Klaus der Geiger – bekanntester „Straßenpaganini“ Deutschlands

von Jens-Paul Wollenberg

Der am 20. Januar 1940 in Dippoldiswalde geborene Klaus von Wrochem wurde schon als Kind mit der klassischen Musik konfrontiert. Besonders das Spiel auf der Violine hatte es ihm angetan. 1960 begann er folgerichtig ein Studium an der Musikhochschule in Köln, bevor er sich dann der moderneren Klassik widmete und bei Karl Heinz Stockhausen und Mauricio Kagel studierte. Acht Jahre später ging er in die Vereinigten Staaten, wo er die Gelegenheit nutzte, sich der zeitgenössischen Komposition der Avantgarde zuzuwenden.
So hatte er an sich sehr positive Voraussetzungen für eine glänzende Künstlerkarriere, wäre er nicht von der in den Endsechzigern entfachten Hippiekultur sowie der aufkommenden Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg infiziert worden. Er zog einen Schlussstrich, kehrte 1970 nach Köln zurück, wohnte in einer Kommune und beschloss, niemals wieder als Sinfoniker in Konzertsälen aufzutreten. Es trieb ihn auf die Straße, auf den Boulevard und auf die „Dom-Platte“ (So nennen die Kölner liebevoll den großen Platz vorm Dom), um Straßenmusik zu machen.
Seine Botschaft hieß von nun an: Puristisch politische Klarheit mit radikaler Sprache in der Tradition der alten Bänkelsänger. In den Siebzigern und Achtzigern wurde das Straßenbild zumindest in den Großstädten der BRD von einer neuen Form der Straßenmusik geprägt. Handelte es sich in den Fünfzigern und Sechzigern meist um bettelnde, oft kriegsversehrte oder auch angetrunkene Harmonikaspieler, die harmlose Schlager über Bierseligkeit sowie Seemannsschnulzen zum Besten gaben, entwickelte sich nun eine wesentlich stärker ernstzunehmende Qualität der Asphaltkunst. Die Inhalte der Texte, die hauptsächlich solistisch mit Gitarrenbegleitung gesungen wurden, gewannen rasch an politischer Bedeutung. Oppositionelle Soldatenlieder, die der 48er Revolution oder Songs gegen Atomkraft waren sehr beliebt.
Die neue Musikantengeneration begann eine nicht zu unterschätzende Rebellion gegen die kaufrauschsüchtige Hektik und Alltäglichkeit der geleckten Sauberkeit vor den Supermärkten.
Die meist ungehobelt vorgetragenen Couplets wurden immer frecher, voller Spott und Sozialkritik, sie schockierten, provozierten und irritierten, ja, sie veranlassten den einfachen Straßenpassanten, innezuhalten, stehenzubleiben, zuzuhören und – je nach Originalität der jeweiligen Performance – nachzudenken.
Viele der Akteure bewiesen, dass man auch ohne elektrische Verstärkung, englischen Singsang und Hochschulabschluss Musik machen konnte, dass selbst jugendliche Zuhörer und Hörer, die zum ersten Mal – anfangs bisweilen skeptisch – mit dieser Musizierweise konfrontiert wurden, dann doch ein kleines Stück anderes Bewusstsein mit heimnahmen. Auch gründeten sich erste Straßenmusikensembles mit so außergewöhnlichen Namen wie z. B. „Mobiles Einsatz Ohr Kester Bochum“, „Schrott und Spott“ aus Franken oder „Die 3 Tornados“, um nur einige zu nennen.
In diesem Umfeld wurde „Klaus der Geiger“, wie von Wrochem sich nunmehr nannte, prompt erfolgreich und bekannt, zumal er auch in Studentenklubs sowie in Jugendzentren auftrat. Er verstand es ziemlich geschickt, bekannte Melodien, die hautsächlich aus dem Bereich der Klassik-, Rock- oder Folkmusik stammten, mit aktuellen, deutlich aggressiven und pointierten Texten zu unterlegen. Ebenso bevorzugte er Schlagerparodien, die, Gassenhauern gleich, so manchen Passanten zu faszinieren vermochten. Dass es zu Konfrontationen mit Ordnungshütern kam, blieb freilich nicht aus. Unangemeldete Auftritte wurden strafrechtlich geahndet, so geschehen 1971 in Nürnberg: Weil Klaus der Geiger sich der Polizei widersetzte und nach ihrem ausgesprochenen Straßenverweis auf Wunsch des Publikums weiterspielte, kam es zu einem Handgemenge, er wurde verhaftet. Aus Protest trat er im Gefängnis in den Hungerstreik. Nach seiner Entlassung zog er fünf Jahre lang durch die Lande, wohnte im Bauwagen, in Kommunen und Hüttendörfern. Er beteiligte sich an Demonstrationen, die sich gegen Transporte radioaktiven Mülls richteten, war bei mehreren Streiks und Hausbesetzungen aktiv und gab Konzerte für Obdachlose, sang und spielte gegen Neonazis, Immobilienhaie, Wohnungsspekulanten, Umweltverschmutzung und Rassismus. Auch international war er präsent und mischte sich ein. Im Jahr 2000 gab er zusammen mit dem Straßenmusikensemble „Rukiwerch“ in der weißrussischen Hauptstadt Minsk ein verwegenes kleines Konzert an den Pforten des Regierungspalastes. Bei den brisantesten Protestaktionen gegen Maßnahmen des westlichen Militärs wie im damaligen Jugoslawien, dem Irak oder in Afghanistan war Kaus der Geiger stets zugegen. Und wenn sich die Gelegenheit ergab, an Orten, die politisch brisant im Fokus des Weltgeschehens standen, wie beispielsweise die Anti-Atomkonferenz (ikk) 2003 oder der G8-Gipfel in Heiligendamm 2008, war es für ihn selbstverständlich, dort aufzutauchen und seine Lieder zu singen. In den letzten Jahren befasste er sich immer wieder mit der klassischen Musik und interpretierte Werke von Johann Sebastian Bach, Schostakowitsch oder Bartok, und ab und zu agitiert er weiterhin auf den Straßen, manchmal unterstützt von seinen Kindern oder dem Trio „Drei Geiger unter euch“. 2011 erhielt er den deutschen Weltmusikpreis „Ehren-RUTH“ für sein konsequent gelebtes künstlerisches Schaffen, überreicht während des Tanz- und Folkfestivals in Rudolstadt. Eine musikalische und textliche Hommage an Karl Valentin und Liesl Karstadt, gemeinsam erarbeitet und aufgeführt mit seiner Tochter Antje von Wrochem, sowie ein Astor-Piazzolla-Programm mit dem Gitarristen Marius Peters 2014 bestätigen seine künstlerische Vielfalt. Am 20. Januar 2015 feierte Klaus von Wrochem seinen 75. Geburtstag. Wir gratulieren nachträglich ganz herzlich!