Marxsche Abgründe – Szenische Lesung über ein Leben in Briefen

von René Lindenau

Marx und Engels galten als eifrige Briefschreiber. Über viertausend Briefe sind von ihnen überliefert. Der Marx-Biograph Francis Wheen meinte dazu: „Ihre umfangreiche Korrespondenz ist ein tolles Gemisch von Geschichte und Klatsch, Politökonomie und Lausbubenzoten, hohen Idealen und äußersten Intimitäten“ (Karl Marx, München 1999, S. 105). Doch um diese beiden Herren soll es vordergründig hier nicht gehen, sondern um die Frau, die hinter ihnen stand, und um ihr Leben, das sie mit ihrem Mann Karl teilte: um Jenny Marx.

Das unstete Leben, Umzüge sowie die Emigration haben viele der Briefe verloren gehen lassen. Als sicher gilt, dass Marx´ Töchter, Eleanor und Laura, die übrigens beide eifrige Briefmarkensammlerinnen waren, Briefe mit „kompromittierenden“ Inhalt oder mit unverblümten Charakterisierungen aussortiert und vernichtet haben. Ähnliches wird auch von Engels behauptet. Dennoch fand sich per Zufall oder aus dritter Hand genug Material der geschriebenen Zeugnisse ihres Lebens, das im Jahr des 200. Geburtstages von Jenny Marx vollständig veröffentlicht werden konnte: 330 Dokumente auf 606 Seiten – dem Dietz-Verlag sei Dank. Entstanden ist ein lebensnahes Bild von Jenny Marx, die schon als junges Mädchen für die sozialen und politischen Probleme ihrer Zeit sensibilisiert war, aber auch Bälle und elegante Kleider genoss. Nach einer Liebe mit einem preußischen Offizier verschlug es die Ballkönigin von Trier in die Arme des damals18-jährigen Studenten Karl Marx. Sieben Jahre haben sie ihre Verlobung geheim gehalten. Ein mittelloser Student und eine Tochter aus dem Beamtenadel, deren Halbbruder der preußische Innenminister war, galten nicht als standesgemäße Verbindung. Gerade der Herr Minister war um der „Familienehre“ willen alles zu tun bereit, „seine Verwandte aus den Händen des Staatsfeindes Nr. 1, eines Juden (Karl Marx) zu befreien“. Der Gefährdung ihrer Liebe soll sich Jenny immer bewusst gewesen sein. Das lag nicht nur an den sicher erwartbaren Anfeindungen der Verwandtschaft sowie aus der Gesellschaft, sondern auch an Marx selbst, der auch anderen Frauen zugetan war. Wer weiß nicht von dem Kind, das der „besessene Geistesarbeiter“ mit seiner Haushälterin Hilde Demuth zustande brachte? Deren Vaterschaft übernahm aber ihr Freund Friedrich Engels. Die Marx-Töchter waren jedenfalls entsetzt, als der sterbende „General“ es ihnen gestand. Auch sonst ist bislang unbekannt, wie viele uneheliche Kinder der olle Marx in die (seine) Welt gesetzt hat. Jene Verluste, die auch Karl seiner Jenny zufügte, machten sie zu einer zunehmend kranken Frau. Sie war bei alldem bemüht, die Fassade zu wahren: Die Einheit von Wort und Tat. Diese fängt eigentlich in der Familie an, bevor sie dann glaubwürdig die Gesellschaft verändert. Dass der postulierte Anspruch und die Realität kollidieren, das jedoch haben andere auch schon vor- und nachgemacht. Viele machen es bis heute …

Hinzu kamen dauerhafte materielle Sorgen, Existenzängste, Schulden. Nie hatten die beiden ein Verhältnis zum Geld entwickelt, wobei „Mohr“ immer den größten Teil für sich beanspruchte, wenn es welches gab. Der „Besitzbürger“ Friedrich Engels war für sie oft der Helfer in der Not – ob mit Geld oder mit Alkohol, den sie mehr und mehr als „Ersatzmedikament“ gegen ihre Krankheiten einnahm. So starb sie, erst 67-jährig, qualvoll an einem Leberleiden, so wie später auch ihr Mann. Einmal schrieb sie: „Das intime Verhältnis zum Pfandleiher war geblieben, aber der Humor ist weg“. Ihr einziger Reichtum bestand in ihrer natürlichen Anmut, in ihrer Schönheit und in ihrem Geist, so hieß es. Bekannt ist nun auch, dass Karl Marx auf ihre Ausstrahlung setzte und sie als „Schmuckstück“ betrachtete: Sie erhob ihn. Wer aber auf derartige Erhöhung setzt, muss aufpassen, dass er nicht erniedrigt wird. Bedingt durch ihre Armut war die Kindersterblichkeit der Familie Marx so hoch wie in den unteren Schichten der Bevölkerung. Viermal war sie Gast im Hause Marx. Zuletzt beim siebenten, da war Jenny 43. In einem Brief beklagt sie den Tod des „Engelskindes“ Edgar, der mit acht Jahren starb, als den „größten Schmerz“.

Zudem war Jenny Marx für ihren Mann stets so etwas wie eine kritische Sekretärin, Lektorin und Managerin. Sie wurde ihm so zur Vertrauten, sodass sie ihrem Karl als einzige in dessen Arbeit hineinreinreden durfte. Ein Beispiel: „Schreib nur nicht zu gallicht und gereizt. Du weißt, wieviel mehr Deine andern Aufsätze gewirkt haben. Schreib entweder sachlich und fein oder humoristisch und leicht. Bitte, lieb Herz, laß die Feder mal übers Papier laufen, und wenn sie auch mal stürzen und stolpern sollte und ein Satz mit ihr (…)“. Weniger bekannt ist womöglich, dass auch Frau Marx schrieb. Aus ihrer Feder stammen zahlreiche Theaterkritiken, wo sie in der „Frankfurter Zeitung“ mehrere Aufführungen ihres Lieblingsdramatikers Shakespeare besprach. Mit 60 und mit „bemoostem Haupt“ hat Jenny Marx sich brieflich noch so gefreut, dass diese Kritiken gedruckt wurden.

Am 2. Dezember 1881 kam ihr bewegtes Leben zum Stillstand, sie starb. Gut ein Jahr davor schrieb sie noch: „Ich möchte noch so gern ein bißchen länger leben, lieber, guter Doktor. Sonderbar ist’s: Je mehr die Geschichte zur Neige geht, je mehr hängt man an dem irdischen Jammertal“, so an Ferdinand Fleckles in Karlsbad, 1880.
Dies und anderes mehr ist am 12. Februar 2014 in einer szenischen Lesung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin aus Briefen und aus dem Leben der Jenny Marx zu Gehör gebracht worden. Ein Kauf des Buches und ein Weiterlesen lohnen sich. Denn es wäre ein Weg, sich Marx, seinem Leben und Werk neu anzunähern, es neu zu entdecken, es von Sockeln zu stoßen, wo es nicht hingehört, wo so nur der Blick versperrt wird – auf das Wesentliche: auf das Menschliche.

Rolf Hecker, Angelika Limmroth (Hrsg.), Jenny Marx, Briefe. 606 Seiten, 15 Abbildungen, gebunden, 39,90 Euro. ISBN 978-3-320-02297-6