Zwischen Kiew, Sewastopol und Moskau

von Pieter Potgieter

 

„Willkommen in der Hölle!“ Der das sagt, ist der neue „Staatschef“ der Ukraine, der 39jährige Arseni Jazenjuk. Was die Ukraine jetzt braucht, ist Geld, hat die neue nicht demokratisch gewählte Regierung erkannt. Erst mal schnell 15 Milliarden. Und da soll sich Russland bitte beteiligen, immerhin ist man ja Russland so freundlich gesinnt – deshalb hat man zunächst 40 Lenin-Statuen hauptsächlich in der Westukraine gestürzt und den Russen verboten ihre Sprache weiterhin als zweite Amtssprache zu benutzen. Nun rudert die EU zurück und versucht den ukrainischen Nationalisten in Kiew zu erklären, dass man schlecht jemandem das Wort verbieten kann, wenn man danach um seine Hilfe ersucht.

Unterdessen sind die Medien voll mit Krim-Berichterstattung, als ginge es in den nächsten Krim-Krieg. Wer die Krim jemals besucht hat, den Liwadija-Palast, wo bei der Konferenz von Jalta im Februar 1945 Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt wurde, der wird die Gastfreundschaft der Bewohner, das wunderbare subtropische Klima aber auch die strategische Bedeutung der Halbinsel für Moskau zur Kenntnis genommen haben. Die Krim war schon für die Goldene Horde der Mongolen im 13. Jahrhundert strategisch äußerst bedeutsam – von dort aus lief der Handel mit Ägypten. Schließlich fiel die Vielvölkerregion 1502 – die Goldene Horde zeigte Auflösungserscheinungen – an die Krimtataren. Diese unternahmen großräumige Raubzüge und setzen 1571 Moskau in Brand – wurden aber ein Jahr darauf von den Russen vernichtend geschlagen. Es war die deutschstämmige Zarin Katharina die Große, die am 8. April 1783 die Krim als „von nun an und für alle Zeiten“ als russisch deklarierte.

So sieht man es heute in Sewastopol und so sieht man es in Moskau. Die Halbinsel ist russisch geprägt, auch wenn nach 1988 wieder zunehmend Krimtataren, die in der Stalin-Ära ausgesiedelt wurden waren, auf die Krim zurückkehrten, fühlt sich die Mehrheit der Bevölkerung zu Russland gehörig – und mit großer Selbstverständlichkeit macht man aus allen Landesteilen Russlands Urlaub auf der Krim. Man besichtigt die russischen Paläste und Hinterlassenschaften des Khanats, schaut bei der Schwarzmeerflotte vorbei (es gibt auch ein Museum der Schwarzmeerflotte) und legt sich an den Strand. Die Übergabe der Krim an die Ukraine 1954 durch Nikita Chrustschow sollte an ein 300jähriges Jubiläum erinnern, als sich der von den Polen bedrängte ukrainische Kosaken-Staat 1654 Russland anschloss.

Die Beziehungen zwischen Ukrainern und Russen sind historisch überaus eng – in Kiew entstand der erste slawische Staat, wurden erstmals die kyrillischen Buchstaben in einem Staatswesen benutzt. Über eine Million Ukrainer leben in Russland und zahlreiche Ehen gibt es zwischen Russen und Ukrainern nicht nur in Russland und in der Ukraine sondern auch in vielen anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion. Ein ukrainischer Nationalismus, der sich übrigens genauso gegen Polen wie gegen Russland und alle Minderheiten wendet – es werden 18 Sprachen in der Ukraine gesprochen – hat keine Zukunft. Wenn der Begriff „Brudervolk“ jemals einen wahren Sinn hatte, dann trifft er am ehesten auf das ukrainisch-russische Verhältnis zu. Wie schwer die Zeiten für die Ukrainer jetzt auch werden, es gibt keine Ukraine-Feindlichkeit in Russland – nur müssen die Ukrainer selbst dafür sorgen, dass nicht die rechten Kräfte aus Lwow, die ebenso Polen- wie Russlandfeindlich sind, zu viel Raum auf der politischen Bühne in Kiew bekommen. Die Mehrheit der Ukrainer dürfte das verstehen. Wer auf unterhaltsame Weise mehr über die ukrainische Geschichte wissen will, lese doch einmal von Nikolai Gogol „Taras Bulba“.

 

Weitere Informationen aus Sicht des Warschauer Publizisten Cyprian Darszewski über diesen Link