Patrioten aller Länder vereinigt euch

von Enrico Pfau

Gibt es wünschenswerten Patriotismus? Zumindest erscheint er so wichtig, dass ich bei Patrioten als undankbar, kulturlos oder gar als Vaterlandsverräter beschimpft werde, wenn ich nicht zu ihnen gehöre. Undankbar, weil ich verpflichtet sei, meinem Land etwas wiederzugeben. Kulturlos, da ich meine Wurzeln abstreite. Vaterlandsverräter, wenn meine Taten dem Land und dem sogenannten Volk schaden würden. Diese negativen Titel setzen alle eines voraus: Es steht mir nicht frei, wie ich über das Land zu denken habe, in dem ich geboren bin oder wohne. Freilich darf oder muss ich sogar Missstände im Land mit dem Verweis auf seine eigentliche Großartigkeit anprangern. Aber wenn ich diese Großartigkeit selber in Frage stelle, relativere oder sonstige Gotteslästerung betreibe, wird mir nahegelegt, zu schweigen oder aus dem Land zu verschwinden. Ich habe nicht das Zeug zu einem echten Deutschen. Fehlt mir also etwas? Oder habe ich eine unverzeihliche Entscheidung getroffen, als ich mich von patriotischen Gefühlen lossagte? Wer bin ich, dass ich mir das erlaube?
Zunächst bin ich Deutscher – aufgrund meines Passes. Oder doch lieber Sachse, wegen meiner Sprachbehinderung? Vielleicht doch nur Dresdner, weil ich dort geboren wurde – aber auch da nur in einem bestimmten Krankenhaus. Ich bin in Dresden aufgewachsen, habe hier die Schule besucht, studiert, kenne hier Freunde und Verwandte und fühle mich hier heimisch – bis auf die paar Stadteile, in die ich selten kam, oder den Keller der Schule, wo ich nie war, oder die vielen Unigebäude, in denen ich mich verlaufe. Mein Heimatgefühl ist daher meinem bisherigen Leben gewidmet und keinem speziellen Ort. Aber vielleicht ist das schon zu detailliert. Wie soll man daraus eine Gemeinschaft machen? Es geht ja um das große Ganze! Manche bezeichnen sich als Abendländer, weil sie Morgenlandmuffel sind; oder als Europäer, weil sie sich mit dem Euro überall in der EU heimisch fühlen. Vielleicht geht es auch eher um kulturelle Werte wie Essen und Literatur. Ich esse gerne Kartoffeln, diese urdeutsche Beilage aus Südamerika. Ich kann auch vieles von Goethe rezitieren, was jeder Deutsche kann, z. B. „Ihr habt euch gar viel des Ruhms beflissen. Und drum den Wohlstand nie verletzt. Viel lieber in die Hosen geschissen als euch an einen Zaun gesetzt“. Vielleicht sollte ich genau darauf stolz sein.
Oder bin ich auf anderen Wegen der deutschen Schicksalsgemeinschaft verbunden? Vielleicht gehöre ich dem von den heidnischen Göttern gesegneten Volk der Germanen an, deren Abstammungsgeschichte bis nach Indien zu den Indo-Germanen reicht. Also bin ich vielleicht sogar Inder und es hat mir nur keiner gesagt. Aber ich komme wohl aus Ostafrika, wie alle modernen Menschen. Es ist trotzdem sehr wahrscheinlich, dass ich mit Bismarck biologisch gesehen näher verwandt bin als mit Gandhi. Wen ziehe ich vor? Beide hatten keinen deutschen Pass. Aber Bismarck war ein Sinnbild deutscher Tugenden! Und die waren ja eigentlich preußische Tugenden. Und die bestanden ja eigentlich aus militärischen Tugenden und der protestantischen Arbeitsmoral. Vielleicht geht es ja gar nicht um das Land, sondern darum, welche Tugenden und Werte verkörpert werden. Ich habe herausgefunden, dass man das Verfassungspatriotismus nennt.
Es ist schön, dass Verfassungen in Büchern stehen, sonst würden ihre Inhalte vielleicht zu schnell in Vergessenheit geraten. All jene, die sich explizit zum deutschen Volk zählen, sollten noch einmal den Teil nachschlagen, in dem sich das deutsche Volk zu den Menschenrechten bekennt. Doch vielen scheint das zu viel Text zu sein, und sie ziehen es dann vor, in ihren Patriotismus all das hinzulegen, was ihnen gerade passt. Aber das ergibt auch Sinn. Wie könnten patriotische Menschen existieren, wenn sie die ganze Geschichte ihres Landes kennen würden?
Ich schätze keine Verfassung und keine Werte an sich. Sie sind nur Lesezeichen im großen Geschichtsbuch der Welt, aus dem wir alle lernen sollten. Patriotismus ist nur eine Ideologie zur Schaffung einer homogenen Gemeinschaft zu einem bestimmten Zweck. Das kann die Überwindung der Kleinstaaterei sein oder ein Anti-Kolonialkampf, um positiv besetzte Beispiele zu nennen. Aber die Patrioten sind für ganz andere Zwecke eingespannte Scheuklappen-Utopisten. Sie sollen bereit sein, für ihr noch nicht existierendes oder in Gefahr befindliches Vaterland zu sterben oder zumindest den Gürtel enger zu schnallen, mit dem sie geschlagen werden. Jeder für sich und sein Vaterland! Den Patrioten gehört die Welt – und diese Welt heißt Deutschland!