Wer bin ich, Herr Biermann? – 25 Jahre Mauerfall

von Susanna Karawanskij

Es ist der 7. November und im Deutschen Bundestag wurde zum Thema 25 Jahre Mauerfall Wolf Biermann eingeladen. Die Medien sind schon ganz voll von Biermanns Auftritt im Bundestag und ich will mich den Be(Wertungen) weder anschließen oder gar eine eigene abgeben, nur meine Gefühle beschreiben, die ich dabei hatte.
Ich kenne Herrn Biermann nicht persönlich. Ich habe mich bislang kaum mit ihm und seiner Biografie beschäftigt. Ich weiß um seine Ausbürgerung aus der DDR, da war ich noch nicht geboren. Die Musik, die er macht und machte, ist nicht die meine, aber so genau kann ich das gar nicht sagen, da ich kaum Lieder von ihm kenne. Vielleicht ist das ein guter Anlass, um das nachzuholen.
Ich war als Schriftführerin eingeteilt und saß neben dem Bundestagspräsidenten, der zum Thema Mauerfall seine Rede hielt, bevor die Musikeinlage kam. Während man so vorne sitzt, sieht man in die Gesichter der Abgeordneten, die aufmerksam und nachdenklich schauen. Oder man sieht nur ihre Scheitel und Glatzenansätze, wenn über die sozialen Netzwerke zum Thema noch getwittert und gefacebookt wird. Eine interessante Perspektive, schaut man doch sonst aus der Fraktionsperspektive auf die Kolleginnen und Kollegen der anderen Fraktionen.
Dann kommt Biermann und singt. Na gut, er singt nicht, er redet erst. Herr Lammert ist charmant und hat sogleich einen passenden Spruch parat, demonstriert, dass er der Hausherr ist und hier laut Tagesordnung gesungen werden sollte.
Und dann kann der Barde doch nicht aus seiner Haut und muss schimpfen. Das klingt nach Verachtung gegenüber mir, den LINKEN und natürlich meinen Fraktionskollegen, die an ihren Plätzen sitzen. Dann sagt er, dass sein Beruf Drachentöter ist und der Rest ist oder wird wohl bald legendär sein.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass Herr Biermann auch eitel ist, und ich fühle mich für einen kurzen Moment unverschuldet gedemütigt. Denn ich bin ja in der DDR aufgewachsen und fand meine Kindheit absolut schön. Linke Ideen erschöpfen sich doch nicht in der Existenz der DDR oder ihrer Fehlleistungen. „…ein Drachentöter kann nicht mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen …“
Was bin ich nun? Eine gewählte Abgeordnete der Linken. Ein Drache, der Feuer speien kann? Ich sehe in den Gesichtern anderer Abgeordnete das Lächeln ob einer gerade noch amüsanten Situation und Bemerkung verebben. Ist es nun verwerflich, links zu sein? Ich kapiere das nicht. Komisches Gefühl hier.
Herr Biermann ist mit seinem Beitrag fertig und bedankt sich beim Bundestagspräsidenten – schüttelt ihm die Hand, nachdem dieser ihm zum silbernen Hochzeitstag gratulierte. Und dann dreht sich Biermann noch einmal um und sagt: „Sind Sie bei den Linken?“
Ich nicke.
„Am Gesicht, am Gesicht kann man das Erkennen.“
Was soll das heißen? Sehe ich aus wie ein schäbiger Rest? Ist auf meiner Stirn ein roter Stern aufgeflammt? Schaut aus meinen Augen das Unrecht? Sehe ich gestraft aus? Was soll das heißen, Herr Biermann?
Ich wurde 1980 in Leipzig geboren.