Sind Unternehmer entbehrlich?

Von Jochen Mattern

Bodo Finger, Maschinenbauunternehmer und ehrenamtlicher Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft, legte Anfang des Jahres in der Sächsischen Zeitung ein Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft ab. Das geschah aus Sorge um die Wirtschaftspolitik und das rechte Verständnis von sozialer Gerechtigkeit. Sachsens oberster Wirtschaftsrepräsentant ist nämlich beunruhigt darüber, „dass die überwiegende Mehrheit unserer Gesellschaft die soziale Kompetenz für soziale Gerechtigkeit einem linken Parteienspektrum zuordnet“. Wer das sein mag und wer nicht, das erläutert der Maschinenbauunternehmer zwar nicht, doch unterstellt er dem linken Lager, soziale Gerechtigkeit als „allumfassende Daseinsvorsorge“ zu interpretieren, was wider die „ökonomische Vernunft“ sei und undemokratisch obendrein. Denn unter der „Fürsorge“ des Staates und seinen „leistungsfremden Vergütungen“ litten die „Leistungsgerechtigkeit“ und die „Selbstbestimmung“ der Bürger. Gegen die „Diktatur der Wohlmeinenden“ und ihren „transfergetragenen entmündigenden Daseinsvorsorgestaat“ mobilisiert nun Bodo Finger seinen unternehmerischen Sachverstand. „Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch!“, fasst er sein wirtschaftspolitisches Credo zusammen. Nur eine von staatlicher Regulierung freie Wirtschaft, heißt das, könne „Wohlstand für alle!“ schaffen. Die Berufung auf Ludwig Erhard zeugt von der Konfusion im Kopf von Sachsens oberstem Wirtschaftslobbyisten.

Die soziale Marktwirtschaft der Nachkriegsbundesrepublik und die gegenwärtig praktizierte „neue soziale Marktwirtschaft“ sind zwei Paar Schuhe. Die soziale Marktwirtschaft war eine gemischte Volkswirtschaft mit überwiegend privatwirtschaftlicher organisierter Produktion und einer hohen staatlichen Aktivität in der Wirtschaft, die bestrebt war, den vom Markt verursachten Ungleichheiten mittels staatlicher Eingriffe entgegenzuwirken. An die Stelle staatlicher Regulation ist heute die Selbstregulation der Märkte getreten. Davon zeugt auch das veränderte Verständnis von dem, was Unternehmer zu leisten haben. Aus Sicht der Unternehmer sollte die Gesellschaft wie ein Wirtschaftsunternehmen organisiert sein. Zentraler Akteur der Markt- bzw. Wirtschaftsgesellschaft ist der Unternehmer. Sie gelten die eigentlichen Heroen des 21. Jahrhunderts. Innerbetrieblich und darüber hinaus praktizieren Unternehmer eine „Form individueller Führerschaft“ (Josef A. Schumpeter), wofür sie den Respekt vor Autorität, Arbeitsteilung und hierarchischen Beziehungen verlangen. Durch ihr freies und eigennütziges Agieren am Markt, ausschließlich dem Gewinnstreben verpflichtet, mehren Unternehmer den Wohlstand der Gesellschaft. Ihre soziale Verantwortung besteht allein darin, dass sie „für die Aktionäre ihrer Gesellschaften so viel Gewinn wie möglich zu erwirtschaften“. So will es Milton Friedman, einer der geistigen Väter des Neoliberalismus und Nobelpreisträger für Wirtschaft 1976. Demgemäß reagieren Firmen heutigen Tags nicht mit höheren Löhnen oder verbesserten Sozialleistungen auf steigende Gewinne, sondern mit Stellenabbau.

Allerdings verfehlt das heroische Bild vom Unternehmer die Realität in modernen Unternehmen. Diese setzen weniger auf die starke Einzelpersönlichkeit als auf eine „Unternehmenskultur“, die alle Beschäftigten einbezieht. Innovation im Unternehmen wird als ein kollektiver Prozess verstanden, der von verschiedenen Netzwerken und vom Wissen und Können aller Beteiligten abhängt. Kein Unternehmen, das innovativ sein will, kann es sich leisten, auf das Wissen und Können aller seiner Beschäftigten zu verzichten. Moderne Unternehmen entwickeln infolgedessen eine Unternehmenskultur der „kulturellen Führung“, die durch flache Hierarchien gekennzeichnet ist. Der DGB Sachsen plädiert deshalb für „ein entsprechendes Beteiligungskonzept“, in dem Betriebsräte „eine entscheidende Rolle im betrieblichen Innovationsprozess und bei der Ausbildung einer Innovationskultur“ im Unternehmen spielen. Das verschafft Unternehmen nachgewiesenermaßen Wettbewerbsvorteile gegenüber Unternehmen ohne eine starke Interessenvertretung der Belegschaft. Und es relativiert die Bedeutung der einzelnen Unternehmerpersönlichkeit, um nicht zu behaupten, dass Unternehmer entbehrlich seien.