Wider das Vergessen!

Am 12. April 2015 fuhr ich zusammen mit anderen zur Gedenkfeier nach Buchenwald. Die Zwickauer Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten hatte die Fahrt organisiert. Einige kannte ich, auch Sonja Thormeyer. Doch was sie mir auf der Fahrt erzählte, war mir neu.

Sonja, Du bist hier bei Buchenwald aufgewachsen?

Ja, ich wohnte seit meiner Geburt 1934 in Rastenberg bei Weimar, ganz in der Nähe von Buchenwald.

Wie hast Du die Zeit bis zum Kriegsende erlebt?

Intensiv in Erinnerung geblieben sind mir die letzten Kriegstage. Mein Vater war schon lange im Krieg und auch mein Bruder wurde mit 16 Jahren eingezogen. Er war zehn Jahre älter als ich, aber ich kannte ihn nur von Soldatenbildern. In Rastenberg war ein großes Gefangenenlager von Polen, Russen und Franzosen. Im Nachbarort war eine große Gasbombenfabrik, wo viele von ihnen arbeiten mussten. Vor dem Eintreffen der Amerikaner wurden die Waggons mit den Gasbomben von den Häftlingen in Brand gesetzt. Das rettete die Bevölkerung vor dem Gastod.

Die Häftlinge haben das doch sicher nicht überlebt. Gibt es einen Gedenkort für sie?

Ihren Einsatz haben sie mit dem Leben bezahlt. Ein Denkmal erinnerte an sie. Leider wurde es 1991 auf Anraten des Bürgermeisters entfernt.

Wie kam es, dass Du plötzlich im KZ Buchenwald warst?

Im März/April 1945, ich war damals zehn Jahre alt, fiel oft der Unterricht aus. Fliegeralarm war für uns Kinder ein Erlebnis. Wir waren viel im Wald und auf dem Berg unterwegs, hörten den Lärm. Fuhr ein echter Panzer durch die Straßen, war das für uns eine Sensation. Viele Einwohner kamen mit weißen Tüchern und auch wir hatten ein weißes Taschentuch an einen Stock gebunden. Wir durften auf dem Panzer Platz nehmen und fuhren ein Stück mit. Es waren junge Männer wie mein Bruder, nur einer war schwarz – der erste, den wir sahen. Und wir bekamen von ihnen die erste Schokolade unseres Lebens. Unterwegs kamen uns viele Menschen in gestreiften Sachen entgegen, manche lagen am Straßenrand, winkten uns zu, streckten die Arme den Panzern entgegen. Vor dem Wald mussten wir absteigen. Wir machten uns keine Gedanken, wo genau wir waren. Wir wollten nur hinterher laufen. Und dann waren da auf einmal so viele Menschen, die auf der Erde krochen. Sie konnten nicht mehr laufen, waren abgemagert, richtige Skelette.

Ihr wart im KZ Buchenwald.

Wir sind durch das Buchenwald-Tor gelaufen und sahen so viele liegend, die Arme nach uns streckend. Dabei waren wir noch Kinder. Es war ein Schock für uns – ein wildes Durcheinander. Wir sahen zum ersten Mal einen ganzen Haufen, einen Berg von toten Menschen, die Augen weit aufgerissen, der Mund weit aufgerissen, als ob sie uns noch etwas sagen wollten. Ein grauenvoller Anblick, den ich wohl nie vergessen werde. Auch das Geschrei und die Hilferufe von abgemagerten Menschen – viele lagen im Dreck und versuchten uns zu greifen, waren aber zu schwach um aufzustehen. Das bleibt ewig in Erinnerung. Ich kann nicht beschreiben, was in mir und meinen Freunden vor sich ging.

Und für uns Jüngere ist es kaum vorstellbar. Wie seid ihr da wieder weggekommen?

Wir wurden von Amerikanern aufgesammelt und in einem Jeep nach Hause gebracht. Wir haben alle tagelang nichts essen können, nur geweint und außerdem noch viel Ärger zu Hause bekommen. Wir fragten uns, warum so viele Menschen sterben mussten und nichts dagegen getan wurde.

Nach dem Krieg behauptete die Bevölkerung gerade auch in der Nähe solcher Konzentrationslager immer, sie hätten von dem, was dort passiert ist, nichts gewusst. War das KZ auf dem Ettersberg wirklich ein solches Geheimnis?

Nein. Abends ging ich sehr oft mit meiner Mutter auf den Berg und sie zeigte mir dort einige Lichter am Wald und erklärte mir, dass Deutsche dort viele arme Menschen töten. Also wussten ja die Leute, was sich dort abspielte.

Als ich 1987 zur Jugendweihefahrt in Buchenwald war, wurde ein Film gezeigt mit den Leichenbergen und …

Ja, die Engländer und Amerikaner haben die Gräueltaten im Film festgehalten. Dieser zeigt die Wahrheit, wie sie das Lager vorfanden und wie ich es auch gesehen habe. Ich habe mir den Film nur ein Mal angesehen. Da kommen so viele Bilder wieder … Bis 2010 konnte ich die Gedenkstätte Buchenwald nicht betreten. Und ich habe jedes Mal Angst davor.

