Mut zu leisten Tönen – Reinhold Andert zum Siebzigsten

von Jens-Paul Wollenberg
Bundesarchiv Bild 183-G1104-0201-001, Berlin, Jugend-Literaturfestival, Reinhold Andert
Das Weltmusikmagazin „Folker“ bezeichnet ihn in der Ausgabe 3.14 als bemerkenswertesten Liedermacher aus der DDR, als leisen Poeten mit ganz eigenem Stil; „seine satirischen Liedtexte von scharfem Verstand stecken voller Parabeln und feiner Ironie“.
Reinhold Adert lernte ich anlässlich eines Musikprojektes im Herbst 1988 in Berlin kennen.
Die ostberliner Klezmerband „Aufwind“, der Journalist und Lyriker Dietmar Halbhuber, das Chansontrio „Wildemann“, die Jazzsängerin Ines Krautwurst, die Liedermacher Jörn Brumme, Reinhold Andert und meine Wenigkeit kreierten eine Liederrevue mit dem Titel „Morgen hau’n wir auf die Pauke“ und tourten damit bis Ende 89 durch die gesamte DDR. Das Programm war sehr aufmüpfig und prangerte den in dieser Zeit desolaten Zustand der Republik an. Es ging uns allen um eine bessere DDR, von Wiedervereinigung war zu diesem Zeitpunkt nicht die Rede.
Jeder Akteur brachte auf seine eigene Vortragsart kritische oder satirische Beiträge passend zur Situation ein, so dass ein spannendes, abwechslungsreiches Bühnenstück ins Leben gerufen wurde.
Während der Tournee kam ich oft mit Reinhold Andert ins Gespräch. Wir plauderten über Kunst, Politik und tauschen unsere Lebensläufe aus, wobei mir der seinige wesentlich spannender schien. Geboren wurde er 1944 in Teplitz-Schönau, verbrachte seine Jugend im thüringischen Sömmerda, absolvierte in Schöneiche ein katholisches Seminar, um Pfarrer zu werden, erlernte später jedoch den Beruf eines Orgelbauers in Gotha. In diesem Zeitraum stieß er auf Marx und Engels, las das kommunistische Manifest, und was lag da näher, als von 1964 bis 1969 an der Berliner Humboldt-Universität Geschichte und Philosophie zu studieren. Letztere unterrichtete er ebenfalls an der Musikhochschule „Hanns Eisler“. 1969 stieß er auf den Oktoberklub, der zwei Jahre zuvor von vier Studenten aus der sogenannten „Hootenanny“-Bewegung ins Leben gerufen worden war. Der kanadische Folksänger und Banjo-Virtuose Perry Friedman, den es in die DDR verschlagen hatte, brachte diese Idee aus Amerika mit. Ursprünglich fand die „Hootenanny“-Bewegung in den USA ihre Wurzeln schon in den Vierziger Jahren, geprägt von den „Almanac Singers“, gegründet von Woodie Guthrie, Pete Seeger, Lee Heys und Arthur Stern. Hootenanny bedeutet so viel wie „Mitmachen, mitsingen“.
Diese ungezwungen vorgetragenen Lieder bestehen teils aus einem Mix vom frechem Volkswitz, Tiefgründigkeit, Liebe zu Menschen, aber auch Empörung gegenüber jenen, die für soziale Missstände verantwortlich sind, also dementsprechend aus Protestsongs.
Da diese Initiative allen schon wegen des amerikanischen Begriffs den Parteifunktionären der SED zutiefst suspekt war und nicht etwa auf Anordnung der Kulturbehörden offiziell bestätigt, empfahl man, Hootenanny ein Singeklubs umzubenennen. So nannten sie sich eben Oktoberklub. Seine Mitglieder wechselten ständig, gemäß jener Tradition, und letztendlich fungierte der Klub aufgrund seines schon bald hohen Bekanntheitsgrades auch als Sprungbrett für Solokarrieren. Bedeutende Künstler wie Barbara Thalheim, Bettina Wegner, Kurt Demmler oder eben Reinhold Andert seien hier genannt. Ab 1973 war Reinhold freischaffender Liedermacher und Autor. Mehrere live aufgenommene Schallplatten dokumentieren seine vielfältige Schaffensperiode: „Reinhold Andert“, LP, Amiga 855313, 1973; „Blumen für die Hausgemeinschaft“ 1973; „Ewald der Vertrauensmann“, LP, Amiga 845157, 1978 (mit den Musikern des ersten ostdeutschen Weltmusikensembles ,Bayon‘ aus Weimar).
Am 8. Juni 1980 verstarb der bedeutende Kommunist und geniale Volkssänger Ernst Busch. Da nach seinem Begräbnis eine Trauerfeier des ZK mit führenden Spitzenkadern der DDR angesagt war, bat die Witwe des Verstorbenen den Sänger Reinhold Andert, ein Lied über Ernst Busch zu verfassen und vorzutragen. Andert kam den Wunsch nach und sang es vor allen anwesenden Trauergästen. Während des Liveauftritts des Protagonisten wurde den Genossen klar, dass sich der Text des Liedes inhaltlich sehr kritisch mit den Maßregelungen des Ulbrichtsystems auseinandersetzte, denn es beinhaltete u. a. auch das Thema Auftrittsverbot von Ernst Busch als Solosänger (Er durfte nur jene Lieder vortragen, die für die jeweiligen Theateraufführungen auserkoren waren). Ein Skandal war die Folge. Andert flog aus der Partei und wurde nur selbst gemaßregelt. Auch er wurde mit Auftrittsverbot belegt. Ausreisen in den Westen wollte er nicht, das sah er als bekennender Kommunist nicht ein.
Erst mit Perestroika und Glasnost und Gorbatschow wuchsen Hoffnungen auf Veränderung auch hier im Land. Der russische Schauspieler und Liedermacher Vladimir Wyssozki wurde ein Geheimtipp, und Reinhold Andert übertrug dessen Texte ins Deutsche, interpretierte sie in Lesungen und auch gesanglich. 1989 erschien im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar das Buch „Zerreißt mir nicht meine silbernen Saiten“ mit Liedtexten Wyssozkis, nachgedichtet von Reinhold Andert, Rolf Bräuer, Dietmar Hochmuth und Klaus-Peter Schwarz. Zwischenzeitlich beschäftigte sich Andert intensiv mit der Frühgeschichte des damaligen Mitteldeutschlands und schrieb mehrere historische Bücher.
Nach der politischen Wende gelang ihm als einzigem ein Besuch bei Erich Honecker, der in Lobetal Asyl gefunden hatte, um ein Interview mit ihm zu führen. Das Resultat erschien in Buchform: „Der Sturz – Erich Honecker im Kreuzverhör“, Berlin 1990, ISBN 3-351-02060-0. 1992 produzierte er dann endlich wieder eine Langspielplatte, „Fürsten in Lumpen und Loden“, Nebelhon IC 6464, ein Meisterwerk! Bis weit ins neue Jahrtausend folgten weitere Bücher zur Geschichte sowie politisch-satirische Beiträge im „Neuen Deutschland“ oder auch in Buchform.
Am 26. März 2014 wurde Reinhold Andert siebzig Jahre als. Wir gratulieren ihm nachträglich – bitte, bleib gesund und unbequem!