Porschs Kolumne

Vom Yeti und der Nagelsuppe

Deutschland hat 357.121 km² und knapp 82 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Das gibt eine Bevölkerungsdichte von 230 Menschen pro km². Jeder Bewohner, jede Bewohnerin Deutschlands kann also statistisch etwa 4.340 m² für sich in Anspruch nehmen, um zu wohnen, sich zu ernähren und sonstige Dinge, die sie oder er noch so braucht, aus dem Boden zu gewinnen. Wer freilich denkt, das müsste doch reichen, irrt. Das Wiener „Sustainable Europe Research Institut“ hat jetzt eine andere Rechnung aufgemacht. Allein für das Wohnen und was damit zusammenhängt werden pro Kopf durchschnittlich 400 m² Boden verbraucht, und als reine Agrarfläche sind noch einmal 6.000 m² vonnöten. Das ist noch kein ganzer Hektar, aber doch schon mehr, als nach den obigen Zahlen zur Verfügung steht. Und es reicht noch lange nicht. In jedem Industrieprodukt, in jeder Dienstleistung steckt Bodenverbrauch – für einen Laptop z. B. 10 ²m, für ein Auto 150 ²m. Wie gleicht sich dann die Differenz aus? Ganz einfach: Man bedient sich außerhalb der Grenzen des eigenen Landes. So beutet z. B. Deutschland 66 % des für seinen Konsum benötigten Landes nicht in Deutschland selbst aus, sondern anderswo, auch in Europa, vornehmlich jedoch in Afrika, Asien und Lateinamerika. Die gesamte EU macht das zu 44 %. Das genannte Institut nennt den Landverbrauch „Land-Fußabdruck“. Das Bild vom Fußabdruck ist gut gewählt. Denn das alles ist für die betroffenen Länder beileibe kein Geschäft. Es ist eine Last. Waldrodung, Pestizideinsatz, Überdüngung werden von Europa ausgelagert. Rohstoffgewinnung hinterlässt irreparable Schäden. Die Produktion von Exportware steht in den Erzeugerländern in Konkurrenz zur Selbstversorgung und schmälert diese oft bis zur Katastrophe. Der zunehmende „Hunger“ nach Land führt zu „Landraub“. Stellvertretend machen das für uns die großen Konzerne und ihre Handlanger in den betroffenen Ländern. Über Jahrhunderte von Einheimischen nach Gewohnheitsrecht bewirtschaftetes Land wird für herrenlos erklärt und verkauft. Die Lebensgrundlage vieler Menschen ist zerstört. Aber es ist wie bei Yeti, dem Schneemenschen. Man findet den Fußabdruck, die Verursacher bleiben weitgehend im Verborgenen. Und selbst wenn man eine Vorstellung von ihnen hat, selbst wenn man ihnen begegnet, man bekommt sie nicht zu fassen.

Mir fällt da noch ein altes norwegisches Märchen ein: Ein junger Mann kommt auf den Marktplatz einer kleinen Stadt und beginnt eine Feuerstelle zu errichten. Darüber hängt er seinen Suppenkessel. Neugierig schauen die Marktfrauen, was da so geschehen soll. Der junge Mann füllt den Kessel mit Wasser, holt aus seiner Tasche ein kleines Päckchen und wickelt einen Nagel heraus. Kurz lässt er ihn in der Sonne glänzen und wirft ihn dann ins langsam zu kochen beginnende Wasser. „Es wird eine feine Nagelsuppe“, erklärt er den etwas ratlos Herumstehenden. Ja, nur der Nagel wäre die Grundlage der Suppe. Ein Möhrchen dazu könnte zwar nicht schaden, wäre aber nicht wirklich nötig. Sellerie würde den Geschmack sicher ein wenig verbessern, aber sein muss es nicht. Ähnlich wäre es mit Petersilie und anderem Gemüse. Alles verfeinerte zwar das Ergebnis, wirklich brauchen würde man es aber nicht. Immer noch von der Neugier getrieben, versorgten die Frauen den Mann mit den angesprochenen „Unnötigkeiten“. Die Suppe war schließlich fertig. Jede und jeder durfte ein wenig probieren. Das Staunen über die Köstlichkeit, aus einem einfachen Nagel geschaffen, nahm kein Ende. Den Hauptanteil jedoch verleibte der junge Mann sich selbst ein. Sein Hunger war gestillt. Fertig geworden, wusch er den Kessel sorgfältig aus, wischte den Nagel ab und packte ihn wieder ins Papier.

Erzählt man die Geschichte, wird meist die Schlauheit des Jünglings bewundert und die Einfalt der Marktfrauen verlacht. Der Betrug erscheint als verdienter Erfolg auf dem Markt. So ähnlich verhalten sich wohl Europäerinnen und Europäer bis heute. Ohne die übervorteilten Lieferantinnen und Lieferanten aus anderen Erdteilen hätten wir jedoch plötzlich nur den Nagel, um daraus eine schmackhafte Suppe zu kochen.