Türkischer Sommer – ein Land im Umbruch

Von Ralf Richter

Noch eben waren die Medien voll mit der Syrien-Berichterstattung, dann kam Thomas, die Misere mit seiner Drohne ins Visier und plötzlich wurden die Bildschirme mit Bildern aus dem Urlaubsland Türkei überschwemmt. Zu der Zeit hingen noch überall in Sachsen die Plakate des türkischen Tourismusverbandes: „Türkei – hier können sie was erleben“. Das ist offenbar nicht gelogen – wenn auch ganz anders, als von den Touristikern gedacht. In 60 von 80 Städten gingen die Menschen auf die Straße. Einer Freundin aus Wiesbaden, die seit langem in Deutschland lebt und die hiesige Staatsbürgerschaft inzwischen hat, verschaffte die neue Situation wie auch anderen tükischstämmigen Deutschen schlaflose Nächte: „Meine Schwester hat angerufen – die AKP bringt mit Bussen ihre Leute in unsere Stadt. Sie waren kaum da, da ging es los. Es flogen Steine. Sie hassen uns und nennen uns ‚Die Gottlosen‘ und wollen uns vertreiben, wir haben die ganze Nacht gesimst. Die Polizei stand mit den Händen in Taschen dabei und hat bei den Prügel-Orgien zugeschaut“, so war die Situation in Akape, nicht weit von Adana der viertgrößten Stadt der Türkei im Südosten gelegen. Die Einwohner sind überwiegend arabisch-stämmig. Ganz Akape, immerhin ca. 25.000 Einwohner, besteht als Aleviten. Die Aleviten gehen in keine Moschee, tragen keine Kopftücher – über 11 Millionen Aleviten gibt es in der Türkei. Frauen und Männer feiern Gottesdienste zusammen, diese Vorstellung allein ist ein Gräuel für einen tief religiösen konservativen Sunniten und AKP-Wähler. Seit Jahrhunderten standen bei den türkischen Sultanen die Aleviten im Verdacht mit ihren schärfsten Gegener, den Persern, die bekanntlich Schiiten sind, unter einer Decke zu stecken. Deshalb gab es immer wieder Pogrome und Massaker, Aleviten wurden zu Tausenden abgeschlachtet. In Deutschland wird bei allen Informationen über die Amenier-Christen– und Kurdenverfolgung in der Türkei die Aleviten-Verfolgung fast vollständig ausgeblendet. In jüngster Zeit gelang es mit mehreren Aktionen der AKP und dem Präsidenten Erdogan die Aleviten in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Da ist zum einen der geplante Bau der neuen Brücke über den Bospurus in Istanbul. Dabei ist es weniger der Bau, als der Name der Brücke: Sie ist Sultan Selim I. geweiht über dessen Regentschaft es in osmanischen Quellen u.a. heißt: „Der allwissende Sultan (Selim I) sandte korrekte Schreiber über das gesamte Land, um die Unterstützer der Gruppe (Aleviten) zu vermerken, Stück für Stück und Name für Name, es wurde angeordnet vom Diwan (einer Institution der leitenden Exekutiven des Osmanischen Reiches), um Aufzeichnungen des Diwans über jeden von sieben bis siebzig Jahren einzuholen und die Namen von vierzigtausend Personen, alt und jung, wurden in diesen Registern aufgezeichnet; danach brachten Beamte diese Register zu den Verwaltern aller Regionen (des Landes). In den Orten, in die sie gingen, töteten sie mehr als vierzigtausend per Schwert in ihren Heimatregionen.“ Dieser „große Sultan“ der Sunniten gilt den Aleviten demzufolge als Schlächter übelster Sorte – nicht genug damit brachte die aktuelle Regierung in die alevitischen Regionen im Süden (u.a. in die Provinz Hatay) zehntausende sunnitische Flüchtlinge aus Syrien, die im alevitischen Gebiet der Türkei alles anders als willkommen sind. Neuster Schachzug Erdogans war es diese per Dekret zu türkischen Staaatbürgern zu machen um sich so eine neue Anhängerschaft zu sichern.

Gegen den neuen „Sultan Erdogan“ der sein Projekt Agenda 2020 voran treibt – bis dahin will er regieren und kann es Dank der von ihm geänderten Gesetze vielleicht auch wirklich – laufen nicht nur die Aleviten Sturm. 70 Prozent der türkischen Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre, diese wollen sich nicht von einer religiösen Partei vorschreiben lassen, wie sie zu leben, was sie zu essen und zu trinken haben – ihnen gegenüber steht eine durch Erdogan zu Wohlstand gekommene neue Mittelschicht, die es nicht nur in den kleineren Städten und in ländlichen Regionen sondern auch in konservativen Statteilen der 10-Millionen-Metropole Istanbuls gibt – aus einem stammt Erdogan selbst. So sind Unterstützer der Regierung und Gegner ungefähr gleich stark, was an syrische Verhältnisse erinnert. Erdogan hat unbestreitbare Erfolge vorzuweisen: So soll in Istanbul u.a.der größte Flughafen der Welt entstehen, ein Luftdrehkreuz, das Afrika mit Asien und Europa verbinden wird. Gleichzeitig treibt Erdogan seine religöse Agenda voran, das Kopftuchverbot ist aufgehoben und es gibt viele, die ihn und die AKP verdächtigen, die Scharia wieder einführen zu wollen. Im aktuellen Kampf stehen sich säkulare und religiöse Kräfte gegenüber – wie Merkel bezeichnet Erdogan seine Politik als alternativlos. Ob es die Türkei darüber zerreißt werden die nächsten Monate zeigen …