Leo-Kofler-Gesellschaft und Jünke persönlich. An entlegenem Ort, den von ihm herausgegebenen „Dialektischen Untersuchungen“, schildert Dornuf die Phalanx all jener, die angeblich Kofler missbrauchen und fälschen. Die Reihe reicht von der „Jungen Welt“ über die Georg-Lukács-Gesellschaft bis zur Volkshochschule Köln. Dass Dornuf es dabei mit der Wahrheit nicht sonderlich genau nimmt, wird am Beispiel meiner eigenen Person deutlich. In der Reihe seiner Gegner tauche ich auf als „Dr. Volkmar Wölk (Partei ‚Die Linke‘) vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung“. Bis auf die Schreibweise des Namens und die Parteimitgliedschaft stimmt nichts davon. Weder besitze ich einen Doktortitel, noch kann ich für das renommierte DISS sprechen. So ist es nachvollziehbar, wenn diese hochpolitische und keineswegs nur akademische Auseinandersetzung in Jünkes jüngsten Band über Kofler eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt. Das in der „Theorie“-Reihe des Laika-Verlages erschienene Buch „Leo Koflers Philosophie der Praxis“ trägt den Untertitel „Eine Einführung“, geht aber eben nicht nur auf den „Marxismus als Theorie in praktischer Absicht“ des untersuchten Autors ein, sondern eben auch auf die Rezeption seines Werkes. Ein weiteres Kapitel ist deshalb der Rezeption Koflers durch das eher orthodoxe Marxismus-Verständnis von Hans Heinz Holz und Werner Seppmann gewidmet. Jünke bezeichnet Kofler als „Grenzgänger des 20. Jahrhunderts“ und macht dabei mehrere Grenzgänge aus: Zunächst den vom Judentum zur Arbeiterbewegung, dann den vom Sozialdemokraten zum Linkssozialisten, drittens den von der Theorie zur Praxis, den doppelten von West nach Ost und danach in umgekehrter Richtung, nicht zuletzt den von der ersten zur zweiten Generation der Neuen Linken. Manchmal muss man sich eben ständig verändern, wenn man sich selbst treu bleiben will. Massenkompatibel machte ihn all dies nicht. Das war auch nicht die Absicht. Wenn er ausgerechnet zur Zeit der Studierendenrevolte 1968 und danach als Kritiker der Frankfurter Schule auftrat, sich den aufkommenden linken theoretischen Modeströmungen verweigerte, musste dies notgedrungen zu dem von Jünke vorgetragenen Fazit führen: „Kofler blieb also ein Einzelgänger, ein Sonderling und wirkte nicht schulenbildend“.

Es ist das Verdienst der vorliegenden Einführung, dass Jünke mit ihr trotzdem Lust auf die Lektüre Koflers im Original und die Auseinandersetzung mit seinen Schriften weckt. An dieser Stelle sei nur auf die fundierte Stalinismus-Kritik hingewiesen. Bekanntermaßen werden die großen theoretischen Leistungen in der Regel nicht von und durch die Großorganisationen erarbeitet; sie kommen eher von deren Rändern, in Auseinandersetzung mit der gerade gültigen „Massenlinie“. Kein Zweifel: diese ist auch heute unverzichtbar. Helfen kann dabei ein gründlicher Blick in Koflers Werk.

Christoph Jünke: Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung; Hamburg: Laika, 2015, 225 S., 18.90 Euro