„Come with us“: Syrer in Neschwitz

von Marcel Braumann

Die Männer aus dem Morgenland kamen schon vor Weihnachten – und das, obwohl der Landkreis Bautzen bereits den Asyl-Ausnahmezustand ausgerufen hatte: Mit tausend Flüchtlingen auf 300.000 Einwohner in diesem flächenmäßig mit dem Saarland vergleichbaren Kreis sei man am Ende seiner Möglichkeiten. So die Botschaft von Landrat Harig (CDU). Der Landkreis mietete also für knapp 30 Leute Zimmer im Motel in Holscha an, auf dem Territorium der Gemeinde Neschwitz, wo ich wohne. Und so fühlte ich mich vom Aufruf der Sozialarbeiterin vom Steinhaus in Bautzen angesprochen, die namens des Bündnisses „Bautzen bleibt bunt“ neben dem Aufruf zu Kleiderspenden auch nach Menschen rief. Sie sollten die neuen Bewohner besuchen, um mit ihnen zu reden und ihnen die deutsche Sprache praktisch näherzubringen.

Die Kurse wurden denkbar einfach gebildet: Die Lernwilligen bestimmten in Eigenregie die Zusammensetzung der Gruppen, deren Zahl den Lehrwilligen entsprach, die sich vor Ort eingefunden hatten, und suchten sich dann aus, wer von wem unterrichtet werden will. So hatte ich es meiner libertären Neigung folgend vorgeschlagen, und so realisierte es sich binnen drei Minuten. Mich ereilte der Ruf „Come with us“, der mich aus den Aufenthaltsräumen in eines der Zimmer führte. Eigentlich Zweibett-Zimmer mit nunmehr drei Betten – plus Tisch.

Das war vor Weihnachten. Seither sehen wir uns im Schnitt jeden zweiten Werktag für zwei Stunden, anfangs mit drei, zuletzt mit bis zu sechs, manchmal auch sieben Interessenten. Der Lerneifer der ganz Jungen färbt auf die Älteren ab … Mit der Kerngruppe, vier Leute, darunter drei Kurden, gibt’s darüber hinaus Exkursionen, vom Lausitzer Seenland bis zum Landtag. Wir haben viel Spaß miteinander.

So etwa mit unserem gemeinsamem Kulturschock-Management. Es ist ja für sunnitische Muslime schon eine mentale Herausforderung, am Bärwalder See mitgeteilt zu bekommen, dass im Sommer am Strand rechts vom Damm die Leute in Badekleidung liegen und links davon alle nackt sein werden. Und die einheimische Spaziergängerin mit Hund auf der Boxberger Strandpromenade hatte kurz darauf ihrerseits gänzlich Ungewohntes zu verarbeiten, als ihr voraus gelaufenes weißes Hündchen plötzlich von drei orientalischen Jungs verhätschelt wurde, während sich der vierte ein paar Meter dahinter in der Abenddämmerung in (jedem Fernsehzuschauer bekannter) typischer Gebetshaltung gen Mekka verneigte. Da half kein freundliches „Guten Abend“, die Dame ergriff wortlos die Flucht.

Die Entscheidung, ob ich wirklich mit ihnen über den islamistischen Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ sprechen will, nahm mir „Al Dschasira“ ab, wo das Verbrechen zu Unterrichtsbeginn bild- und wortreich Thema war, weshalb sie von sich aus ihr Entsetzen zum Ausdruck brachten. Über PEGIDA sah ich mich zu sprechen genötigt, weil der Dresden-Ausflug zufällig am Montag war und uns die Zusammenrottung der Wutbürger zur vorzeitigen Rückfahrt veranlasste. Der Ruf des Freistaates ist offenbar derzeit ohnehin weltweit nachhaltig ruiniert, wenn mir ein 27-jähriger Syrer erzählt, wie er seine Mutter telefonisch beruhigen musste, die ihn in höchste Gefahr sieht, weil er doch „in Sachsen wohnen muss“.

Wenn du auf der einen Seite einen Hochschulabsolventen sitzen hast und auf der anderen einen jungen Mann, der darum bittet, erst mal alphabetisiert zu werden, weißt du, was Inklusion ist. Und dass sie in einer Atmosphäre der Solidarität, wie sie diesen Menschen selbstverständlich ist, problemlos funktioniert. Wie schrecklich anstrengend das Lernen für sie sein muss, ermesse ich, als ich versuche, ein paar arabische oder kurdische Worte nachzusprechen.

Der Bürgermeister von Neschwitz sagte der „Sächsischen Zeitung“, er hoffe, dass weiterhin alles gutgeht und nichts passiert, schließlich seien die Bürger bisher nicht an Ausländer gewöhnt. Da kann ich nur hinzufügen: An meinen syrischen Freunden wird es nicht scheitern.