Prinzessinnen und Ritter: Rollenzuschreibungen sind Platzanweiser in der Gesellschaft

von Sarah Buddeberg

Bereits vor der Geburt eines Kindes ist eine der häufigsten Fragen an die werdenden Eltern: Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Je nach Antwort ist klar, in welcher Hälfte des Spielzeug- und Kinderkleidungsgeschäfts man sich nach passenden Geschenken umsieht: blaue Farben, Auto- und Superheldenmotive sind dann die Geschenke für die Jungen, rosa Farbtöne, Tierbaby- und Prinzessinnenmotive für die Mädchen. Die Botschaft, die bereits den wenige Tage alten Babys vermittelt wird, ist klar – Jungen sind „kleine Racker“, tapfer und mutig, Mädchen sind hübsch, brav und niedlich.
Nach einer Auswahl dazwischen, Spielzeuge und Kleidungsstücke, die nicht schon auf Jungen bzw. Mädchen gemünzt sind, sucht man oft vergebens.
Die eingeschlagene Richtung in die strikte Trennung von Eigenschaften und Vorlieben der Geschlechter geht im Kindergarten weiter. Jungen sollen sich austoben und draußen spielen, Mädchen sollen basteln und im Puppenraum Mutter-Vater-Kind spielen. „Das ist eben ihre Natur!“ Aber ist es das wirklich? Ist es nicht viel mehr die Erwartung der Erwachsenen und geprägt durch das Verhalten, das sie den Kindern gegenüber an den Tag legen? Wie geht es nun Kindern, die eben nicht rollenkonform toben oder ruhig spielen, sondern das Gegenteilige bevorzugen oder gar beides wollen?
Dann kommen wir schnell zu Beschreibungen wie „die kleine Sabine tobt wie ein Junge“ und „der kleine Markus bastelt wie ein Mädchen“. Schon kommen die Kinder in einen, für sie oftmals noch unbegreiflichen, Konflikt. Sie merken, dass sie mit ihrem Verhalten die Erwachsenen irritieren. Auf Dauer ist es für Kinder anstrengend, diesen Irritationen und immer wieder fragenden Blicken bzw. Kommentaren ausgesetzt zu sein. Es bleibt also entweder die Option, sich immer wieder erklären zu müssen oder sich zu fügen und die von der Umwelt erwarteten Rollenzuschreibungen anzunehmen.
Doch damit stehen Kindern nur noch die Hälfte an akzeptierten Verhaltensweisen, Spielzeugen und Berufswünschen und Tätigkeitsfeldern zur Wahl. Mädchen sollen Fürsorge und Haushaltsführung trainieren, sich um Puppen kümmern oder in der Kinderküche kochen, Jungen sollen toben und bauen, sich beim Wettrennen messen und Sandburgen errichten. Diese Entwicklung fortgesetzt hieße, dass Mädchen später vor allem im Fürsorgebereich tätig sein werden, z. B. in der Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege und Jungen vor allem Wettbewerb und im produktiven Gewerbe, z. B. als Ingenieure oder Manager. Und siehe da, genau so ist es auch!
Die Zahlen in den Berufsfeldern sprechen eine eindeutige Sprache: Im Pflege- und Erziehungsbereich sind in großer Mehrheit Frauen tätig, Ingenieursstudiengänge sehen es als großen Erfolg, wenn die Frauenquote unter den Studierenden über 10 % liegt.
Wenn sich die Vorlieben von Kindern jedoch gar nicht in „typisch Junge“ und „typisch Mädchen“ einteilen lassen, bedeutet die Rollenzuschreibung, ihnen die freie Wahl zu nehmen. Die Erwachsenenwelt überträgt ihr bereits zweigeschlechtlich eingeteiltes Weltbild auf die Kinder. Denn was ist tatsächlich komisch oder unnatürlich an wilden Mädchen oder sanften Jungen? An Ritterinnen und rosa Prinzen? Wird den Kindern nicht ein großes Stück an Entfaltungsmöglichkeiten genommen, wenn die rollenkonformen Entscheidungen bestätigt und die rollenabweichenden Entscheidungen mit fragenden Blicken oder gar Sätzen wie „Das gehört sich für einen Jungen/ein Mädchen doch aber nicht“ kommentiert werden?
Die Antwort darauf ist klar: Ja, es ist eine Einschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten und Entscheidungsfreiheiten der Kinder, wenn von vornherein entsprechend ihres Geschlechts lediglich die Hälfte der Türen offen steht. Und es entspricht auch keineswegs „der Natur“, sondern ist in erster Linie die Folge ihrer Sozialisation. Untersuchungen und Studien zeigen eindeutig, dass Kinder sich sehr stark an Erwachsenen orientieren und daher auf kritische oder bestätigende Blicke durchaus reagieren. Kinder wollen – wie übrigens Erwachsene auch – gelobt und gefördert werden. Und wenn Jungen Bestätigung beim Kochen und Mutter-Vater-Kind-Spielen erfahren, ist das für sie eine fördernde Bestätigung, ebenso für Mädchen, die Lob für besonders groß gebaute Sandburgen oder für geschossene Tore beim Fußballspielen erfahren. Jedoch tun sich Erwachsene ganz offensichtlich sehr schwer damit, aus ihren eigenen zweigeteilten Rollenvorstellungen auszubrechen und nicht-rollenkonformes Verhalten nicht als abweichend zu betrachten.
Doch um diesen Kreislauf nicht ewig fortzusetzen, ist es dringend notwendig, aus den einengenden Rollenvorstellungen auszubrechen und Kinder – und in der Folge auch Erwachsene – in dem zu bestärken, was sie gerne und gut machen, ohne durch die Geschlechterbrille zu schauen. Gute Ansätze bieten hierbei geschlechtsneutrale bzw. gendersensible Erziehungsansätze, die eben genau das tun: sie lassen Kinder Kinder sein und geben allen Kindern die Möglichkeit, sich im Toben, Basteln, Klettern und Kochen auszuprobieren, um dann selbst zu entscheiden, welche Tätigkeiten am meisten Spaß machen. Ein weiterer wichtiger Baustein ist eine geschlechtersensible Berufsorientierung. Denn Rollenzuschreibungen entsprechend des Geschlechts engen die Entfaltungsmöglichkeiten ein und dienen letztlich nur als Platzanweiser in der Gesellschaft.