… weil dann die Erinnerung wieder lebendig wird.

Ja, die Bilder von damals habe ich dann immer vor Augen; die Schreie, der Geruch … es ist dann alles wieder da. Damals haben die Amerikaner aus jeder Familie eine Person verpflichtet, sich diese Unmenschlichkeit und Grausamkeit innerhalb einer Woche anzuschauen. Wer da war, bekam einen Stempel aufs Handgelenk. Wer keinen hatte, bekam für die ganze Familie keine Lebensmittelkarten.

Weißt Du, wie es nach der Befreiung in Buchenwald weiterging?

Die Alliierten beschlossen, dass die Aufräumungsarbeiten nicht von den ehemaligen Häftlingen, sondern von NSDAP-Mitgliedern zu leisten waren. Es wurde ein Internierungslager eingerichtet – wie übrigens in allen vier Besatzungszonen. Leider kamen auch viele Unschuldige dorthin. Mein Bruder war in einem solchen Lager der Amerikaner in Bad-Kreuznach. Das war als Hungerlager bekannt, zigtausende Menschen starben dort, weil sie unter freiem Himmel auf dem Feld untergebracht waren. Mein Bruder hat oft über seine Erlebnisse dort erzählt.

War Dein Vater auch in Gefangenschaft?

Nein. Der war auch in Buchenwald, das erfuhren wir aber erst nach der Befreiung, er war aus dem Lager herausgekommen.

Wie kam es zu seiner Inhaftierung in Buchenwald?

Mein Vater hatte zum 1. Mai 1944 ein Transparent gemalt und wurde verhaftet, kam nach Buchenwald. Dort musste er verschiedene medizinische Versuche über sich ergehen lassen. Ihm wurden Venen entfernt und auch die Nieren wurden geschädigt. Es ging ihm sehr schlecht. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, wurde er von irgendjemandem als Nazi bei den Amerikanern angeschwärzt. Er wurde verhaftet. Nachbarn konnten das zum Glück richtig stellen. Er starb 1960. Er hat übrigens – wie viele andere Ex-Häftlinge auch – auf die OdF-Rente verzichtet, die ihnen als Opfer des Faschismus zugestanden hätte. Er und die anderen waren der Meinung, dass der Staat das Geld für andere, wichtige Aufbauprojekte braucht.

Bei Kriegsende warst Du zehn Jahre alt. Wie verlief Dein weiteres Leben – welchen Beruf hast Du erlernt und wie hat es Dich nach Zwickau verschlagen?

Die Schule beendete ich 1949. In Köthen besuchte ich die Hebammenschule und machte in Naumburg mein Staatsexamen als Kinder- und Säuglingskrankenschwester. Ich wurde konfirmiert – Jugendweihe gab es damals noch nicht –, wurde Mitglied in der FDJ und war beim zentralen FDJ- Jugendprojekt „Talsperre Sosa“ dabei. Später war ich in Erlabrunn erste Hebammenausbilderin am Wismutkrankenhaus, heiratete. Mein Mann war Offizier, was viele Umzüge zur Folge hatte. 1963 kamen wir nach Zwickau. An der Kinderklinik des Heinrich-Braun-Klinikums war ich bis 1979 Lehrfachschwester. Per Parteiauftrag landete ich im Betriebsgesundheitswesen des Reichsbahn-Ausbesserungswerks und war bis 1981 die leitende Schwester der Betriebsambulanz. Danach verschlug es mich in den Blutspendedienst in Zwickau, wo ich nebenberuflich eine Ausbildung zur Fachschwester für Blutspende- und Transfusionswesen absolvierte. Das alles mit vier Kindern und vielen gesellschaftlichen Aufgaben, damals ging das.

Respekt. Aber noch mal zurück zu Buchenwald. Wir waren ja heute beide beim Treffen der Nachkommen der Buchenwalder. Der Schwur von Buchenwald spielte auch da eine wichtige Rolle. Ist er erfüllt bzw. wie schätzt Du den aktuellen Stand ein?

Wenn ich die Demonstrationen von Pegida und ihren Ablegern, die Hetze von NPD, AfD und anderen sowie die Übergriffe auf Flüchtlinge, Flüchtlingsheime, Antifaschisten und Politiker betrachte – nein, der Schwur von Buchenwald ist nicht erfüllt. Im Gegenteil. Mir scheint, wir sind davon weiter entfernt als je zuvor. Und das macht mir Angst. Deshalb darf das was in Nazi-Deutschland passierte, niemals vergessen werden. Wenn wir Alten nicht mehr da sind, müsst ihr Jungen dafür sorgen, die Erinnerung daran wachhalten.

Die Fragen stellte Simone Hock.